Schwarze Milch (2020)

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Uisenma Borchus Film „Schwarze Milch“ stellt die Frage, was es heißt, erwachsen an den Ort der Kindheit zurückzukehren.

Schwarze Milch (2020)

Eine Filmkritik von Lucia Wiedergrün

Bekannte Fremde

Semiautobiographisch ist „Schwarze Milch“, nach „Schau mich nicht so an“ (2015), der zweite Film von Uisenma Borchu. Borchu selbst spielt Wessi, die nach Jahren in Deutschland zu ihrer nomadisch lebenden Schwester Ossi (Gunsmaa Tsogzol) in die Mongolei zurückkehrt. Ob es ein Besuch auf Zeit ist oder eine permanente Rückkehr, bleibt dabei in der Schwebe. In langen, ruhigen Einstellungen erzählt der Film von den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden der Schwestern, vom Leben zwischen Konventionen und Freiheit, dem Verhältnis der Einzelnen zu ihrer Umwelt. Denn Wessis Heimkehr nach so vielen Jahren der Abwesenheit bringt Konflikte mit sich. Was sich zunächst noch in kleinen Reibungen und Spannungen des Alltagslebens ausdrückt, droht zu eskalieren als Wessi eine erotische Beziehung zu Terbish (Terbish Demberel) aufzubauen beginnt. Denn nicht nur gilt der kinderlose und unverheiratet Mann als seltsamer Eigenbrötler, er ist auch viele Jahre älter als Wessi. „Schwarze Milch“ begibt sich somit in das Spannungsfeld von sexueller Freiheit auf der einen und gesellschaftlicher Konventionen auf der anderen Seite und stellt die Frage, wie sich zwischen diesen Polen ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit einstellen kann.

Diese Spannung zwischen Weite und Enge findet sich dann auch in den Bildern des Films wieder, spielt dieser doch fast ausschließlich entweder in der scheinbaren Endlosigkeit der Steppe oder in der Begrenztheit der Jurten. Dabei bleibt die Kamera immer ganz nah an ihren Protagonist*innen. Nie wirken diese klein oder verloren in der weiten Landschaft, vielmehr bilden sie stets das Zentrum aller Bilder. Diese Fokussierung auf die Figuren wird zugleich unterstützt und konterkarieren von den konstanten Geräuschen der Umgebung – dem Heulen des Windes, dem Knirschen der Steine unter den Sohlen der Schuhe und dem Knacken der Äste im Feuer. Die Figuren des Films scheinen damit immer sowohl fester Bestandteil der Umwelt als auch Fremdkörper zu sein. Gerade Wessis im Wind wehendes Haar ist Verbindungsglied und Stein des Anstoßes zugleich. Heimat und Stolz gehen in den rauen Bildern des Films somit eine Verbindung ein, die fernab der nationalistischen Vereinnahmungen dieser Begriffe liegt.

Da Schwarze Milch seine Figuren kaum ihre Gefühle und Beweggründe erklären lässt, ist er auf die Wirkmacht seiner Bilder angewiesen. Deren Schönheit birgt aber die Gefahr der Distanzierung. So groß die Nähe der Kamera auch sein mag, stellt sich im Verlauf des Films immer stärker das Gefühl ein, eher auf die Figuren zu schauen als durch sie. Die Sinnlichkeit dieser Selbstsuche bleibt daher mitunter äußerlich. Wir schauen einer Frau dabei zu, wie sie ein ganzes Feld an Affekten und Emotionen durchschreitet, ohne dass der Film uns immer an ihnen teilhaben ließe. Wenn man aber nur schaut und nicht fühlt, drohen die ausgetragenen Konflikte vorhersehbar zu werden, was angesichts der Individualität der Erzählperspektive sehr schade ist.

Schwarze Milch ist ein rauer und schöner Film, dessen sinnliche Wucht sich aber nie gänzlich überträgt. Nachhallend ist dieses stolze Portrait einer Frau und ihrer Suche nach Geborgenheit und Freiheit dennoch. Ebenso wie die Erkenntnis des Films, dass sich Heimat letztendlich vielleicht nur im eigenen Körper, in jedem Fall aber nicht abseits von ihm finden lässt.

 

Schwarze Milch (2020)

In Uisenma Borchus zweitem semibiografischen Film sucht eine junge Frau nach ihren Wurzeln. Sie findet dabei eine eigenwillige, radikale Sinnlichkeit, die nicht nur mongolische, sondern auch vermeintlich freiere, westliche Konventionen durchbricht.

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