Charlatan (2020)

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In ihrem neuen Film widmet sich Agnieszka Holland dem Wunderheiler Jan Mikolášek, der in den 1950er Jahren in Konflikt mit den Behörden des kommunistischen Regimes geriet und vor Gericht landete.

Charlatan (2020)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Quacksalber oder Wunderheiler?

Ein prüfender Blick auf die gelbe Flüssigkeit und der Mann im weißen Kittel weiß Bescheid. Immer wieder, fast zu häufig, zeigt Agnieszka Holland diesen Blick und die Geste des Schüttelns der Glasflaschen, in denen sich der Urin der Patienten befindet, die all ihre Hoffnungen auf den Heiler Jan Mikolášek (Ivan Trojan) setzen, dem sie eine fast kultische Verehrung entgegenbringen. Zumal der stets korrekt gekleidete Mann neben dem unbestechlichen Blick und den fast prophetischen Fähigkeiten ein Herz aus Gold zu haben scheint: Als er einer Mutter einen Aufenthalt am Meer für ihr krankes Kind empfiehlt und diese weinend gesteht, dass sie sich das nicht leisten kann, gibt er ihr kurzerhand das Geld.

Auch bei seinen Behandlungsmethoden geht Mikolášek ungewöhnliche Wege, auch wenn diese zu den ältesten Therapiemethoden der Menschheitsgeschichte gehören. Der Sohn eines Gärtners vertraut auf die Heilungskräfte der Natur und mischt aus Heilpflanzen und Kräutern Tees zusammen, die erstaunliche Erfolge zeitigen. Doch genau diese Mischungen, die er seinen Patienten und Patientinnen verabreicht und manchmal auch mit der Post zuschickt, werden ihm eines Tages zum Verhängnis: Angeblich, so die tschechoslowakischen Sicherheitsbehörden, denen das Treiben des strenggläubigen Heilers ein Dorn im Auge war, sollen durch einen Tee zwei Menschen zu Tode gekommen sein. Was während der offensichtlich politisch motivierten Gerichtsverhandlung niemand ahnt: Mikolášek hat ein ganz anderes Geheimnis zu verbergen, denn er hat ein Verhältnis mit seinem Assistenten František Palko (Juraj Loj). Und das ist zur damaligen Zeit noch strafbar.

Viel Zeit, vielleicht zu viel lässt sich Charlatan für das wiederholte Zeigen der ungewöhnlichen Diagnosemethoden der Wunderheilers (1889-1973), der noch heute in seiner Heimat große Verehrung erfährt. Immer wieder wirft die Kamera gemeinsam mit dem Protagonisten forschende Blick in die Glasflaschen, entdeckt Trübungen, Sedimente, Schlieren und anderes Außergewöhnliches und lässt den Heiler, der immer darauf besteht, kein Doktor zu sein, seine Schlüsse aus den messerscharfen Beobachtungen ziehen. 

In routinierten Rückblenden erzählt Agnieszka Holland von Mikolášeks Jugend, in der er durch einen Zufall seine heilerischen Fähigkeiten entdeckte, als er seine eigene Schwester mit einem Kräutergemisch vor der Amputation ihres Beines bewahrte. Später wird er bei einer bekannten Heilerin in die Lehre gehen, nach er diese mit seiner nahezu seherischen Gabe beeindruckt hat. Allerdings zeigt sich bereits in frühen Jahren ein anderer, dunkler Wesenszug an ihm, der seiner äußeren Gefasstheit widerspricht: Als er einen Sack kleiner Katzen schultert, um diese auf Geheiß seiner Lehrmeisterin zu ersäufen, erschlägt er diese lieber mit sadistischem Furor und äußerster Grausamkeit. Auch in seiner Beziehung zu seinem Assistenten gibt es Anteile, die verstören: Maßlosigkeit, Grausamkeit und narzisstisches Anspruchsdenken. Denn als Františeks Ehefrau schwanger wird, fordert der Heiler den werdenden Vater unmissverständlich dazu auf, seiner Frau ein Mittel zu verbreichen, dass eine Fehlgeburt auslöst — und schämt sich nicht einmal dafür.

Handwerklich ist Agnieszka Holland mit Charlatan ein solider Film gelungen, der routiniert seine Geschichte erzählt, ohne dabei stilistisch oder erzählerisch wirkliche Akzente zu setzen. Auch erzählerisch wird manches ausgespart — und es sind vor allem die politischen wie moralischen Aspekte von Mikolášeks Wirken für die Nationalsozialisten sowie sein Verhältnis zum Kommunismus, die allenfalls angedeutet werden. Statt der forschenden Blicks in mit Urin gefüllte Glasflaschen hätte genaueres Hinschauen auf die Ambivalenzen und Brüchigkeiten im Leben und Wirken des Heilers diese sehr brave filmische Biographie zu einem weitaus besseren Film gemacht.

Charlatan (2020)

Agnieszka Hollands neuer Film “Charlatan“ basiert auf wahren Ereignissen und erzählt von dem tschechischen Heiler Jan Mikolásek, der unzähligen Menschen geholfen haben soll.

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