Gunda (2020)

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Die Wirklichkeit anderer Lebewesen spürbar zu machen, gehört zu den größten Kräften des Kinos. Wie warm und schmerzhaft zugleich das sein kann, zeigt Victor Kossakovskys Dokumentarfilm „Gunda“.

Gunda (2020)

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Wovon träumen Schweine?

Ein Schwein liegt in der offenen Tür eines Stalls, die Augen geschlossen, der Atem gleichmäßig. Gunda scheint zu schlafen, dann beschleunigt sich ihr Atmen kurz, wird wieder ruhig, und eine kleine Bande Ferkel kommt über ihre Mutter geklettert, kurz nach der Geburt noch stolpernd und ein wenig hilflos auf der Suche nach Milch. Victor Kossakovskys Dokumentarfilm „Gunda“ folgt der titelgebenden Sau, ihrem Nachwuchs, ein paar Hühnern und einer kleinen Rinderherde. Es sind allein das eigene Leben der Tiere und ihre Wirklichkeit, die zum Kern eines bewegenden Blicks auf die Lebewesen werden, die wir täglich essen – ganz ohne Ausrufezeichen oder Appelle.

Wovon mag ein Schwein träumen, wenn es dösend im Schlamm liegt? Um Gunda herum tollen ihre Ferkel, neugierig-forsch stolpern sie sich durch die noch unentdeckten Wunder eines kleinen Hofs, der mit seinem Auslauf voller Geäst und Gebüsch, mit seinen schlammigen Suhlen ihr Zuhause ist. Auch eine kleine Gruppe Hühner, die zum ersten Mal ins Freie dürfen, zeigt der Film: Unsicher und langsam staksend erkunden sie den weichen, grasigen Boden und recken den Kopf in die frische Brise. Sie sehen zerrupft aus, einem von ihnen fehlt ein Bein, aber nach wenigen Augenblicken werden die Schritte sicherer, das Gefieder wird geplustert und die Flügel strecken sich in Freiheit.

In glänzend schwarz-weißen Kamerafahrten erkundet Gunda das Leben seiner Hauptfiguren, immer aus ihrer Augenhöhe und in respektvoller Distanz, die zugleich intime Nähe zu den Tieren schafft: Wann bietet sich schon die Zeit und Gelegenheit, einer Gruppe Ferkel und ihrer Mutter in Ruhe dabei zuschauen zu können, wie sie durch das Unterholz streifen? Wie oft kommt es vor, dass man einem Schwein tief in die Augen blicken kann, jede Borste auf seiner Stirn wahrnimmt, gemeinsam einen kurzen Augenblick bei ihm voller Wärme verweilt? Gunda ist kein Film nur für Stadtkinder, um „den Bauernhof“ und seine Bewohner zu vermitteln, ebenso wie er kein aktivistischer Film über Vegetarismus ist, der den Weg zur gegenseitigen Achtung über schockierende Szenen von Schlachtungen und Folter wählt. Stattdessen lässt Gunda sich auf die Tiere als seine Gegenüber ein, als Lebewesen mit eigenem Wahrnehmen und Fühlen, eigenen Gedanken und Träumen, die wir für einen kurzen Moment vielleicht teilen können.

Die besondere Fähigkeit des Kinos, Innerlichkeit in Bildern einen Ausdruck zu geben, nutzt Kossakovsky, um die Zuschauer*innen in die Wirklichkeit der Tiere und ihre Umgebung aufzunehmen. Unaufdringlich gleiten die Bilder durch Stalltüren und Grashalme, die dichte Klanglandschaft umhüllt das Angebot des Films, sich auf das gemeinsame Leben mit den Tieren, und sei es nur für eine kurze Weile, einzulassen. Nur wenige Sequenzen des Films verlieren sich ein wenig zu sehr in den Zeitlupenansichten grasender Rinder und scheinen mehr mit sich als mit den Tieren beschäftigt zu sein – das ist jedoch die seltene Ausnahme.

Alles Menschliche rückt dabei in den Hintergrund: Nur am Rande des Hofs künden Zäune in wenigen Bildern davon, dass hier dem freien Leben der Tiere eine Grenze gesetzt ist, wenn etwa ein Huhn versucht, den Kopf durch die Maschen zu schieben, oder Gunda einen kurzen, unangenehmen Kontakt zum Elektrozaun hat. Als schließlich ein Traktor ins Bild gerollt kommt, ist auch dieser nur als unfassbare und unbegreifliche Maschine aus der tiefen Sicht der Tiere zu sehen, die zuvor so viel Nähe und Einfühlung stiftet und nun von Angst und Verunsicherung erfüllt ist. Menschen kommen dabei nie ins Bild, aber eine Transportbox, deren Zweck das Idyll der Schweine zerreißt.

Wohin das Schicksal der Tiere führt, lässt der Film offen – er muss es auch nicht konkretisieren, denn der Weg von Schweinen auf einem Bauernhof ist allen Zuschauer*innen auch ohne Erläuterung klar. Die Stärke von Gunda liegt gerade nicht darin, warnende und bedrückende Bilder der Lebensmittelindustrie zu zeigen, Bilder dessen, wozu Menschen im Umgang mit Tieren in der Lage sind. Stattdessen bleibt der Film bei seiner Figur, bei einem Lebewesen, dessen Schmerz und ohnmächtige Verzweiflung gerade deswegen so herzzerreißend spürbar sind, weil dieses Schwein nicht abstrakt für das Leid von Tieren steht, sondern weil wir es kennengelernt haben als ein Wesen, das fühlt und träumt und bangt.

Filme können die Vorstellung, die wir von unserem Platz in der Welt haben, verändern, indem sie eine andere Wahrnehmung und eine andere Wirklichkeit teilbar werden lassen. In einem Augenblick, in dem ich – nicht einmal Vegetarier – tränenerfüllt ein verzweifeltes Schwein in den Arm nehmen möchte, um ihm zu bedeuten, dass es nicht allein auf der Welt ist, dass jemand da ist und dass vielleicht alles gut wird, auch wenn ich keinen Grund habe, daran zu glauben, erfüllt das Kino die größte Hoffnung, die wir an seine Kraft richten können: Gemeinsamkeit zu stiften, wo immer sie von Vereinzelung und Ohnmacht bedroht wird.

Gunda (2020)

Gunda ist die Protagonistin dieses dokumentarischen Triptychons in mildem Schwarz-Weiß. Sie kümmert sich um ihre Kleinen und geht mit ihnen auf Entdeckungsreise, dann zieht sie sich zurück und schöpft Kraft. Vorsichtig nähert sie sich der Kamera. Weiß sie um ihr Schicksal? Was mag sie denken? Von uns halten? Gunda ist eines von mehreren hundert Millionen Schweinen, die den Planeten bewohnen; dazu kommen noch eine Milliarde Rinder, im Film vertreten durch zwei anmutig muhende Kühe, sowie über 20 Milliarden Hühner, hier ein sich durch die Welt tastendes einbeiniges Huhn. Im Schlamm wühlende, Fliegen verscheuchende und Würmer suchende Held*innen – Filmessayist Victor Kossakovsky ist und bleibt rigoros: Nach diesem Film sei Fleischkonsum ausgeschlossen.

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Meinungen
Mr. Glow · 02.03.2020

Was soll ein filmschaffender Tierleidversteher denn noch tun, Lars, damit sich die Welt ändert, wenn jene, die "tränenerfüllt ein verzweifeltes Schwein in den Arm nehmen möchten" nicht mit dem Herzen verstehen, warum nur eine vegane Lebensweise das Mindestmaß an Achtung einer anderen Lebensform entgegen bringt, welches eigentlich als Selbstverständlichkeit für eine angeblich empathisch denkende, handelnde Spezies stehen sollte?

Und dabei wird noch nicht einmal der Schritt zum Vegetarismus debattiert... Ihr seid undurchschaubar, ihr Menschen.

Kommentare

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