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Die u.a. mit Brad Pitt starbesetzte und von David Leitch inszenierte Verfilmung „Bullet Train“ des Romans von Kōtarō Isaka wahrt das Credo von der Einheit von Zeit und Raum und verlegt die actionreiche, mit durchaus überraschenden Wendungen gespickte Handlung in einen fahrenden Schnellzug.

Bullet Train (2022)

Eine Filmkritik von Florian Koch

Die neue Action-Lässigkeit

Würdevoll altern. Gerade für Actionhelden keine leichte Aufgabe. Wenn die Falten zunehmen, arbeiten die Stars der Szene sich weiter an ihren aufgepumpten Körpern, an markigen Posen und Sprüchen ab. Manchmal auch, wie einst Arnold Schwarzenegger, wenigstens garniert mit etwas Selbstironie. Den Entwurf eines völlig neuen Typus wagen jedoch, gewiss auch aus kommerziellen Gründen, nur die wenigsten. Anders Brad Pitt.

2019, als die Karriere des smarten Sonnyboys plötzlich stockte, half ihm Quentin Tarantino, der bereits die Laufbahn von John Travolta wiederbelebte, zu neuer Größe. Als unverschämt lässiger Stuntman Cliff gewann Pitt für Once Upon a Time in Hollywood nicht nur den Oscar für die beste Nebenrolle, sondern auch neue Fans. Denn hinter der Fassade des coolen Draufgängers deutete sich in Pitts Figur auch eine dunkle Seite, ein Geheimnis, an, das, nie ganz erklärt, seine Figur aber noch spannender machte. Ganz ähnlich funktioniert nun auch Pitts sehenswerte Performance in der wild-grotesken Actionkomödie Bullet Train.

Bereits sein erster Auftritt ist eine Schau. Mit federleichtem Gang gleitet Ladybug (zu deutsch: Marienkäfer) in lässigen Sneakers und ulkiger Fischermütze durch die Millionenmetropole Tokio. Aus den Boxen wummert dazu der Sound von Stayin‘ Alive. Nur wenig später bricht Regisseur David Leitch (Atomic Blonde, Deadpool 2) jedoch mit diesem hippen Gangsterstereotyp aus dem Guy-Ritchie-Kosmos. Denn dieser Ladybug möchte am liebsten wegkrabbeln vor dem nächsten Auftrag. Das Pech würde er anziehen, ständig Unschuldige auf dem Gewissen haben und damit jede seiner Missionen gefährden. Immerhin ginge es ihm nun besser, seit sein Therapeut ihm geraten habe, dass man in Frieden leben könne, wenn man ein friedvolles Gemüt auch ausstrahlen würde. „Du vergisst hier nur, womit du eigentlich dein Geld verdienst“, ermahnt ihn dann knallhart eine Stimme aus dem Kopfhörer. Die Mittelsfrau (im Original: Sandra Bullock) am Telefon ist, manchmal auch für die Zuschauer*innen etwas anstrengend, die einzige Person, die Ladybug nun psychologisch aufpäppeln kann und muss. Denn der für den Auftrag gesetzte Killer fällt krankheitsbedingt plötzlich aus. Die Mission selbst ist für die Macher des Films aber nur ein MacGuffin, quasi ein Vorwand für eine launige Typenkomödie und für das wendungsreiche Spiel mit Genreklischees.

Einen Koffer soll Ladybug an sich nehmen, im rasend schnellen, topmodernen Shinkansen-Zug auf der Strecke zwischen Tokio nach Kyōto. Die gleiche Idee haben aber ein halbes Dutzend weiterer Profikiller, die sich mal mehr, mal weniger gut getarnt im Zug befinden. Darunter Tangerine (Aaron Taylor-Johnson) und Lemon (Brian Tyree Henry), ein psychopathisches britisches Zwillingspaar, das leider keine Ähnlichkeit miteinander besitzt und über Vorlieben für die Kinderserie Thomas, die kleine Lokomotive diskutiert. Oder der als unschuldiges Schulmädchen kostümierte „Prince“ (Joey King), eine Zynikerin, die mit ihrem Vater längst einen Schuldigen für ihr verkorkstes Leben ausgemacht hat. Und dann wäre da ja noch die japanische Seite, die in Bullet Train erfreulicherweise nicht nur zur Kulisse degradiert wird. Kimura (Andrew Koji) wacht im Prolog des verschachtelt in Rückblenden erzählten Films am Krankenbett seines kleinen Sohnes Wataru (Kevin Akiyoshi Ching) auf. Jemand hat das Kind brutal von einem Dach gestoßen. Und dieser Jemand erwartet Kimura in besagtem Zug.

In ihren Normen sprengenden Charakterzügen und ausgefallenen Kostümierungen erinnern all diese detailreich gezeichneten Figuren an den Kosmos von Quentin Tarantino. Abgesehen von den auch hier mitunter pubertär aufdringlichen Gewaltexzessen gelingt es der in den Dialogen gewitzten und in der Action gnadenlos schnittig choreographierten Unterhaltungs-Lokomotive aber zumeist, eine eigene Note zu bewahren. Und in der ewig diskutierten Frage nach der (All)Macht des Schicksals oder der Eigenverantwortlichkeit des Handelns konfrontiert der Film nicht nur seine mit sich ringende Hauptfigur, sondern auch konsequent seine Zuschauer*innen. Die erleben mit Brad Pitts Ladybug tatsächlich einen der charmantesten Auftragskiller der Filmgeschichte, der bei seiner unmoralischen Tätigkeit ganz ohne Schusswaffe auskommt und sich zwischen den Kämpfen wie ein Zen-Mönch auch mal eine Ruhe-Trinkpause gönnt.

Bullet Train (2022)

Fünf Killer, die sich an Bord eines Hochgeschwindigkeitszuges befinden, finden heraus, dass ihre jeweiligen Aufträge etwas miteinander zu tun haben. 

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Meinungen

Hans im Glück · 07.08.2022

Trotz der Länge von ca. 2,5 Stunden war der Film für mich sehr kurzweilig. Er macht Spaß und ist auch für die Augen ein fulminantes Spektakel. Die immer wieder schnittigen Dialoge passen sehr gut zu dem Gesamtkonzept des Filmes.