Die Farbe aus dem All (2019)

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H.P. Lovecraft zu verfilmen ist eine Herkulesaufgabe – in diesem Film fällt eine Farbe vom Himmel, die alles durchdringt.

Die Farbe aus dem All (2019)

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Eigentlich unbeschreiblich

Eine Farbe, wie ich sie noch nie gesehen habe, „unlike any known colours of the normal spectrum“. H.P. Lovecraft beschreibt diese „Colour Out Of Space“ in seiner gleichnamigen Erzählung eben nicht, sondern beschreibt, wiederholt immer wieder ihre Unbeschreibbarkeit, ihre Fremdheit, ihre Unvergleichbarkeit, die sich nur im Vergleich beschreiben lässt – und es ist genau diese Lücke, diese Leerstelle, die den Meteoriten und seine Folgen so unheimlich macht.

Mit solchen Leerstellen hat es das Kino mediengemäß etwas schwerer: Wie sollte man eine Farbe gerade nicht zeigen? Wie soll man eine Farbe zeigen, die noch niemand gesehen hat? Richard Stanley hat sich für seine Adaption Die Farbe aus dem All (der im Originaltitel Color Out Of Space amerikanisch ein „U“ fehlt) entschieden, nicht auf die Leerstelle zu schauen, sondern auf das, was die Leerstelle füllt. Sein Perspektivwechsel beginnt schon damit, dass er nicht (wie in der Vorlage) über zwei Stellen vermittelt aus der Vergangenheit erzählt, sondern die Handlung in unsere Gegenwart legt; und endet nicht mit einem genauen Blick auf die Farbe, irgendein helles Lila im Dreieck zwischen Rot, Blau und Weiß. Das hat alles seinen Reiz, aber der Effekt ist ein grundlegend anderer als in Lovecrafts Text.

Nathan Gardner (Nicolas Cage) ist mit seiner Frau Theresa (Joely Richardson) und ihren drei Kindern Benny, Lavinia und Jack (Brendan Meyer, Madeleine Arthur und Julian Hilliard) in das Haus auf dem Land gezogen, das früher schon seinem Vater gehört hat – ein Umstand, der mit durchaus ambivalenten Gefühlen verbunden ist. Theresa verdient Geld als Brokerin für Kunden im ganzen Land, Nathan versucht sich am Gemüseanbau und vor allem an einer Alpakazucht.

Die Kinder sind mit dem Umzug in die Nähe der Stadt Arkham nicht zufrieden, Benny kifft, der kleine Jack ist einsam, Lavinia sucht sich aus Büchern Wicca-Rituale zusammen, unter anderem mit dem Ziel, die Krebserkrankung ihrer Mutter zu heilen. Eine Familie also, die eh schon zum Zerreißen angespannt ist, lauter Sollbruchstellen, es knirscht schon, bevor der Meteorit fällt.

Das passiert mitten in der Nacht, mit jenem lilaweißen Licht, das nun die „Farbe aus dem All“ sein wird, es knallt, Jack ist für Minuten schockstarr. Draußen liegt ein seltsam pulsierend leuchtender Stein im Garten, am nächsten Morgen ist er schon etwas eingesunken und raucht nur noch, schließlich verschwindet er ganz in der Erde und hinterlässt nur ein Loch. Schon bald hört Jack Stimmen, ein Mann unten im Brunnen, gleich neben der Einschlagsstelle, spricht zu ihm; der Blick hinunter zeigt dann eine Kapsel, auch sie leuchtend, und schließlich ein Insekt, wie eine Gottesanbeterin mit zahlreichen, asymmetrisch verteilten Augen, lila selbstverständlich, aus dessen Augen man Jack ansieht, verzerrt und in farbverfälschten Mustern.

Das Wasser aus diesem Brunnen wird fortan eine Rolle spielen, aus irgendeinem Grund trinken es alle, auch als es längst nicht mehr klar ist, sondern rot zwischen Rost und Blut; nur der junge Hydrologe Ward (Elliot Knight) warnt davor, er ist auch mehr als nur ein bisschen in Lavinia verknallt, aber da hört schon niemand mehr auf ihn.

Bunte Blumen und Gewächse rund um den Brunnen, farbige Nebel in der Nacht, ein Quallenwesen in der Dusche, riesige Tomaten, die einen Monat zu früh reif sind: Da wächst etwas im Garten der Gardners, während die Familie emotional auseinanderbricht und die Tiere sich seltsam zu verhalten beginnen. Es ist alles sehr offensichtlich und sehr fokussiert im Kamerablick, gerne zentral im Bild. Immer wieder werden vielsagend Wassergläser und Karaffen gezeigt, mit zunehmend trüber Flüssigkeit.

Stanley, der auch das Drehbuch geschrieben hat, hat sich für seinen ersten Langspielfilm seit über 25 Jahren, für dieses genaue Hinschauen entschieden; dem Unheimlichen, dem schleichenden Horror Lovecrafts stellt er einen unnachgiebigen Blick entgegen, der nur gelegentlich durch zu viel Licht oder zu viel Schatten behindert wird; diese Farbe, die brennt, betreibt die Auflösung von Körpergrenzen, Verschmelzung, Auflösung und Desintegration. So entstehen bizarre, stöhnende und schreiende Kreaturen, nur noch halb menschlich. Es ist kaum auszuhalten.

Leider ist das filmisch weder besonders aufregend noch originell. Der Blick aus den Insektenaugen scheint der Perspektive des Predator (1987) zu gleichen und der Körperhorror, mit seinen Kreaturen, sind Auswüchse, die eingewandert scheinen aus der Antarktis, wo sie in John Carpenters Das Ding aus einer anderen Welt (1982) und Matthijs van Heijningens jüngerem Prequel The Thing (2011) für Schrecken sorgten.

Das vage antikommunistische „Watch the skies!“ der Nachkriegs-Science-Fiction ersetzt der Film durch „Don‘t drink the water!“ – an den damit implizierten eigentlichen Schrecken jedoch, dass der Feind schon immer unter uns ist, traut sich der Film dann doch nicht so recht heran.

Die Familie, die so aufwändig eingeführt wird, zerfällt ziel- und planlos unter dem Druck der Ereignisse, sie bleiben aber so sehr Abziehbilder, dass selbst das (furchtbare) Schicksal des jüngsten Kindes weitgehend kalt lässt; Lavinias Wicca-Bemühungen geben dem Ganzen ebenso wenig eine weitere Ebene wie die Hintergrundgeschichte mit Nathans Vater (von dem kurz ein Bild zu sehen ist, das, wie ich glaube, aber nicht verifizieren konnte, wohl eigentlich H.P. Lovecraft zeigt).

Nicolas Cage, der König des Over-Acting, der zuletzt in Mandy (2018) eine furiose, umwerfende Leistung gezeigt hatte, diesen Film zu einem Adrenalinritt durch die Horrorfilmgeschichte gemacht hatte, dreht hier zwar als emotional abnehmend kontrollierter Vater auch gelegentlich ein wenig ab; er nimmt sich aber spürbar zurück, vermutlich auch, um insbesondere Madeleine Arthur Raum zu geben.

Sie ist eigentlich das emotionale Zentrum des Films – und dass sie schon in der allerersten Szene lila Strähnen im Haar trägt, wirft als einziges offene Fragen auf, auf die Die Farbe aus dem All glücklicherweise keine Antwort sucht. So bleibt ein wenig Zauber, ein wenig Leerstelle.

Die Farbe aus dem All (2019)

In Richard Stanleys Leinwandadaptation von H.P. Lovecrafts Horrorkurzgeschichte kracht ein Meteor in das Anwesen einer Familie in New England, was für die Betroffenen (unter anderem ist Nicolas Cage in einer Rolle zu sehen) erhebliche Folgen hat. 

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