Der weiße Tiger (2021)

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Mit ehrlichem Buckeln zum Erfolg – eine ehrenwerte Vorstellung. Doch Ramin Bahrani zeigt in „Der weiße Tiger“, dass es dazu mehr braucht. 

Der weiße Tiger (2021)

Eine Filmkritik von Matthias Pfeiffer

Aus der Kaste der großen Bäuche

Ach, wie schön sind doch Erfolgsgeschichten. Einer von ganz unten schafft es nach ganz oben. Nach Elend und Mühsal kann er endlich das genießen, was er schon so lange verdient hat. Letztendlich kann es doch jeder zu etwas bringen, wenn er nur wirklich will und hart dafür arbeitet. Wenn man die Realität ausklammert, könnte das stimmen. Mit „Der weiße Tiger“, einer Verfilmung des preisgekrönten Romans von Aravind Adiga, unterstreicht der iranisch-amerikanische Filmemacher Ramin Bahrani („99 Homes“, „Fahrenheit 451“) das unmissverständlich.

Gleich zu Beginn des Films sieht man die Hauptfigur Balram (Adarsh Gourav) als erfolgreichen Geschäftsmann, der in seinem schicken Anzug am Laptop sitzt und eine E-Mail an den chinesischen Präsidenten schreibt. Schließlich gehöre die Zukunft „dem gelben und dem braunen Mann“, und deshalb sollte man über gemeinsame Projekte nachdenken. Kaum zu glauben, dass dieser braune Mann einmal der Inbegriff von Devotion war. Er klärt dieses verwirrende Bild auf, indem er uns seine Lebensgeschichte erzählt. Alles beginnt in einem nordindischen Dorf, gezeichnet von Armut und Perspektivlosigkeit. Für Balram scheint es zunächst gut auszusehen, schließlich ist er ein wissbegieriger Junge. Aber wo das Geld fehlt, da hilft auch die Wissbegier nichts. Und so sieht er mit der Zeit ein, dass er aus dem Dorf Lebewohl sagen muss, wenn er nicht so enden will wie der Rest seiner Familie. Der Entschluss steht fest: Er will zum Diener aufsteigen.

Bahrani erzählt Der weiße Tiger nicht als bitterernstes Sozialdrama, sondern als ironisches und streckenweise böse Gesellschaftssatire. Das Kastensystem in Indien ist noch lange nicht abgeschafft, es haben sich nur die Begriffe geändert. In der Gegenwart gibt es zwei Kasten: „Männer mit großen Bäuchen und Männer ohne.“ Der Kapitalismus hat die Tradition nahtlos ersetzt und alles Schlechte beibehalten. Aber der Großteil der Bevölkerung lebt im „Hühnerkäfig“ und hat nicht das geringste Interesse, sich daraus zu befreien.

Balram jedenfalls hat sich einen großen Bauch zum Streicheln ausgesucht, den er schon seit Kindertagen kennt. Er bewirbt sich als Fahrer bei dem Großgrundbesitzer, der in seinem Dorf als herzloser Geldeintreiber bekannt ist. Tatsächlich bekommt er den Job und chauffiert die arrogante Gesellschaft mit Dauergrinsen durch die Gegend. Im Grunde ist er jedoch der nützliche Idiot, der jede Drecksarbeit vom Teppichklopfen bis zur Fußmassage übernehmen muss. Nur Ashok (Rajkummar Rao), der Sohn seines Chefs, und dessen Frau Pinky (Priyanka Chopra) sehen in ihm mehr als einen Sklaven und werden so etwas wie eine Familie für ihn. Bald muss er jedoch erkennen, dass auch Ashok ein Unternehmer ist, in dessen Business Menschenfreundlichkeit nur nebenbei funktioniert. In gewisser Weise ist er genauso ein Opfer seiner Umstände. Auch die illegalen Machenschaften seiner Herren bleiben ihm nicht verborgen. Desillusionierung und Demütigungen prasseln immer weiter auf ihn ein, bis ihm klar wird, dass er zum Raubtier, zum weißen Tiger werden muss, wenn er nicht sein Leben lang kriechen will. 

Die Zuspitzung des inneren Konflikts gelingt Bahrani über weite Strecken ziemlich gut. Auf welche Art und Weise Balram aus dem Loch der Unterwerfung aufsteigt, ist für das Publikum selten vorhersehbar. Zumal Ashok immer wieder seine menschliche Seite zeigt und die Hoffnung aufkommt, dass sich so alles ganz von selbst bessert. Bemängeln muss man aber, dass der endgültige Bruch mit der Diener-Mentalität zu weit hinausgezögert wird. Die eigentliche Aussage kommt so etwas zu kurz. Bahrani konzentriert sich zu sehr darauf, die reiche Kaste in all ihrer Ignoranz und Gewissenlosigkeit zu zeigen, was hier und da klischeebeladen wirkt. So wirkt es dann auch vollkommen legitim, wenn der Held selbst jede Moral über Bord wirft. Zieht man diesen Wermutstropfen jedoch ab, bleibt ein gelungener Film, voll mit schwarzem Humor und bitteren Wahrheiten. Denn bei aller satirischen Übertreibung zeigt er anschaulich eine finstere Welt, die man in der westlichen Hemisphäre auf so direkte Art selten mitbekommt. 

Der weiße Tiger (2021)

In dieser in Indien spielenden Verfilmung des New-York-Times-Bestsellers schreckt ein ehrgeiziger Chauffeur vor nichts zurück, um den Aufstieg aus der Armut zu schaffen.

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