Concrete Cowboy (2020)

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Cowboys und Cowgirls mitten in der Stadt – das sieht komisch aus, ist aber so. Zumindest in Philadelphia gibt es sie noch. In seinem ersten Langfilm erzählt Ricky Staub ihre Geschichte. Dafür schwingt sich Idris Elba in den Sattel.

Concrete Cowboy (2020)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Da steht ein Pferd auf dem Flur

Aus dem modernen Stadtbild sind Pferde verschwunden. Das Auto hat sie ersetzt. Heutzutage sieht man sie allenfalls noch vor Touristenkutschen gespannt oder Polizist*innen auf ihnen reiten. Manchmal muss man aber auch nur ein wenig genauer hinsehen, um die Vierbeiner zu entdecken. An den Ausläufern der US-Metropole Philadelphia ist der Umgang mit Pferden als urbane Subkultur noch lebendig und steht in einer weiteren Tradition, die von der breiten Öffentlichkeit gern übersehen oder gar weißgewaschen wird.

Auch dem 15-jährigen Cole (Caleb McLaughlin) war diese Subkultur bislang unbekannt. Als er ihr zum ersten Mal begegnet, ist er perplex. Und auch das Publikum stutzt kurz. Der Unruhestifter muss den Sommer als Strafe bei seinem Vater Harp (Idris Elba) verbringen. In dessen Haus steht doch glatt ein Schimmel auf dem Flur. Harp lässt sich nicht aus dem Konzept bringen, als gäbe es auf der Welt nichts Normaleres, als ein Pferd in der Wohnung zu parken. Für Harp und all die Gleichgesinnten von Philadelphias Fletcher Street verhält es sich wohl tatsächlich so, wie das Publikum gemeinsam mit Cole kurz darauf am Lagerfeuer erfährt.

Schwarze Männer und Frauen mit großen Hüten auf den Köpfen und Stiefeln an den Füßen, die am nördlichen Rand Philadelphias gemeinsam einen Pferdestall unterhalten, die die Tiere zu- und gemeinsam ausreiten und nachts mitten in der Stadt ums Lagerfeuer sitzen – ein Hauch von Wildem Westen weht durch diesen Film, auch wenn der Regisseur Ricky Staub aus seinem ersten Langfilm keinen Neo-Western, sondern eine Mischung aus Coming-of-Age-Film, Familiendrama und Drogenkrimi gemacht hat. Als Cowboys und -girls begreifen sich aber alle um Harp, weil es bereits ihre Väter und deren Väter und deren Väter waren. Eine Tatsache, um die selbst in den USA nicht viele wissen; auch deshalb, weil in den Filmen der Traumfabrik alle Cowboys wie John Wayne, Gary Cooper oder Glenn Ford aussahen.

Die Prämisse mag erfunden klingen, doch die Pferdenärrinnen und -narren gibt es wirklich. Sie haben sich im Fletcher Street Urban Riding Club zusammengefunden. Einige von ihnen spielen sich im Film selbst. Der Schriftsteller Greg Neri hat den Roman Ghetto Cowboy (2011) über sie geschrieben, der dem Drehbuch aus der Feder Staubs und seines Co-Autors Dan Walser zugrunde liegt. Staub wiederum war auf die Subkultur aufmerksam geworden, als er einen der Fletcher Street Cowboys durch Philadelphia reiten sah. Seine Recherchen führten ihn zum Riding Club und schließlich zu Neris Buch. 

Das Eintauchen in diese den meisten Zusehenden wohl gänzlich unbekannte Subkultur ist erfrischend. Gemeinsam mit Cole lauscht das Publikum den Geschichten am Lagerfeuer, schuftet in den Ställen und nähert sich den Tieren an. Die Farbpalette verschiebt sich dabei ganz allmählich. Das fahle Licht nächtlicher Straßenlaternen weicht dem hellen Sonnenschein. Coles Aufstieg vom Stallburschen, der wortwörtlich Scheiße schaufelt, zum gleichgestellten Cowboy verläuft hingegen allzu formelhaft. Es ist nicht die einzige unglückliche Drehbuchentscheidung.

In der Handlung zeichnen sich zwei Konfliktlinien ab: Zum einen sind die Ställe nur gemietet, und auf dem Grund und Boden des baufälligen Gemäuers könnte bald ein attraktives und vor allem lukratives neues Wohnviertel entstehen. Zum anderen läuft Cole seinem alten Kumpel Smush (Jharrel Jerome) über den Weg und rutscht in dessen Schlepptau immer tiefer in die Drogenszene. Während die Drehbuchautoren der drohenden Verdrängung der Cowboys durch die Gentrifizierung bis zu deren Kulminationspunkt kaum Beachtung schenken, räumen sie der Nebenhandlung im Drogenmilieu zu viel Platz ein. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren.

Concrete Cowboy spielt in einer schwarzen Subkultur, und bis kurz vor Schluss tauchen weiße Figuren darin nicht auf. Hätten Staub und Walser den Kampf gegen die Gentrifizierung in den Mittelpunkt gerückt, hätten sie auch den von Cowgirl Nessie (Lorraine Toussaint) als Latte Macchiato trinkende Hipster verspotteten Weißen mehr Raum gewähren müssen. Das Aussparen dieses Konflikts verdammt die Cowboys und -girls allerdings zu einer ungesunden Passivität. Obwohl die Warnungen des Polizisten Leroy (Clifford „Method Man“ Smith) aus den eigenen Reihen kommen, sitzen die Adressierten nur ums Lagerfeuer, finden sich mit ihrem Schicksal ab und beklagen sich über die seit Jahrhunderten erlittene Diskriminierung. Die Klage ist berechtigt, und um ihr Schicksal abzuwenden, fehlt es den Betroffenen vermutlich an Macht und Mitteln. Thematisiert wird das jedoch nicht, wodurch sie ein Phlegma an den Tag legen, dass den echten Flechter Street Cowboys nicht gerecht werden dürfte.

Am aktivsten zeigen sich noch Cole und Smush. Scheinbar als Einzige nehmen sie die Bedrohung ihrer Subkultur ernst. Denn Smush, einst selbst ein Teil des Riding Clubs, hat seinen Traum vom Cowboy keinesfalls aufgegeben. Das schnelle Geld im Drogenmilieu ist für ihn nur Mittel zum Zweck, um Philadelphia hinter sich zu lassen und statt den urbanen Cowboy zu geben, in den Weiten des noch nicht gentrifizierten Westens sein Glück zu (ver)suchen. Dafür hat er freilich das falsche Gewerbe gewählt. Auch der von ihm eingeschlagene Weg ist kein Ausweg und eine weitere unglückliche Drehbuchentscheidung.

Am unglücklichsten ist aber das Schauspielpotenzial, das dieser Film verschenkt. Idris Elba, der den Film mitproduzierte, kann es kaum einmal abrufen. Seine Figur gleicht einer Schimäre, die durch den Film geistert. Abseits der Pferdeställe hat sie scheinbar kein Leben, sie ist in sich nicht schlüssig und außer nachdrücklich vorgetragenen Ratschlägen hat sie nichts in petto. Concrete Cowboy erzählt von diesem Vater-Sohn-Konflikt mit zu vielen Leerstellen und Ungereimtheiten. Harps beeindruckend gestählter Körper, obwohl er sich augenscheinlich nur von Cola und Bier ernährt, ist eine davon. Warum er seinen Kühlschrank nicht mit etwas anderem als Cola und Bier füllt, nachdem sein 15-jähriger Sohn bei ihm eingezogen ist und dieser ihn explizit darauf anspricht, ist eine andere. Als Vorbild kann dieser Mann im Grunde nicht dienen und doch stellt ihn der Film als solches hin. 

Was bleibt, ist ein erster Eindruck einer spannenden Subkultur und eine Ahnung davon, wie viel besser Concrete Cowboy hätte werden können. Im Abspann kommen einige der echten Cowboys und -girls zu Wort und man wünscht sich, mehr von ihnen zu erfahren. Vielleicht erfüllt ein Dokumentarfilm irgendwann einmal diesen Wunsch.

Concrete Cowboy (2020)

Während seiner Sommerferien in North Philadelphia gerät ein problematischer Teenager (Caleb McLaughlin) zwischen die Fronten eines Lebens in Kriminalität und der höchst aktiven städtischen Cowboy-Subkultur, in der sein ihm eigentlich unbekannter Vater (Idris Elba) völlig aufgeht. G. Neris Roman „Ghetto Cowboy“ diente als Inspiration für den Film unter der Regie von Ricky Staub.

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