Quai d'Orsay

Quai d'Orsay

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Es ist nie zu spät für etwas Neues

In eine völlig andere, bislang für sein Werk eher untypische Richtung geht der französische Filmveteran Bertrand Tavernier und überrascht damit gewaltig. Der Regisseur Baujahr 1941 ist ja eher bekannt für seine überbordenden und sehr französischen Historienfilme. Das mag man gar nicht glauben, wenn man seinen neuen Film Quai d’Orsay sieht — eine Adaption eines französischen Comics über das Leben eines jungen Redenschreibers in der französischen Regierung. Und hier umschifft Tavernier gleich fachmännisch die erste Hürde und versucht gar nicht erst, den Comic-Stil der Vorlage in Kinosprache zu übersetzen und seinen Film „jung und cool“ zu machen. Vielmehr bleibt er bei einer betont ruhigen Kinoästhetik und gibt so der Erzählung den Raum, den sie verdient, ohne sie permanent als Comic zu kennzeichnen.
Der junge Arthur (Rafael Personnaz) bekommt den Job seines Lebens: Redenschreiber für den französischen Ministerpräsidenten Taillard (basierend auf Dominique de Villepin). Dieser vermag es schon in persona große Reden zu schwingen, die viele Worte aber doch sehr wenig Inhalt haben („Verantwortung! Einheit! Effizienz!“). Seine erste Aufgabe besteht sogleich darin, eine Rede für die UN zu schreiben, denn die Sache in Ludemistan (ein Land, das wohl den Irak und die damals dort schwelende Krise darstellen soll) wird langsam heiß. Die Amerikaner vermuten Atomwaffen und wollen einen Präventivkrieg starten. Die meiste Zeit verbringt der Film aber damit, den alltäglichen Wahnsinn zu porträtieren. Ein Ministerpräsident, der einfach zum joggen losrennt und seine Bodyguards müssen hinterher, die Minister und Experten für die verschiedenen geografischen Standorte und ihre kleinen und großen Privatproblemchen, die überarbeiteten Sekretärinnen, der Papierkram und natürlich Arthurs Kampf mit der Rede, die jedes Mal von Taillard abgelehnt wird. Obwohl er sie nicht ein einziges Mal gelesen hat hat er dennoch stets etwas daran auszusetzen — zur Not lädt er schon mal befreundete Philosophen und Schriftsteller ein, die die Rede verschlimmbessern.

Quai d’Orsay erinnert an die großen Hollywood-Komödien der 1930er Jahre: hervorragend modellierte Figuren, schnelle und bissige Dialoge, Situationskomik und hier und da auch einfach ein wenig Klamauk. So kündigt sich Taillard stets in Tyrannosaurus Rex-Manier an. Die Gläser wackeln, man hört mehrmals lautes Knallen und dann fliegen die Papiere nur so durch den Raum, wenn die Sekretärinnen sie nicht rechtzeitig festgehalten bekommen, denn Taillard kann Türen nicht schließen, er hebt sie wie Obelix einfach aus den Angeln. Ansonsten erinnert er stark an seinen englischen Bruderfilm In the Loop (wer diesen Film mochte und nichts gegen eine sehr französische Variante hat, wird Quai d’Orsay lieben).

Zwar gibt es hier und da mal ein paar Längen, doch das verzeiht man diesem leichtfüßigen Derwisch von einem Film sehr gern, denn er wartet auch mit Szenen auf, die so großartig witzig und gekonnt inszeniert sind, dass man sich auf dem Boden zwischen den Kinostühlen wieder findet, so sehr muss man lachen. Auf jeden Fall zeigt Bertrand Tavernier hier, dass man auf jeden Fall weiterhin mit ihm rechnen muss und dass es nie zu spät ist, einfach mal radikal etwas Neues zu machen.

Quai d'Orsay

In eine völlig andere, bislang für sein Werk eher untypische Richtung geht der französische Filmveteran Bertrand Tavernier und überrascht damit gewaltig. Der Regisseur Baujahr 1941 ist ja eher bekannt für seine überbordenden und sehr französischen Historienfilme.
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