Mein Leben mit Amanda (2018)

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Mikhaël Hers lässt sein Werk „Mein Leben mit Amanda“ als munteren Sommerfilm beginnen – bis er sich plötzlich und doch erstaunlich feinfühlig der tiefen Trauer und Traumabewältigung widmet.

Mein Leben mit Amanda (2018)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Gemeinsame Trauer

Monsieur Hulot – der von Jacques Tati verkörperte Protagonist aus der Komödie Mein Onkel (1958) – dürfte wohl der bekannteste Onkel des französischen Kinos sein. Ein nicht weniger einnehmender Filmonkel steht nun im Zentrum von Mikhaël Hers’ neuem Werk „Mein Leben mit Amanda“, das 2018 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig in der Nebensektion Orizzonti seine Premiere feierte.

David (Vincent Lacoste) ist Mitte 20 und Single. Er ist für das Pariser Grünflächenamt tätig und jobbt nebenher als Vermittler von Unterkünften, wodurch ihm selbst mietfrei eine kleine Wohnung zur Verfügung steht. Der junge Mann bewegt sich recht unbekümmert durch seinen leicht chaotischen Alltag – was dazu führt, dass er auch mal zu spät kommt, wenn er seine siebenjährige Nichte Amanda (Isaure Multrier) von der Schule abholen soll. Davids alleinerziehende ältere Schwester Sandrine (Ophélia Kolb) ist Englischlehrerin; die beiden wuchsen bei ihrem inzwischen verstorbenen Vater auf, nachdem sie von ihrer Mutter – einer Engländerin – verlassen wurden. Während Sandrine den Versuch wagen möchte, sich demnächst mit der in London lebenden Alison (Greta Scacchi) zu treffen, wirft David deren Brief ungelesen weg.

Im ersten Akt kommt Mein Leben mit Amanda als sommerlich-leichter Film im Stil der Arbeiten von Éric Rohmer daher. Das Dasein der Figuren ist gewiss nicht frei von Konflikten; es überwiegt allerdings das Unbeschwerte. Hers demonstriert dabei ein gutes Gespür für die Schönheit des Alltäglichen; er fängt das urbane Leben als Abfolge von Routinen und Banalitäten ein, in die sich immer wieder Momente des angenehmen, ausgelassenen Miteinanders mischen. Der Umgang zwischen den Geschwistern, zwischen Mutter und Tochter sowie zwischen Onkel und Nichte ist von Fürsorge geprägt; zudem bahnt sich ein aussichtsreicher Flirt zwischen David und der Klavierlehrerin Léna (Stacy Martin) an.

Wie schon in seinem ebenso gelungenen Vorgänger Dieses Sommergefühl (2015) konfrontiert Hers sein Personal indes alsbald mit einem extremen Einschnitt: Als David wieder einmal mit Verspätung zu einem Picknick im Bois de Vincennes erscheint, hat dort gerade ein Terroranschlag stattgefunden. Zu den Todesopfern zählt auch Sandrine, die mit David, Léna und ihren Freund_innen ihre bestandene Führerscheinprüfung feiern wollte, während eine Babysitterin zu Hause auf Amanda aufpasst. Hers greift nicht auf effekthascherische Mittel zurück, um die unbeschreiblich grausame Tat zu schildern. In wenigen Bildern und Worten bringt er den Schock zum Ausdruck, den der Einzug des Terrors in den Alltag verursacht. Sein Film verarbeitet damit auch das nationale Trauma, das etwa die Anschläge am 13. November 2015 in Paris hinterlassen haben. Er konzentriert sich jedoch ganz auf Davids Umfeld – zum einen auf Léna und Davids Kumpel Axel (Jonathan Cohen), die beide körperliche Verletzungen davontragen und feststellen müssen, dass sich ihr ganzes Leben durch diesen einen Moment verändert hat; zum anderen befasst sich das Werk aber vor allem mit der gemeinsamen Trauer von David und Amanda um Sandrine.

David muss schlagartig Verantwortung übernehmen. Soll er Amandas Vormund werden? Welche Alternativen gäbe es? Und wie soll er dem Mädchen den Tod der Mutter vermitteln, wie soll er seiner Nichte in deren Schmerz beistehen? Die Unbegreiflichkeit der Tat macht den Trauerprozess noch schwieriger. Hers erzählt all dies gänzlich ohne Pathos, sondern mit einer beeindruckenden Sensibilität und Ruhe. Auch sein Hauptdarsteller Vincent Lacoste (Sorry Angel) und die Leinwand-Debütantin Isaure Multrier tragen mit ihrem zurückhaltenden Spiel dazu bei, dass Mein Leben mit Amanda zu einer subtilen Betrachtung von Verlusterfahrung und dem Versuch, weiterzumachen und füreinander da zu sein, wird.

Mein Leben mit Amanda (2018)

Nachdem seine Schwester ermordet wurde, muss David sich plötzlich um seine siebenjährige Nichte Amanda kümmern.

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