Mängelexemplar

Mängelexemplar

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Versions of myself

Eine Frau rennt durch die Straßen, auf dem Rücken ein Kind, das sich so fest an sie klammert, dass sie kaum Luft bekommt. Das Kind zetert und zerrt, will einfach nicht loslassen, sich nicht abschütteln lassen. Also läuft die Frau auf die Brücke und wirft das Kind mit einem schwungvollen Ruck ins Wasser. Ein Schock! Wer tut nur so etwas? Entwarnung ist schnell gegeben: Es war lediglich das innere Kind, das Karo (Claudia Eisinger) loswerden muss, auf der Suche nach emotionalem Gleichgewicht.
Ebenso impulsiv und halsbrecherisch wie ihre Protagonistin ihr Leben angeht, stürzt sich auch Laura Lackmann in ihrem Regiedebüt Mängelexemplar in die Geschichte dieser jungen Frau, die einfach nicht in die Welt zu passen scheint. Sie trifft keine vernünftigen Entscheidungen, interessiert sich nicht für die Probleme anderer, ist ein wenig egozentrisch und viel zu emotional. Das mutet anfangs – und im Trailer – temporeich-unterhaltsam mit schnellen Schnitten, knalligen Farben und leicht überzogenen Kameraeinstellungen an, doch unter dieser bunten Oberfläche verbirgt sich ein fast schmerzhafter Film über das Leben mit einer Depression. Denn als Karo ihren Job in einer Eventagentur verliert und von ihrem Freund (Christoph Letkowski) verlassen wird, wird ihr auch der restliche des ohnehin schon fragilen Bodens unter den Füßen weggerissen – und sie verliert sich in sich selbst. Der Stil des Films bleibt jedoch weitgehend gleich, er wird zwar bisweilen etwas ruhiger, vor allem aber reißen Regisseurin, Hauptfigur und Hauptdarstellerin die Zuschauer_innen in einen Strudel der Gefühle und Launen, die mal unterhalten, mal nerven, mal himmelhochjauchzen lassen und mal zu Tode betrüben. Man wird in Karos Wahrnehmung der Welt und ihrer Umwelt hineingeworfen und ist deshalb mit ihr diesem Strudel an Emotionen ausgeliefert.

Dass dieser Ansatz funktioniert, liegt insbesondere an der hinreißenden Hauptdarstellerin Claudia Eisinger, die mühelos zahlreiche Emotionen weckt: Sie verstört, rührt und nervt zugleich gewaltig. Dadurch ist zu verstehen, wie sehr sie leidet, wie schlecht es ihr geht, schließlich gibt es einen Grund, warum Karo ständig weint, ausflippt, sich in ihren Gedanken und Fantasien verliert, dass sie Angststörungen und Panikattacken hat: sie hat eine Depression. Zugleich ist aber zu verstehen, warum ihr Umfeld, darunter ihre beste Freundin (Laura Tonke), ihre Egozentrik nicht mehr erträgt. Und dadurch wird sehr deutlich, ja, fast am eigenen Leib nachempfindbar, dass psychische Erkrankungen auch für das Umfeld anstrengend sind.

Claudia Eisinger wird von einer guten Darstellerriege unterstützt, der es ebenso wie dem Film gelingt, die vielseitigen Erfahrungen und Wahrnehmungen einer Depression einzufangen. Dazu gehört auch die auf den ersten Blick etwas gewöhnungsbedürftige und von Sarah Kuttners gleichnamiger Romanvorlage abweichende Entscheidung, Karos Probleme mit dem "inneren Kind" zu erklären, das in dem Film nicht innerlich, sondern sehr sichtbar ist. Es liegt mit im Bett und spricht in unpassend erscheinenden Situationen mit Karo – und wird zu einer gelungenen Verbildlichung von einem Teil von Karos Schwierigkeiten. Sie bekommt ihr Kind nicht unter Kontrolle, deshalb muss es stören – nicht nur sie, sondern auch das Publikum.

Lange Zeit geht der Film daher erfreulicherweise nicht immer den einfachsten Weg. Als es Karo aufgrund von Medikamenten besser geht und sie nachlässig wird, folgt ein Rückfall, die Großmutter (Barbara Schöne) erweist sich in ihrer Fürsorglichkeit eine Zeit lang als passend, dann erscheint wiederum die resolute Mutter (Katja Riemann) sich besser um Karo kümmern zu können. Leider steht dann am Ende ein unnötiges und allzu konventionelles Happy End, das diesem entwaffnenden Film den leichten Nachgeschmack gibt, dass mit dem richtigen Mann alles gut sei. Doch so einfach ist es dann doch nicht.

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Eine Frau rennt durch die Straßen, auf dem Rücken ein Kind, das sich so fest an sie klammert, dass sie kaum Luft bekommt. Das Kind zetert und zerrt, will einfach nicht loslassen, sich nicht abschütteln lassen. Also läuft die Frau auf die Brücke und wirft das Kind mit einem schwungvollen Ruck ins Wasser. Ein Schock! Wer tut nur so etwas?
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Titel
Mängelexemplar
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Startdatum
FSK
12

Daten und Fakten

Produktionsland
Filmlänge
111 Min
DVD
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TV

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