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Mit „Lieber Kurt“ hat Til Schweiger den Roman „Kurt“ von Sarah Kuttner verfilmt – und dabei den Fokus der Handlung zugunsten der von ihm verkörperten Figur verschoben.

Lieber Kurt (2022)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Lieber noch mal „Kurt“ als „Lieber Kurt“

Manchmal gilt es Dinge zu schreiben, die absolut keinen Spaß machen – weil sie allzu vorhersehbar sind und wir alle sie schon oft genug gelesen haben. Daher sollen sie hier gleich zu Beginn schnell abgehakt werden. Also: Filme von (und meistens auch mit) Til Schweiger sehen aus und klingen wie Werbung für Versicherungen, Bier, Freizeitbekleidung oder Baumarkt-Selbstverwirklichung; die Musik ist penetrant, das Licht übertrieben, die Ausstattung wie aus einem Hochglanzmagazin zusammengestellt, die Schnittfrequenz zuweilen absurd hoch. Und der Humor der Filme schwankt zwischen infantil und altbacken.

So. Das war jetzt wirklich keine spannende Meinung, Verzeihung. Nun hat Schweiger mit Lieber Kurt indes keine weitere Fortsetzung von Keinohrhasen (2007) oder Kokowääh (2011) oder irgendeinen wahlweise lustig oder inspirierend gemeinten Roadtrip gedreht, sondern den 2019 veröffentlichten Roman Kurt von Sarah Kuttner für die Leinwand adaptiert. An dieser Stelle drängen sich noch einmal ein paar Dinge zur Erwähnung auf. Denn während Schweiger 2020 durch fragwürdige Positionen, etwa in Bezug auf den Kanal KenFM, negativ auffiel, geriet die einstige VIVA- und MTV-Moderatorin und Autorin von bis dato vier Romanen kürzlich wegen ihrer in einem Podcast geäußerten Ansichten zum „Verbot“ von Worten im deutschen Sprachgebrauch in die Kritik. Ob dies Gründe sind, eine Sichtung von Lieber Kurt zu unterlassen, muss letztlich wohl jede:r für sich entscheiden.

Was dem Roman Kurt sehr gut gelingt, ist die Schilderung eines gerade entstehenden Patchworkfamilien-Alltags – sowie der plötzlichen Zerstörung dieses noch neuen Idylls. Die Protagonistin Lena hat mit ihrem Freund Kurt ein renovierungsbedürftiges Haus in Brandenburg gekauft. Hier soll wochenweise auch Kurts kleiner Sohn, der ebenfalls Kurt heißt, wohnen. Doch dann stirbt das Kind bei einem Sturz vom Schul-Klettergerüst. Ungewöhnlich an der Geschichte ist unter anderem die Perspektive: Lena ist eine Trauernde, die nicht weiß, wie viel Trauer ihr jetzt eigentlich zusteht, da die Trauer ihres Freundes, der seinen eigenen Sohn verloren hat, immer größer und „schlimmer“ erscheint als die eigene. Es geht (auch) um die Frage, wie eine Beziehung einen solchen Schicksalsschlag überstehen kann – und wie Lena darin ihre Rolle findet.

Bei Schweiger nimmt die von ihm selbst verkörperte Figur des trauernden Vaters deutlich mehr Raum als bei Kuttner ein. Lena (Franziska Machens) ist in vielen Szenen gar nicht anwesend. Grundsätzlich ist nichts dagegen zu sagen, dass eine Verfilmung andere Akzente als die Vorlage setzt. In diesem Fall hat es allerdings etwas Ärgerliches, da die Verschiebung des erzählerischen Zentrums leider der Kernaussage des Romans zuwiderläuft. Die Protagonistin, die sich fragt, wie wichtig sie sich und ihre eigenen Gefühle gerade nehmen darf, im Film teilweise zur Randfigur (oder gar zur völlig Abwesenden) zu machen, um den mitunter sehr kitschigen und klischierten Erlebnissen des männlichen Gegenübers mehr Platz zu geben – das mutet dann doch ziemlich seltsam und falsch an und scheint besagte Fragen der Heldin auf wenig sensible Weise zu beantworten.

Das Kind bleibt im Roman ein von Lena mit Erstaunen und wachsender Zuneigung beobachtetes Wesen; im Film ist der kleine Kurt (gespielt von Levi Wolter) ein ununterbrochen Witze reißender Lausbub wie aus einer Klamotte der 1960er oder 70er Jahre. Schweiger fügt dem Romangeschehen, oft in Form von Rückblenden, diverse Slapstick-Einlagen hinzu; diese vermögen aber nicht zu zünden. Auch wenn sich Lieber Kurt an den Arbeitsplatz des Vaters, eine Werbeagentur, begibt oder wenn eine Kneipenschlägerei eingefangen wird, hantieren Schweiger und seine Co-Drehbuchautorin Vanessa Walder mit derart groben Stereotypen und Zuspitzungen, die einfach nicht zum unaufgeregten Ton des Romans passen wollen.

In ein paar Nebenparts ist das Schauspiel sehr solide – so verleihen etwa Jasmin Gerat (als Mutter des kleinen Kurts und Ex-Freundin des großen Kurts) oder Peter Simonischek (als Opa, Papa beziehungsweise Schwiegervater) manchen Momenten etwas recht Authentisches und Anrührendes. In zu vielen Passagen wirken die Dialoge hingegen künstlich aufgesagt; eine Chemie zwischen Schweiger und seiner Leinwandpartnerin Machens will sich nie so richtig einstellen. Geschichten über den Tod und den Umgang damit sind ebenso schwierig wie wichtig; hier ist leider kein geglückter Beitrag zum Thema entstanden. Lieber Kurt ist als Literaturbearbeitung misslungen – und als Film für sich genommen nicht stimmig genug, um zu überzeugen.

Lieber Kurt (2022)

Kurt (Til Schweiger) und Lena (Franziska Machens) ziehen gemeinsam in ein altes, renovierungsbedürftiges Haus außerhalb der Stadt, um näher bei Kurts sechsjährigem Sohn, dem kleinen Kurt (Levi Wolter), und Exfrau Jana (Jasmin Gerat) zu sein. Doch bevor ihr Patchwork-Familienglück so richtig beginnen kann, kommt der kleine Kurt bei einem Unfall ums Leben – und lässt drei Erwachsene zurück, die nicht wissen, wie sie mit diesem tragischen Verlust weiterleben sollen. Während der große Kurt sich völlig zurückzieht und — wenn überhaupt — fast nur noch mit Kurtis Mutter spricht, versucht Lena, gefangen zwischen ihrer eigenen Trauer und dem Wunsch Kurt zu trösten, ihre Rolle in dieser nicht mehr existenten Familie zu finden. Mithilfe ihrer Erinnerungen an die schönsten, komischsten und bedeutendsten Momente mit ihrem Kind versuchen die drei Erwachsenen – Jeder für sich und alle gemeinsam – auf ihre eigene Art und Weise mit dieser Situation umzugehen.

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