La horde

La horde

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Im Nahkampf mit den Untoten

Mit Kickboxen gegen Zombies – warum eigentlich nicht, müssen sich Yannick Dahan und Benjamin Rocher gedacht haben, als sie ihren Film La horde planten. In diesem Horrorsubgenre wird schließlich selten vor Gewaltanwendung gegenüber Untoten zurückgeschreckt, und die etwas schmierigeren Produkte im Segment überbieten sich gegenseitig gerne in den Gebieten Spektakel, Ekelerregung und Körpersegmentierung.
Meist bedeutet das natürlich auch, dass die (noch) menschlichen Protagonisten ebenfalls das Ende des Filmes nicht „am Stück“ erreichen – body horror, Körperhorror, ist ein wesentlicher Bestandteil der Filme, die auf der Leinwand das Innere wortwörtlich nach Außen kehren, und in den besten Fällen daraus sogar politischen und philosophischen, gelegentlich sogar ästhetischen Mehrwert schöpfen.

All das aber hatten Dahan und Rocher wahrscheinlich zunächst nicht im Sinn. La horde ist vielmehr vor allem eine logische Fortsetzung des körperbetonten Agenten- und Polizeifilms, wie er sich in den letzten Jahren etwa in The Bourne Ultimatum oder in Daniel Craigs Bond-Figur gezeigt hat. Da sind die Kämpfe fern von den eleganten Stilisierungen asiatischer Martial-Arts-Movies, und das eigene Leben wird mit Faustschlägen, Fußtritten und zufällig herumliegenden Gegenständen verteidigt.

Glaubwürdig kann das auf Dauer nur sein, wenn die Akteure gewissermaßen Profis der Gewaltanwendung sind, und diese Situation erschafft sich La horde durch die Ausgangssituation: Eine Gruppe Polizisten aus einer Spezialeinheit macht sich da nämlich eines Nachts in ein nahezu verlassen stehendes Hochhaus auf, irgendwo in den Banlieues einer großen französischen Stadt (es wird wohl Paris sein). In einem der oberen Stockwerke hat eine kleine Gang ihr Hauptquartier, die einen ihrer Kollegen ermordet hat, und dafür wollen sie Rache nehmen. Recht und Gesetz sind also beiden Seiten schon von Anfang an ziemlich egal; der Angriff geht natürlich gründlich schief, und bevor man sich’s versieht, gibt es reichlich Tote.

Nur ist das in einer Nacht, in der die Toten sich erheben, um die Lebenden zu verspeisen, natürlich keine besonders gute Arbeitsgrundlage. Folgerichtig wird die Größe der Gruppe sehr rasch weiter reduziert, bis nur noch ein harter Kern übrig ist, etwa gleich viele Gangster wie Polizisten, und alle können nicht ohne einander – und hassen sich doch. Das Setting ist zu diesem Zeitpunkt längst ein klassisches – in dem von Untoten umlagerten Hochhaus gehen sich die Überlebenden an die Gurgel, raufen sich aber wieder zusammen und wollen den Ausbruch wagen, so es ihnen denn gelingt, an den schon im Gebäude herumstreifenden Zombies vorbeizukommen.

Es ist ein nicht geringer Verdienst von La horde, dass die am Anfang angelegten Spannungen zwischen den Lebenden nicht im Laufe des Films aufgelöst, sondern bis in die letzten Minuten hinein aufrecht erhalten und damit vor allem: ernst genommen werden. La horde erreicht damit eine psychologische Intensität, die für das Genre ungewöhnlich ist. Schlimmer noch, das Drehbuch (von Dahan und Rocher zusammen mit Arnaud Bordas und Stéphane Moïssakis verfasst) fügt sogar noch weitere Konfliktlinien hinzu und zersplittert die Gruppe immer weiter. Und obwohl man dem Film anmerkt, welche Mühe er sich gibt, keine politischen Zwischenebenen und -töne einzubauen, wird er damit doch zum präzise treffenden Portrait einer gewalttätigen Gesellschaft und ihrer Selbstauflösung und Selbstvernichtung unter Druck.

Vor diesem Hintergrund werden auch die langen Kampfszenen, vor allem die one-on-one-Kämpfe mit Händen, Füßen und Küchenmessern – natürlich wird auch reichlich geschossen, aber nicht immer hat man ja eine solche Waffe geladen zur Hand – übers reine Spektakel hinaus bedeutungstragend. Denn letztlich sehen sie dem, was man sich unter häuslicher Gewalt oder Brutalität auf der Straße vorstellt, verteufelt ähnlich; das ist nicht, oder jedenfalls nicht konsequent, die mehrfach ironisch gebrochene Splatterästhetik, die das Zombiegenre so pflegt. Das ist vielmehr handgreifliche Gewalt, die sich auch noch dadurch in die Länge zieht, dass der Gegner immer gleich wieder aufsteht, bevor man nicht … Sie wissen schon, wie man Zombies halt so umbringt.

La horde

Mit Kickboxen gegen Zombies – warum eigentlich nicht, müssen sich Yannick Dahan und Benjamin Rocher gedacht haben, als sie ihren Film „La horde“ planten. In diesem Horrorsubgenre wird schließlich selten vor Gewaltanwendung gegenüber Untoten zurückgeschreckt, und die etwas schmierigeren Produkte im Segment überbieten sich gegenseitig gerne in den Gebieten Spektakel, Ekelerregung und Körpersegmentierung.
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