Hass

Hass

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Vom Überleben und Sterben in den Pariser Banlieues

Die Eskalation der längst alltäglichen Gewalt in den sozial stigmatisierten Randvierteln von Paris ist seit den geballten Ausschreitungen in der französischen Hauptstadt vom Herbst 2005 verstärkt immer wieder einmal ein heiß umstrittenes Thema in den Medien. Vor diesen Hintergründen betrachtet haftet dem Spielfilm Hass des französischen Schauspielers und Filmschaffenden Mathieu Kassovitz, der bereits 1995 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt wurde, geradezu der Hauch einer unheilvollen Prophezeiung an – beziehungsweise ein waches, vorausschauendes sozialpolitisches Bewusstsein, das sich nicht scheut, ein realitätsnahes Schreckensszenario zu entwerfen.
Doch Mathieu Kassovitz, der unter anderem in Cannes als Bester Regisseur ausgezeichnet wurde und bei der Entstehung des Films erst siebenundzwanzig Jahre alt war, liegen angesichts der nach wie vor desolaten Situation in den Banlieues triumphierende Regungen ob seiner Weitsicht fern, und in Interviews betont er vielmehr sein Verständnis für die marginalisierte Jugend sowie seine Verurteilung der politisch Verantwortlichen. Hass nicht nur ein unter die Haut kriechendes Jugenddrama um ein Überleben in der Trostlosigkeit, Gewalt und auch Freundschaft, sondern zugleich die ebenso engagierte wie bittere Botschaft, dass die im Abseits angesiedelten jungen Menschen sich geradezu zwangsläufig so verhalten, wie sie behandelt werden – und damit setzt sich das System des wütenden Kampfes fort.

Der harte, von Schikanen und Brutalitäten auch seitens der nur allzu häufig präsenten Polizei geprägte Alltag in dem Pariser Elendsviertel ist seinen Bewohnern seit jeher vertraut, und Drogengeschäfte sowie herumlungernde Jugendliche gehören geradezu zuverlässig zum gewohnten Bild der tristen Straßenzüge. Doch als der junge Abdel (Abdel Ahmed Ghili) bei einem Zusammenprall mit der Polizei so massiv malträtiert wird, dass er in ein Koma fällt, heizen sich die Emotionen, Entrüstungen und Eskalationstendenzen der Bewohner kräftig auf, was wiederum die mitunter skrupellose Haltung der Polizei in Alarmbereitschaft verstärkt.

Vinz (Vincent Cassel), Hubert (Hubert Koundé) und Saïd (Saïd Taghmaoui), die als Jude, Schwarzer und arabischer Muslim ein kraftvoll-lebendiges Beispiel für die multikulturellen Freundschaften in den Banlieues darstellen, fühlen sich besonders stark betroffen. Denn Abdel ist ein Kumpel, ein Junge wie sie selbst, den es übelst erwischt hat, so unterschiedlich sich auch ihre einzelnen Strategien, mit der Situation im Viertel umzugehen, gestalten. Während Vinz sich als Kämpfer gegen die „Bullen“ romantisiert, hat Hubert seine Energien in die Schaffung eines Begegnungsorts für die Jugendlichen investiert, der allerdings gerade den Krawallen der Bewohner zum Opfer gefallen ist. Saïd hingegen gibt den Narren des Trios, der sich selbstironisch von der Tristesse seiner Umgebung absetzt.

Bei einem Ausflug in das Zentrum der Metropole Paris geraten Hubert und Saïd innerhalb der bedrohlichen Atmosphäre in die unsanften Hände rassistischer Polizisten, von denen sie gedemütigt und misshandelt werden, während Vinz sich noch gerade aus dem Staub machen kann. Als die Drei nach dieser Tortur wieder zusammentreffen, äußert sich ihre Ohnmacht in Zerstörungswut und Randalen, wobei es insbesondere Vinz ist, der dabei vorprescht, denn er trägt eine Waffe bei sich, die ein Polizist im Viertel verloren hat. Als publik wird, dass Abdel im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen ist, wird deutlich, dass Vinz entschlossen ist, seinerseits einen Polizisten „hinzurichten“ ...

In eindringlichem Schwarzweiß inszeniert und im rüden Jargon der Jugend der Banlieues gehalten stellt Hass einen markanten, ebenso spannenden wie bedrückenden Film mit einer sensiblen Charakterzeichnung der Akteure dar, dessen unabwendbar schlüssig erscheinende Dramaturgie mit einem drastischen Ende aufwartet. Auch wenn die Figuren mitunter – vor allem zu Anfang – allzu deutlich stilisiert wirken, verflüchtigt sich dieser Eindruck angesichts des dynamischen Flusses der Geschichte rasch wieder. Dass Regisseur Mathieu Kassovitz, der auch das Drehbuch schrieb und gemeinsam mit Scott Stevenson den Schnitt besorgte, keine konkreten Lösungen anbieten würde, wird dem Zuschauer auf Grund der trostlosen Stimmung schnell klar, auch wenn es durchaus heitere sowie geradezu rührend freundschaftliche Momente gibt. Was der französische Filmemacher hier leistet, ist die Eröffnung eines verständnisorientierten Blickwinkels auf die Lebensumstände, Bedrohlichkeiten und auch Ressourcen der marginalisierten Jugend. In diesem Sinne ist Hass ein gesellschaftlich brisanter wie bedeutsamer Film mit einer Rezeptionsgeschichte, die einige Diskurse über den Stoff in Schulen, Expertenkreisen und in den Medien aufzuweisen hat.

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Die Eskalation der längst alltäglichen Gewalt in den sozial stigmatisierten Randvierteln von Paris ist seit den geballten Ausschreitungen in der französischen Hauptstadt vom Herbst 2005 verstärkt immer wieder einmal ein heiß umstrittenes Thema in den Medien.
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