Kidnapping Stella (2019)

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Der erste deutsche Netflix-Film: „Kidnapping Stella“ ist ein Entführungsthriller mit drei Protagonisten, der rasant losgeht und eine Weile lang tatsächlich das Aufregendste sein könnte, was deutsches Genrekino der letzten Jahre zu bieten hat. Aber eben nur eine Weile lang.

Kidnapping Stella (2019)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Gangster-Kammerspiel

Einen Lieferwagen knacken. Die Nummernschilder tauschen. Seil, Schlösser, Folie im Baumarkt kaufen. Schallisolierung an Wände kleben, ein stählernes Bett aufbauen, die Matratze in Folie einwickeln. Ein Loch im Wald graben. Fünf Minuten braucht Thomas Sieben, um die Protagonisten vorzustellen und ihren Plan: „Kidnapping Stella“ – und schon wird sie auf der Straße aufgegriffen, verschleppt, ans Bett gefesselt.

Unglaublich aufregend ist die erste halbe Stunde des Films, der uns ganz auf die Seite der Entführer zerrt, und das wollen wir nicht, weil wir so mit dem Opfer fühlen, das den beiden Männern hilflos ausgeliefert ist. Schreien oder sich wehren ist zwecklos. Die Hose, die Bluse wird aufgeschnitten, Fotos der Frau in Unterwäsche sollen ihren Vater zum Lösegeldbezahlen animieren. Über dem Kopf des Opfers ein Sack, wir sehen sie nicht, sie sieht nichts, die Entführer haben die volle Macht. Erbarmungslos.

Stumme Entschlossenheit spricht aus ihren Handlungen, klare Überlegung, konsequentes Handeln sehen wir, und eine Frau, die vollends in die Passivität gezwungen ist. Nein: Keine sexuelle Gewalt. Aber vielleicht doch. Denn während der eine der Kidnapper wegblickt, als sie in einen Urinbehälter pinkelt, starrt der andere voll drauf. Und auch die Fotos des Opfers scheinen es ihm angetan zu haben.

Doch das ist nicht ganz, was es scheint. Und damit kommt der Film zu seinem Problem. Nach 30 Minuten wird das Opfer aktiv, wir sind bei ihm – und werden sofort in den großen Twist hineingezogen, der freilich nicht mehr die Überraschung ist, die er sein will: Stella (Jella Haase) und Tom (Max von der Groeben) kennen sich. Und wer sich nun an einen anderen Film erinnert fühlt, hat recht: Kidnapping Stella ist das Remake des britischen Thrillers Spurlos – Die Entführung der Alice Creed von 2009, den Regisseur und Autor Sieben nach Berlin verlegt hat. Und dem er, wie er selbst sagt, mehr Emotionalität verliehen hat, indem er die Perspektive des jungen Entführers mehr betont.

Nicht gut. Die erste halbe Stunde zeichnet sich gerade durch das bloße Zeigen aus: Dem Zuschauer wird etwas aufgezwungen, dem er sich emotional entziehen möchte, und das macht den großen Reiz aus. Diese Haltung des Films hätte sich letztlich ausgezahlt – lag aber nicht im Sinn des Autors, und wahrscheinlich nicht im Sinn der Produzenten. Denn dies ist ein Netflix-Film, der seine Zuschauer nicht verlieren darf; und ein Netflix-Film darf offenbar, wenn er nicht von vornherein das Label „Kunst“ aufgestempelt kriegt, nicht allzu experimentell sein. Also keine Melville-hafte Gangsterballade, kein Polanski-mäßiges Psycho-Dreierspiel zwischen Tätern und Opfern: Kidnapping Stella geht auf den Zuschauer zu, holt ihn ab, nimmt ihn bei der Hand und führt in durch seine Story. Tiefe der Charaktere ist so nicht zu erwarten, paradoxerweise nämlich werden die drei, je weiter wir sie und ihre Pläne kennenlernen, je mehr wir über sie wissen, umso oberflächlicher. Was auch daran liegt, dass nach der Hälfte des Films das große Erklären einsetzt, in langen Dialogen wird alles durchgekaut, damit auch kein Aspekt mehr im Dunkeln liegt.

Jella Haase als Entführungsopfer tut alles, um ihre Angst, ihre Verzweiflung auszudrücken – das Drehbuch lässt sie dann aber doch nur in den Klischees der Waffen einer Frau wühlen, von emotionaler Manipulation bis körperlicher Verführung. Max von Groeben, wie Haase aus dem Fack ju Göthe-Universum, ist eigentlich als schön zwiespältiger Charakter angelegt, wird dann aber doch ans Gefühl verraten. Clemens Schick in der Rolle des Vic, ein toller Schauspieler, muss seine Sätze in der Intonation ständigen Misstrauens und ständiger Bedrohlichkeit aufsagen.

Was immer von deutschen Fernsehfilmen so despektierlich behauptet wird: Es werde zu viel geredet, es werde zu viel erklärt, es werde nicht alles bis in die letzte Konsequenz durchgezogen, es werde zu viel an den Zuschauer, zu wenig an die Filmfiguren gedacht: All das trifft hier auch zu. Netflix, wo nicht nur Geld zur Verfügung steht, sondern angeblich auch Experimente möglich sind, zeigt mit diesem Film: Es ist halt auch nur Fernsehen.

Kidnapping Stella (2019)

Stella stammt aus einem reichen Elternhaus — und genau das ist auch der Grund, warum sie von Vic und Tom entführt wird, die sich ein gewaltiges Lösegeld von Stellas Vater, einem vermögenden Industriellen, erhoffen. Doch sie haben die Rechnung ohne die junge Frau gemacht … 

Bei dem Film handelt es sich um ein Remake von Spurlos — Die Entführung der Alice Creed aus dem Jahre 2009.

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