Fritz Lang

Fritz Lang

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Düsseldorf sucht einen Mörder

Noch vor dem ersten Filmbild ist die Melodie zu hören, die sofort die richtigen Erinnerungen weckt: Edvard Griegs In der Halle des Bergkönigs aus Peer Gynt, gepfiffen von einem Mann. Genauer gesagt von dem Mörder aus M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Es folgt ein Gespräch des Serienmörders Peter Kürten (Samuel Finzi), der einem Psychologen nüchtern und ruhig von seinem Mord an einer Frau erzählt. Wie er die Frau kennengelernt, ins Neandertal geführt und dann beim Geschlechtsverkehr ermordet hat. Seine Worte werden mit Bildern seiner Taten unterstützt, dann beginnt Kürten zu singen. Zu seinem Gesang wird der Vorspann gezeigt, dann kehrt der Film wieder zu Kürten zurück und als er sagt, er sei nach der Tat ins Kino gegangen, folgen Ausschnitte aus einem Wochenschaubeitrag über Fritz Lang. Mit diesen drei Ebenen ist der Rahmen von Fritz Lang geschaffen, einem Film, der nicht – wie der Titel vermuten lässt – ein Biopic über Fritz Lang ist, sondern von dessen Vorarbeiten zu M – Eine Stadt sucht einen Mörder erzählt. Dabei mischt Regisseur Gordian Maugg wie schon in seinen vorigen Filmen Der Olympische Sommer und Zeppelin! Archivmaterial mit gespielten Szenen. In dieser Montage (Schnitt: Florentine Bruck) liegt die große Stärke des Films, der ansonsten weniger eine historisch genaue Rekonstruktion der Vorarbeiten als vielmehr eine mögliche Version erzählt: Fritz Lang ist im 4:3-Format gedreht und in Schwarz-Weiß fotografiert, die Übergänge aus Handlung, Archivmaterial von z.B. Taxifahrten und Ausschnitten aus Langs Filmen ist sehr raffiniert.
Fritz Lang hat – wie Norbert Grob in seiner Biographie darlegt – immer abgestritten, dass M – eine Stadt sucht einen Mörder von dem Fall Peter Kürten beeinflusst sei. Vielmehr habe er seinen Film an Serienmördern wie Fritz Haarmann, dem Doppelmord an den Geschwistern Fehse und an der elfjährigen Hilde Zäpernick in Charlottenburg angelehnt und daraus einen Film über die Psyche eines Kindermörders und die Folgen seiner Taten für die Gesellschaft entwickelt. Dagegen haben Filmhistoriker immer wieder auf den Einfluss des Fall Kürten hingewiesen und tatsächlich einige erstaunliche Verbindungen gefunden. Gordian Maugg knüpft nun an diese Deutungen an: Bei ihm befindet sich Fritz Lang (Heino Ferch) in einer Krise. Zwar scheint sein letzter Stummfilm Frau im Mond ein Erfolg zu werden, aber der zeitgenössische Misserfolg von Metropolis hängt ihm noch nach. Seine Ehe mit Thea von Harbour (Johanna Gastdorf) ist längt eine Arbeitsbeziehung geworden, von seinen eigenen Partys zieht es den zugekoksten Regisseur auf den Straßenstrich zu schnellem, brutalem Sex, mit der Arbeit an dem Drehbuch zu seinem ersten Tonfilm kommt er nicht voran. Dann liest er in der Zeitung, dass der Berliner Kriminalrat Gennat (Thomas Thieme) nach Düsseldorf beordert wurde, um in dem Fall des Serienmörders zu ermitteln, der dort sein Unwesen treibt. Lang reist ihm nach und entwickelt eine Obsession für den Fall, der sich immer mehr mit seiner eigenen Vergangenheit vermischt: Gennat hatte einst den Todesfall von Langs erster Frau untersucht, die Umstände aber nicht ermitteln können. Tatsächlich ist das Ableben von Langs erster Ehefrau Elisabeth Rosenthal bis heute nicht aufgeklärt. Sie starb durch einen Schuss aus Langs Revolver, zur damaligen Zeit wurde das als Unglücksfall eingestuft, seither wurde oft versucht, ein Mord nachzuweisen. Jedoch blieb es bei dem Versuch. Gennat hatte jedenfalls – anders als hier dargestellt – eigentlich mit dem Fall nichts zu tun, in Mauggs Film wird er indes zum Anknüpfungspunkt von Lang und zu dessen Vergangenheit.

Maugg interpretiert Fritz Lang als Beobachter – von Heino Ferch mit der nötigen aristokratischen, fast schon arroganten Attitüde gespielt –, der durch den Fall immer mehr an das Trauma seiner Vergangenheit erinnert und damit zu einem Besessenen wird, zu einem Regisseur am Rande des Wahnsinns, der von seiner eigenen Vergangenheit getrieben wird. Auch diese Deutung ist kaum neu, schon Lotte A. Eisner hat darauf hingewiesen, wie sehr dieser Tod seiner ersten Ehefrau Lang beschäftigt hat. Bei Maugg aber wird diese Tat ins Zentrum des Schaffens gerückt, zudem entspricht Lang sehr dem Klischee eines besessenen Regisseurs. Natürlich kann man ihn so sehen und interpretieren. Darunter leiden aber die Frauen in dieser Geschichte: Thea von Harbour wird zu einer fast matronenhaften Ehefrau – lediglich in der Rückblende klingt die selbstbewusste, unabhängige Drehbuchautorin an, die sie war, da erscheint sie aber vor allem auch überaus manipulativ und berechnend. Langs Beziehung zu der Schauspielerin Gerda Maurus bleibt völlig außen vor, vielmehr wird durch eine zumindest gedachte Liaison mit einer Zeugin (Lisa Charlotte Friederich), die in Langs Erinnerungen auch seine erste Frau spielt, noch stärker auf die Vergangenheit und deren Wunden verwiesen.

Daher zeigt Fritz Lang, dass ein Doku-Drama nicht unbedingt nahe an der Realität sein muss, sondern vielmehr eine Deutung des Geschehens liefern kann. Vor allem aber erinnert der Film noch einmal an die Meisterschaft, die hinter M – Eine Stadt sucht einen Mörder steckt.

Fritz Lang

Noch vor dem ersten Filmbild ist die Melodie zu hören, die sofort die richtigen Erinnerungen weckt: Edvard Griegs "In der Halle des Bergkönigs" aus "Peer Gynt", gepfiffen von einem Mann. Genauer gesagt von dem Mörder aus "M – Eine Stadt sucht einen Mörder".
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