Ein letzter Job (2018)

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Der größte Raub der britischen Geschichte ging während der Osterfeiertage 2015 über die Bühne. Kurz nach Ostern 2019 kommt der Fall ins Kino. Wer könnte den König der Diebe, den „King of Thieves“, so der Originaltitel, besser verkörpern als Michael Caine?

Ein letzter Job (2018)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Gierige Gangster, gähnendes Geplapper

Betagte Banditen sind derzeit in Mode. Das hat viel mit ihren Darstellern zu tun. Einmal Rebell, immer Rebell!, scheint deren Motto. Statt Großväter im Schaukelstuhl spielen Recken wie Clint Eastwood oder Robert Redford lieber Drogenkuriere (The Mule) oder Serienbankräuber (Ein Gauner & Gentleman). Während Letztgenannter damit nun endgültig Schluss macht, arbeitet sein britischer Kollege Michael Caine, Jahrgang 1933, unermüdlich weiter – und knackt mit einer Reihe rüstiger Rentner einen Tresorraum.

Der steht in Londons Gold- und Juwelenviertel Hatton Garden. Eigentlich hatte der von Caine gespielte Brian Reader seiner Frau Lynne (Francesca Annis) versprochen keine krummen Dinger mehr zu drehen. Doch schon auf Lynnes Beerdigung juckt es den wohlsituierten Ganoven mit einer Vorliebe für Scotch und Jazz in den Fingern. Auch seine Kumpane Terry Perkins (Jim Broadbent), John Kenny Collins (Tom Courtenay) und Danny Jones (Ray Winstone) träumen vom letzten großen Coup. Eine Beisetzung voller Banditen. Viel loses Mundwerk im edlen Zwirn. Da kommt ein Insider-Tipp des Alarmanlagen-Spezialisten Basil (Charlie Cox) gerade gelegen. Über Umwege stoßen Einbrecher Carl Wood (Paul Whitehouse) und Hehler Billy „Der Fisch“ Lincoln (Michael Gambon) dazu – und der Einbruch, der auf wahren Begebenheiten beruht, kann losgehen.

Michael Caines Besetzung als Diebeskönig liegt auf der Hand. Der 1933 als Maurice Joseph Micklewhite, Jr. geborene Schauspieler mit dem dicken Cockney-Akzent spielte früh in seiner Karriere aufstrebende Arbeiterklassenkinder, die sich nicht selten mit unlauteren Mitteln nach oben boxten. Zwischen all den Charakterrollen kehrt der zweifache Oscar-Preisträger bis heute zu den Leinwandgaunern zurück – etwa in Flawless (2007) oder jüngst in Abgang mit Stil (2017). Wie so vieles in James Marshs Film ist Caine als Hauptdarsteller jedoch eine Fehlentscheidung.

Der bunt zusammengewürfelte Haufen bietet allerorten Konfliktlinien: Alt gegen Jung, Reich gegen Arm, Clever gegen Dummdreist und Dämlich. Drehbuchautor Joe Penhall münzt das vornehmlich in Pointen über Technikverdrossenheit und Zipperlein um. Manche davon sind gelungen, etwa wenn Polizei und Presse hinter dem Raub virile ausländische Profis vermuten, weil sie so viel Kraft und Sachverstand weder Alten noch Briten zutrauen. Zu wenige davon zünden. Regisseur James Marsh legt die ersten 50 Minuten wie eine Gaunerkomödie an. Als es an die Verteilung der Beute geht, kippt mit der Gier aller Beteiligten der gesamte Film und kommt nicht mehr auf die Füße.

Während Brian und Kenny die fette Beute dem Augenschein nach nicht mehr nötig hätten, kann der Rest die Moneten gut gebrauchen. Terry verdingt sich als Koch, Danny bekommt bei der Bank weder ein Konto noch einen Kredit und Carl lebt von der Hand in den Mund. Warum es die einen geschafft haben, nicht aber die anderen, bleibt wie so vieles offen. Penhalls Drehbuch interessiert sich viel zu wenig für seine Figuren.

Deren undurchsichtige Motive und sprunghaftes Verhalten machen aus der anfänglich locker fließenden Handlung einen zähen Brei. Die originellste Idee nach dem Einbruch ist noch der Einfall, die Ermittler mehr als eine halbe Stunde lang wortlos miteinander kommunizieren zu lassen. Auf Seiten der Verbrechen wird indes pausenlos geplappert: mal im Schwimmbad, mal im Pub, mal am Telefon, mal im Restaurant. Doch den Gesprächen fehlt jegliche (An)Spannung, was an Marshs schlechter Schauspielführung liegt. Das Fiese hinter der Großväterfassade, angedeutete jahrzehntelange Fehden unter den Protagonisten, bleiben bloß behauptet. Das Publikum nimmt Caine und Co. schlicht nicht ab, dass hier keine netten alten Herren, sondern knallharte Kriminelle sitzen. Über Brian Readers dicke Akte, die der Chefermittler (Matt Bardock) kurz vor Schluss aus dem Archiv zieht, kann man sich nur wundern – nicht zuletzt, weil die Polizei eine solch stadtbekannte Gaunergröße schon viel früher auf der Rechnung hätte haben müssen.

Ein letzter Job hat eine der schönsten Titelsequenzen der vergangenen Jahre. Während die Credits schwungvoll ins und aus dem Bild gleiten, sind Ausschnitte alter Kriminalfilme in den aktuellen Film montiert. Vergangenheit und Gegenwart, der junge Michael Caine aus The Italian Job (1969) und der alte, sind kunstvoll miteinander verwoben – rhythmisch perfekt auf den Song „Watcha Gonna Do ‚Bout It“ (1965) der Small Faces abgestimmt, der die Sequenz untermalt. Auch später mischt Marsh flott geschnittene Filmgeschichtsschnipsel unter, macht die Filmmusik in bester Big-Band-Manier ordentlich Tempo. Sie sind das Dynamischste an diesem Film, wirken beinahe wie ironische Kommentare. Fast scheint es so, als hätte Marsh seinen Inszenierungsstil dem Alter seiner Darsteller angepasst.

Am Ende trifft die kleine Lebensweisheit, die Brian Basil mit auf den Weg gibt, auch auf Marshs Film zu. Gauner seien wie Boxer. Zuerst verlören sie ihren Halt, dann ihre Reflexe und zum Schluss ihre Freunde. Ein letzter Job verliert nach einer Stunde erst den Faden, dann den Boden unter den Füßen und taumelt seinem Ende entgegen. Viele Freunde wird er an den Kinokassen nicht gewinnen.

Ein letzter Job (2018)

Basierend auf einem wahren Kriminalfall, dem sogenannten „Hatton Garden Raub“ erzählt „King of Thieves“ von einer Bande älterer Gauner, die im Londoner Juwelierviertel einen großen Raubzug durchführen. 

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