Best of Jean-Luc Godard

Best of Jean-Luc Godard

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Freude, schöner Bilderstürmer

„Ich schaue mir beim Filmen zu – und man hört mich denken. (…) Man kann alles in einem Film unterbringen. Wenn man mich fragt, weshalb ich sprechen lasse vom Vietnam, von Jacques Anquetil, von einer Frau, die ihren Mann betrügt, verweise ich den, der mich fragt, auf seine alltägliche Umgebung. Da gibt es das alles. Und alles existiert da nebeneinander.“ (Jean-Luc Godard / 1967)
Im Grunde genommen enthalten bereits diese wenigen Sentenzen Jean-Luc Godards so etwas wie sein filmisches Credo als gleichermaßen berühmter wie berüchtigter Autorenfilmerpapst: Der Stoff für das Kino stammt bei ihm – bis heute – aus der unmittelbaren und gegenwärtigen Realität, den er allerdinge niemals Eins-zu-eins oder gar möglichst authentisch auf die Leinwand bringen würde. Nein, im kolossal einflussreichen Oeuvre des heute am Genfer See lebenden letzten Regie-Gottes im (Un-)Ruhestand wurden Geschichten fürs Kino von vornherein offen verfremdet (z.B. durch inkongruente Schrift-, Ton- und Musikzeichen) und technisch ebenso wagenmutig wie einfallsreich ästhetisiert (u.a durch rohe Jump Cuts oder eine besonders intertextuelle Montage). Dazu wurden permanent andere Referenz-Texte wie Kino-Erzählungen (an-)zitiert, einmontiert – und eben jene Stoffe gerne auch noch im selben Film (wie beispielsweise in Week End / Weekend) wiederum lustvoll zertrümmert: Aus “Fin de cont e“ wird da zum Beispiel im Umschnitt kurzerhand ein „Fin de cinéma“. Genialisch – zynisch – kompromisslos, typisch Godard eben.

JLG – wie er unter Filmenthusiasten schlichtweg gerufen wird – zerlegte, filmisch betrachtet, bereits von Beginn diese unsere Realität in ihre unendliche Vielfalt des Mit-, Neben- und Gegeneinanders, wozu er auch als Filmemacher alle Register zog. Pop-, Comic- und Pulp-Kultur-Parameter finden sich in Godards famosen Frühwerk (wie im epochemachenden À bout de souffle / Außer Atem) reichlich: Sein Kino atmet den Geist der 1960er-Jahre-Moderne wie der beginnenden Hyperrealität im Sinne Jean Baudrillards (Alphaville / Lemmy Caution gegen Alpha 60), seine Filme revolutionierten nichts weniger als das Medium selbst (im speziellen Pierrot le fou / Elf Uhr nachts) infolge ihrer E- und U-Kulturverästelung – und manche von ihnen sind inzwischen sogar längst zu anerkannten Klassikern (wie Le Mépris / Die Verachtung) gereift, obwohl sie öffentlich und erst recht außerhalb von Kinematheken oder A-Festivals stetig angegriffen worden waren. Jean-Paul Sartre zum Beispiel – ein anderer große Frankophoner des vergangenen Jahrhunderts – frotzelte 1968 im Hinblick auf das höchst eigensinnige Werk des Bilderstürmers: „Es ist zu viel Kultur in den Filmen Godards, zu wenig in Godard.“

Dem angegriffenen Nouvelle-Vague-Protagonisten und Ex-Filmkritiker wird dieser prominente Angriff alles in allem zwar recht Wurst gewesen sein – wie so vieles, was im Hinblick auf sein Filmschaffen im Laufe der Jahrzehnte zu hören und zu lesen war. Denn im Kern verstand sich Godard schon immer als gleichsam kunstaffiner wie oppositioneller Solitär im Filmbusiness, das seine Seele – zumindest aus seiner Sicht – schon lange an gierig-schmierige Produzenten und Geschäftemacher verplempert hat, die nur von Dollar-Scheinen träumen – anstatt von Odysseus’ Taten. Unvergessen die Szene mit Jack Palance in Le Mépris / Die Verachtung (1963) im Vorführsaal, wenn er vor den Augen Fritz Langs, der sich hier selbst spielt, dessen letzte Schnittmuster gegen die Wand donnert und auf das europäische Autorenkino losgeht, mit dem in den USA nun mal nichts zu holen ist. Raoul Coutards Kamera fängt diese groteske Szenerie mit dem cholerischen US-Produzenten, der mehr nackte Nixen und weniger Ur-Text-Passagen im fertigen Film haben möchte, wunderbar ironisch ein: Palance als zeitgenössischer Diskurswerfer mit Filmbüchsen in den Hand – oder schlichtweg als wutschnaubender Dampfmaschinen-Kapitalist.

Genau diese Doppeldeutigkeiten zeichnen Godards einzigartige Handschrift aus: Weniger als moralischer denn als politischer Filmemacher, aber durchgehend als Kulturpessimist wie notorischer Misanthrop, dem einzig die feinen Gesichtszüge Anna Karinas oder Brigitte Bardots ein Lächeln ins intellektuell-verbissene Gesicht zaubern können. Dafür muss der Zuschauer allerdings auch vollends gewillt sein, sonst verliert er sich rasch im Strudel der endlosen Andeutungen, mehrfachen Codierungen und bruchstückhaften Simultanitäten in Godards frühen Meisterwerken, die die Filmkunst des Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts nachhaltig prägten. Das galt schon zur Zeit der Uraufführungen dieser Filme – und im Prinzip hat sich daran auch nicht viel verändert, wie eine Neusichtung beweist. Mit jenem Impetus des „offenen Kunstwerks“ (Umberto Eco) als Autorenfilmer sowie der anhaltenden Selbst-Reflexion des Betrachters eröffnete Jean-Luc Godard dem Filmemachen wie dem Filmesehen ganz neue, ungeahnte Möglichkeiten: Innovativer war lange Zeit kein anderer Filmemacher! Bis zum Aufstieg Fassbinders in den 1970ern, Greenaways in den 1980ern und Lynchs in den 1990ern bestimmte JLG über weite Strecken den filmischen Diskurs als wissenschaftliches Lust- und öffentliches Streitobjekt. Umso trauriger ist es inzwischen, dass seine letzten Filmhybriden allesamt keinen deutschen Verleiher mehr fanden – und damit schon allzu frühzeitig in den ewigen Jagdgründen der Filmgeschichte gelandet sind… Denn von diesem Mann ist immer (noch) etwas zu erwarten.

Umso mehr Freude macht es nun, zehn seiner bedeutendsten Arbeiten aus jener Aufbruchszeit des europäisches Kunstkinos – darunter auch Fassbinders Lieblingsfilm Vivre sa vie / Die Geschichte der Nana S. (1962) oder Godards ewig junge Räuberpistole Bande à part / Die Außenseiterbande (1964) – in einer neuen Best-of-Edition bei Arthaus ein weiteres Mal zu entdecken: Ohne mitgelieferten Decoder versteht sich. Denn Godards Filme tragen ihre Schlüssel in sich. Um sich. Und um uns herum.

Best of Jean-Luc Godard

„Ich schaue mir beim Filmen zu – und man hört mich denken. (…) Man kann alles in einem Film unterbringen. Wenn man mich fragt, weshalb ich sprechen lasse vom Vietnam, von Jacques Anquetil, von einer Frau, die ihren Mann betrügt, verweise ich den, der mich fragt, auf seine alltägliche Umgebung. Da gibt es das alles. Und alles existiert da nebeneinander.“ (Jean-Luc Godard / 1967)
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