Voyagers (2021)

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Die Erde muss gerettet werden – wieder einmal. Diesmal bricht eine blutjunge Crew zu einem fremden Planeten auf. Colin Farrell spielt ihren väterlichen Begleiter und ist zehn Jahre später mit pubertären Problemen konfrontiert.

Voyagers (2021)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Freudlos im Weltraum

Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2063 plus X. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Humanitas“, das mit seiner 30 Mann (und Frau) starken Besatzung 86 Jahre lang unterwegs sein wird, um eine zweite Erde zu besiedeln. Doch dringt diese Mission dabei in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat?

Ums kurz zu machen: nein. Neil Burgers neuer Film, der Anfang April 2021 in den US-Kinos startete und in Deutschland ab Ende April exklusiv bei Amazon Prime Video zu sehen ist, bewegt sich weder visuell noch erzählerisch in unbekannten Sphären. Ersteres liegt daran, dass der Regisseur von Filmen wie The Illusionist (2006), Divergent (2014) oder Limitless (2011) sich für die unendlichen Weiten vor den Kabinenfenstern nicht interessiert. Burger erforscht das Innere der Besatzung. Deren Bewegungsradius ist genrebedingt limitiert, auch wenn die Gänge dieses Raumschiffs endlos erscheinen.

In der Humanitas“ ist alles blitzblank. Mit dem verdreckten Frachter Nostromo“ und seiner pragmatischen Crew aus Ridley Scotts Alien (1979) hat das hier nichts zu tun. Einem Zweck dient freilich aber auch dieses Design, das in seiner modernen, geradezu aseptischen Aufgeräumtheit an Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum (1969) und all dessen Epigonen erinnert. Wie in diesen beiden Klassikern nimmt auch die Handlung in Voyagers bald schon eine dunkle Abzweigung. Zum Klassiker reicht’s allerdings nicht.

Burger hat das Drehbuch selbst geschrieben und seine Prämisse klingt vielversprechend: Die Erde ist am Ende – wieder einmal. Eine neue Heimat muss her und wird 2063 gefunden. Doch der Ersatzplanet ist so weit entfernt, dass eine Reise dorthin mehr als ein Leben dauert. Realistisch betrachtet kämen also erst die Enkel der Crew, die zu dieser Mission aufbricht, an ihrem Ziel an. Ein faszinierender Gedanke und ein viel zu selten gefasster noch dazu, schrecken Science-Fiction-Filme neben der Schwerelosigkeit doch auch vor den schieren Dimensionen von Raum und Zeit allzu gern zurück.

Burger hört hier jedoch nicht auf, sondern denkt seine Ausgangslage weiter. Jahrzehntelang auf engstem Raum zusammengepfercht, ohne Frischluft, Sonnenlicht und mit der Gewissheit, dass das Raumschiff zum Stahlsarg wird, noch bevor das eigentliche Ziel erreicht sein wird – die psychischen Probleme scheinen programmiert. Die Lösung: eine Besatzung ins All schicken, die all das nicht kennt. Künstlich gezeugt und unter Laborbedingungen großgezogen haben die Kinder, die mit ihrem väterlichen Chief Officer Richard (Colin Farrell) aufbrechen, noch nie ungefilterte Luft geatmet, eine Wiese betreten oder die Sonne gesehen. Damit sie auch als junge Erwachsene zurechtkommen, unterdrückt ein flüssiges Nahrungsergänzungsmittel ihre Emotionen.

Bis hierhin läuft dieser Film wie ein gut geöltes Raumschiff. Danach stottert der Warp-Antrieb. Denn Burger tauscht das Ungewisse gegen das Wohlvertraute ein. Er hätte erkunden können, wie der Alltag an Bord über drei Generationen hinweg abläuft. Wie ein/e* Reisepartner*in fürs Leben gefunden, wie neues Leben geboren und altes Leben verabschiedetet wird, kurzum: wie ein solches Wagnis tatsächlich gelingen könnte. An einer philosophischen Langzeitstudie ist Burger jedoch nicht interessiert. Seine Versuchsanordnung konzentriert sich auf den kurzen Thrill und beschränkt sich dementsprechend auf eine überschaubare Zeitspanne, in der die Besatzung William Goldings Roman Herr der Fliegen (1954) im Weltall nachspielt.

Nachdem der clevere Christopher (Tye Sheridan) und sein nassforscher Kumpel Zac (Fionn Whitehead) das Betäubungsmittel entdeckt und eigenhändig abgesetzt haben, explodieren ihre Gefühle, was Burger wiederholt durch einfallslose Stock-footage-Montagen bebildert. Zum Objekt der Begierde wird Sela (Lily-Rose Depp), die die Krankenstation unter sich hat und dem Geschehen zum Glück nicht nur zuschaut, sondern auch selbst agiert. Die Crew spaltet sich in zwei Lager, die sich erbittert gegenüberstehen. Mord und Totschlag auf klinisch reinen Korridoren.

Auch das hat seinen Reiz. Doch was Burger damit anstellt, ist eine vertane Chance. Lässt der Trailer dieses Films noch auf eine Art Climax (2018) in der Schwerelosigkeit hoffen, ist das Ergebnis ebenso vorhersehbar wie prüde. All die unterdrückten Emotionen verengen sich lediglich auf zwei Triebe: Sex und Gewalt. Doch der erste davon wird allenfalls im Vorbeigehen keusch aus dem Augenwinkel gefilmt, was dem Film trotzdem beinahe ein R-Rating eingebracht hätte. Und die Gewalt ist weder übermäßig brutal, noch ist sie spannend.

Mit fortlaufender Dauer trudelt die Humanitas“ ihrem erwartbaren Ende entgegen, das dann doch noch frappierend an Ridley Scotts Sci-Fi-Klassiker erinnert. Das Alien, das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt, das steckt in diesem Film freilich ganz tief in uns drinnen.

Voyagers (2021)

Eine Gruppe von Astronaut*innen verschiedenen Alters gerät durch unvorhergesehene Ereignisse in einen Strudel aus Paranoia und Wahn, der dazu führt, dass niemand mehr genau sagen kann, was wahr ist und was nur ein Trugbild.

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