Sputnik (2020)

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Eine junge Neuropsychologin soll in einer abgeriegelten Forschungseinrichtung einen Kosmonauten begutachten, in dessen Körper sich eine außerirdische Kreatur eingenistet hat. Ist der russische Science-Fiction-Horrorstreifen mehr als eine platte „Alien“-Kopie?

Sputnik (2020)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Beunruhigende Symbiose

Mit dem Science-Fiction-Schocker „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ schuf der Brite Ridley Scott 1979 eines der stilprägendsten Werke des Space-Horrors, dem fortan zahlreiche Regisseure – oftmals ohne eigene Visionen – nacheiferten. Auch wenn viele Filme über die Konfrontation mit einer bedrohlichen außerirdischen Lebensform originelle Einfälle vermissen lassen, kann man mit etwas inszenatorischem Geschick aus der vertrauten Prämisse ein nervenaufreibendes Kinoerlebnis pressen. Exemplarisch ist Daniel Espinosas schlichter, aber brutal effektiv arrangierter Weltraumthriller „Life“ von 2017, in dem sich die Besatzungsmitglieder der Internationalen Raumstation einem höchst aggressiven, schnell heranwachsenden Organismus vom Mars gegenübersehen. Ähnlich spannungsgeladen geht es auch in Egor Abramenkos Langfilmdebüt „Sputnik“ zu, das sogar inhaltlich einige interessante Akzente setzt.

Bezeichnend ist schon die Tatsache, dass die auf dem Fantasy Filmfest Deutschlandpremiere feiernde russische Produktion nicht in der Gegenwart spielt, sondern im Jahr 1983. Zu einer Zeit also, als der Kalte Krieg noch tobte. Weil sie einen Patienten auf äußerst unkonventionelle Weise behandelt hat, steht die junge Neuropsychologin Tatyana Klimova (Oksana Akinshina) am Pranger der Behörden. Ausgerechnet in dieser beruflich schwierigen Lage wendet sich der hochrangige Colonel Semiradov (auch als Produzent involviert: Fedor Bondarchuk) mit einem Spezialauftrag an sie. In einem Forschungskomplex mitten in der Pampa soll Tatyana den Kosmonauten Konstantin Veshnyakov (Pyotr Fyodorov) untersuchen, der nach dem mysteriösen Absturz seines Raumschiffs und dem grausamen Tod seines Kollegen unter episodischer Amnesie leidet. Die Neurowissenschaftlerin diagnostiziert eine posttraumatische Belastungsstörung und wähnt ihre Arbeit damit beendet. Doch schon bald erfährt sie, dass Veshnyakov eine extraterrestrische Kreatur in sich trägt, die jede Nacht für kurze Zeit seinen Körper verlässt.

Sputnik setzt im Grunde dort an, wo der eingangs erwähnte Space-Schocker Life endet, dessen außerirdischer Unruhestifter nach einem Missgeschick auf der Erde landet. Beide Filme sind spürbar inspiriert von Scotts Genremeisterwerk, in dem der Ausbruch des Aliens aus dem Körper eines Astronauten in blutig-ikonischen Bildern zelebriert wird. Das außerweltliche Geschöpf benutzt den Menschen als Wirt, nährt sich von seinen Kräften und beschert ihm dann einen qualvollen Tod. Abramenko und seine kreativen Mitstreiter variieren dieses Motiv auf reizvolle Weise.

Auch in Sputnik wird das gelungen animierte Lebewesen als Bedrohung inszeniert, erscheint aber nicht als das ultimative Böse. Vielmehr erkennt die Protagonistin, dass sich zwischen dem verunfallten Kosmonauten und seinem neuen Untermieter eine besondere Beziehung entwickelt. Seinen Erinnerungen an den Absturz mag Veshnyakov verloren haben. Trotz schwerwiegender Verletzungen kommt er im Anschluss jedoch unerklärlich flott wieder auf die Beine, weshalb sich Klimova umso mehr für die Eigenschaften und das Verhalten des außerirdischen „Gastes“ interessiert.

Nervenkitzel produziert Sputnik bereits zum Auftakt. In der Enge des kleinen Raumschiffes können weder Veshnyakov und sein Nebenmann noch der Zuschauer genau erkennen, warum es plötzlich zu Turbulenzen kommt und was sich an der Außenwand entlangschlängelt. Die Beklemmung intensiviert sich, sobald uns der in bedrückende Grautöne getauchte Film in den unübersichtlichen Forschungsbau entführt, der mitten im Nirgendwo thront. An einem Ort, an dem das dramatische Ende der kosmonautischen Mission und das Schicksal des Überlebenden erfolgreich unter Verschluss gehalten werden können. Die Neuropsychologin begibt sich in eine militärisch abgeriegelte Anlage, wird durch schummrige Korridore und Untersuchungsräume geführt und scheint nahezu allein unter lauter Männern zu sein; Männern, von denen manche – etwa Forschungsleiter Dr. Rigel (Anton Vasilev) – ihr mit unverhohlenem Misstrauen begegnen.

Dass eine ungemütliche Stimmung entsteht, liegt nicht zuletzt an der unheilvoll pulsierenden Musik, die Abramenko wohl dosiert einsetzt. Verstanden haben der Regiedebütant und das Autorenduo Oleg Malovichko und Andrei Zolotarev zudem, was schon Alien vorzüglich demonstriert: Nicht große Hektik und rasche Eskalationen sorgen dafür, dass man den Protagonisten die Daumen drückt, sondern eine durchdachte, den Figuren Raum zum Atmen lassende Dramaturgie, die langsam, aber kontinuierlich die Spannungsschraube anzieht. Sputnik wartet zwar mit einigen bösen Wendungen auf, hastet jedoch nicht von einem Twist zum nächsten. Vor allem in den Gesprächen zwischen Klimova und ihrem widerspenstigen Patienten bricht menschlicher Schmerz manchmal überraschend kraftvoll hervor. Momente, die aus einem stimmungsvollen, souverän inszenierten Science-Fiction-Horror einen überdurchschnittlich fesselnden Genrebeitrag machen.

Sputnik (2020)

Mitten im Kalten Krieg stürzt ein sowjetisches Raumschiff nach einer missglückten Mission auf Heimatboden ab. Die Untersuchung des als einzigen überlebenden Commander ist beunruhigend. Etwas sehr Gefährliches könnte sich seinen Weg auf die Erde gebahnt haben.

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