Semper Fi (2019)

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Henry Alex Rubins zweiter Spielfilm dreht sich um Schuld, Sühne und Vergebung – und fünf Armee-Reservisten, die auf eine moralische Probe gestellt werden. Ausgerechnet ihr militärischer Hintergrund verwässert den Plot.

Semper Fi (2019)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Männerbande?

„Immer treu“ lautet eine der möglichen Übersetzungen des lateinischen „Semper Fidelis“. „Immer aufrichtig“ und „Immer gewissenhaft“ lauten zwei andere. So ist das eben mit Sprache: Sie ist nicht immer trennscharf. Und so ist das auch mit Moral: Was richtig und was falsch ist, ist nur selten trennscharf. Nehmen wir an, ein Polizist sorgt für die Festnahme seines Bruders, nachdem dieser jemanden bei einer Prügelei aus Versehen getötet hat. Dafür bekommt er eine unverhältnismäßig harte Strafe. Sollte sein Bruder ihm bei der Flucht helfen – oder dominiert die Rolle des Polizisten, der Ordnung und Sicherheit garantieren soll?

Dieses kleine Gedankenexperiment ist die Prämisse von Semper Fi, dem zweiten Spielfilm von Henry Alex Rubin (Disconnect), der von fünf Reservisten des US Marine Corps erzählt. Darunter die beiden Brüder Callahan (Jai Courtney) und Oyster (Nat Wolff) sowie die Freunde Milk (Beau Knapp), Snowball (Arturo Castro) und Jaeger (Finn Wittrock). Sie leben in einer kleinen Stadt im Bundesstaat New York, dort, wo die abendliche Sonne die Docks am Ontario-See in glühend rotes Licht taucht und Stoßstangenaufkleber mit „My car alarm is a .45“ vor Diebstahlsversuchen warnen. Die Nächte verbringt das Quintett wahlweise auf der Bowlingbahn oder in einer Bar, ihre Wochenenden auf dem Marine-Stützpunkt, wo sie – der Film spielt 2005 – für eine bald bevorstehende Einberufung trainieren.

Im Zentrum der Männergruppe und der Erzählung steht von Beginn an die Beziehung der beiden Brüder. Die wird – verstärkt durch die Tatsache, dass beide in ihrer Jugend ohne Eltern aufwachsen mussten – so inszeniert, wie Beziehungen zwischen Brüdern mit einem gewissen Altersunterschied in Hollywood fast immer inszeniert sind: Der ältere, Callahan, ist der abgeklärte, körperlich und geistig starke, der verantwortungsvolle und aufbauende Part. Der jüngere hingegen, Oyster, der chaotische, destruktive, der sich ständig Ärger einhandelt, im Schatten seines Bruders steht, aber eigentlich ein Herz aus Gold hat. Und der keinen konkreten Plan, dafür aber viel zu große Träume für sein Leben hat: Mit einem neuen Gastro-Konzept will er in ein paar Jahren Millionär sein.

Aus dem amerikanischen Traum wird jedoch ein Albtraum: Oyster wird eines Abends in jene schicksalhafte Prügelei verwickelt, landet für 25 Jahre hinter Gittern und gibt dafür seinem Bruder – noch immer ein Polizist — die Schuld dafür. Schließlich habe er ihn in dieser Nacht festgehalten, anstatt ihm die Flucht zu ermöglichen. Während Oyster das erste Jahr seiner Haft absitzt und von den Wachen selbst für kleinste Vergehen drangsaliert und verprügelt wird, gehen Callahan und die drei anderen Mitglieder der eingeschworenen Truppe in den Irak. Nach ihrer Rückkehr stellt sich der große Bruder erneut den Vorwürfen von Oyster – und beschließt, ihn während eines Gefangenentransports zu befreien und ihm die Flucht nach Kanada zu ermöglichen.

Die beiden Worte „Semper Fidelis“ prangen als Tattoo auf den Unterarmen von Callahan — stehen dort aber in erster Linie für das Motto der US Marines und höchstens in Zweiter für die anfangs erwähnte moralische Ambivalenz, an der sich Semper Fi erzählerisch versucht. Und das ist zugleich die große Krux des Films, den Regisseur und Co-Autor Henry Alex Rubin im Abspann dem „Zusammenhalt“ und der „Treue“ der Marines widmet. Denn dass die im Zentrum stehenden fünf Männer in der Armee dienen, hat inhaltlich faktische keine Relevanz. Sicher, einer von ihnen wird im Irak schwer verwundet, ein anderer tötet einen mutmaßlichen Zivilisten. Spuren hinterlässt das bei ihnen allerdings nicht: Zurück in der Heimat kehrt der Alltag schnell wieder ein, die quasi-brüderliche Bande bleibt unversehrt. Eine emotionale Reaktion zeigt Callahan erst, als Oyster seine Entschuldigung für sein Verhalten in jener Nacht und das Hilfsangebot seines großen Bruders ablehnt. Und dann greift Rubin ausgerechnet zur große Klischee-Keule und lässt den bis dato abstinenten Callahan in einen Alkoholrausch verfallen.

So wirkt Semper Fi trotz seiner nüchternen Inszenierung – sparsame Musik, unaufdringliche (aber auch kraftlose) Bilder, visuelle Distanz zu den Figuren – unangenehm pathetisch und rückt die befremdliche „Brüder im Kampfe und im Alltag“-Mentalität der Marines narrativ in den Vordergrund, ohne dass sich dies im Inhalt widerspiegeln würde. Als Geschichte einer reinen Männerbande ohne Army-Hintergrund, dafür mit größerem Fokus auf den inneren Konflikt, der sich für Callahan allein aufgrund seiner Anstellung bei der Polizei entwickelt, wäre Semper Fi die effektivere Geschichte geworden. Zumal sich Rubin stellenweise auch offensiv mit den Folgen toxischer Maskulinität auseinandersetzt, die schon in der ersten Szene auf der Bowlingbahn zu einer handfesten (verbalen) Auseinandersetzung führt oder später – infolge primitiven Balzgebahrens – in der erwähnten Prügelei mit Todesfolge mündet. Die weibliche Perspektive blendet der Film dabei jedoch aus: Frauen übernehmen hier eine (wortwörtliche) Alibi-Funktion oder fungieren als moralische Bremse für die Pläne des Männerquintetts.

So bleibt Semper Fi ein Film der verpassten Chancen, mit interessanten Ansätzen, aber mangelhafter Ausführung, der weder sein Publikum noch seine Protagonisten aus der emotionalen Reserve zu locken weiß. Die Geschichte um Schuld, Sühne und Vergebung bemüht sich redlich um moralische und charakterliche Ambivalenz, breitet darüber jedoch einen Armee-Kontext aus, der einerseits überflüssig ist und dem Plot andererseits einen (speziell für europäische Augen) unangenehmen Hurra-Patriotismus-Beigeschmack gibt.

Semper Fi (2019)

Cal (Jai Courtney) ist ein regelkonformer Polizist, der als Reservist der Marine zusammen mit seinen rauflustigen Freunden aus Kindertagen über die Runden kommt. Als Cals jüngerer, leichtsinniger Halbbruder Oyster (Nat Wolff) versehentlich einen Mann in einer Barschlägerei tötet und daraufhin versucht zu fliehen, ist Cal zwiegespalten zwischen der Familie und seinem Job.

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