Chicago

Chicago

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Eine strahlende Reminiszenz an das Varieté

Die Präsenz des Varietés als schillerndes, glamouröses Unterhaltungstheater blitzt zwar noch vereinzelt durch die Kulturlandschaften, doch diese gewachsene Verbindung aus Gastronomie und Show hat ihre Hochzeiten bis auf wenige berühmte Ausnahmen längst hinter sich gelassen. Der extravagante Musikfilm Chicago von Rob Marshall aus dem Jahre 2002 – basierend auf dem gleichnamigen Musical von Fred Ebb und Bob Fosse, das von 1975 bis 1977 überaus erfolgreich in New York aufgeführt wurde – beschwört auf zauberhafte Weise den feurigen Geist des guten alten Varietés mit all seinen Facetten wieder herauf. Dabei besticht Chicago mit einer Inszenierungskraft und Professionalität, die dem Film eine umfangreiche Liste renommierter Nominierungen und Auszeichnungen eingetragen hat, angeführt von sechs Academy Awards.
Hier wird gesungen, getanzt und gewütet, wenn durch die Augen der äußerst aparten Mörderin Roxie Hart (Renée Zellweger) die Geschichte ihres jungen Schicksals als großartige Varieté-Dramaturgie erzählt wird. Roxie fühlt sich mit ihrem elastischen, wohl geformten Körper, den sie nur allzu gern als weibliche Waffe ins Feld schickt, und ihrem Sangestalent unwiderstehlich dazu berufen, auf der Bühne aufzutreten und bewundert zu werden. Verheiratet mit dem gutmütig-trotteligen Amos Hart (John C. Reilly) lässt die sich mit dem Möbelverkäufer Fred Casely (Dominic West) ein, der ihr gute Verbindungen zu einflussreichen Bühnenkontakten vorgaukelt. Als er ihrer überdrüssig wird, sie grob zurückstößt und sich als schäbiger Lügner entpuppt, eliminiert ihn Roxie kurzerhand und wandert dafür ins Gefängnis. Hier wird sie unter die raffgierigen Fittiche der heimlichen Knast-Herrscherin Mama Morton (Queen Latifah) gestellt, die als Aufseherin ihre Gunst nach Geldeingang verteilt. Auch die populäre Varieté-Künstlerin Velma Kelly (Catherine Zeta-Jones) wartet hier auf ihre Verhandlung wegen Mordes an ihrem Gatten und ihrer Schwester, die sie in eindeutig intimen Intensitäten zusammen vorfand. Roxie war zufällig bei Velmas Verhaftung im Varieté zugegen und bewundert die attraktive wie kaltschnäuzige Künstlerin unterwürfigst – zunächst. Beide Frauen – Velma anfangs deutlich im Vorteil – buhlen aufs Heftigste um die Gunst des verschlagenen Star-Anwalts Billy Flynn (Richard Gere), der bisher noch jeden aus den Mühlen der Justiz herausgeschwätzt hat, und es formiert sich ein Kampf mit harten Bandagen auch um die Präsenz in den Medien, denn in diesem rasanten, turbulenten Musikfilm geht es um die große Show in allen Dimensionen, hier zählt nur die überzeugende Inszenierung, hier trumpft, wer wirkungsvollen Widerhall in den Emotionen des Publikums und der Öffentlichkeit findet, die nach Sensationen giert ...

Die präzise, professionelle Selbstverständlichkeit, mit welcher Protagonisten wie Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones, Richard Gere und auch Lucy Liu als Varieté-Künstler auftreten, bereitet nach einigem Erstaunen ein anhaltendes Vergnügen, das das bestens aufgelegte Ensemble von Chicago immer wieder neu anzufachen versteht. Die faszinierende, dynamische Atmosphäre der einzelnen glanzvollen Auftritte, die in eine stimmig funktionierende Rahmenhandlung im Chicago der 1920er Jahre eingebettet sind, präsentiert die Stimmungen des Varietés auf eine mitreißende Weise, die unter die Haut geht und für ein Genre begeistert, das hier zwischen erzählerischen und kommentierenden Aspekten brilliert, nicht zuletzt durch explosive Choreographien mit reichlich erotischem Flair. Bissige Parodien von Presse, Justiz und Showgeschäft mischen sich mit geradezu philisophischen Diskursen über Liebe und Mord, und das alles im Stile einer Varieté-Nummer, die über die großen und kleinen Schäbigkeiten des Daseins ihr glamouröses Genre legt.

Die Geschichte, wie es nach über 25 Jahren zu dieser enorm erfolgreichen Verfilmung des Musicals "Chicago" kam, ist eine für sich, die sich als spannender Report unter den Extras der DVD findet. Dabei kommen auch Macher und Darsteller von einst zu Wort, und es ergibt sich ein detailliertes Bild über die komplizierten Prozesse, die dieses Musical in einen stilistisch höchst anspruchsvollen und aufwändigen modernen Musikfilm verwandelt haben. Dass es die Perspektive, die Tagträume, die Imaginationen Roxies sind, die diese liebevoll ausgestaltete Reminiszenz an das Varieté erschaffen, unterstreicht einmal mehr das Märchenhafte, Spielerische dieses schamlos-heiter überzogenen Stoffes, der gleichermaßen bissig-böse und strahlend ein Feuer heraufbeschwört, das in der Kunst der verruchten Unterhaltung noch immer auflodert.

Chicago

Die Präsenz des Varietés als schillerndes, glamouröses Unterhaltungstheater blitzt zwar noch vereinzelt durch die Kulturlandschaften, doch diese gewachsene Verbindung aus Gastronomie und Show hat ihre Hochzeiten bis auf wenige berühmte Ausnahmen längst hinter sich gelassen.
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