Hunted - Waldsterben (2020)

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Von zwei Männern gejagt, erlebt eine junge Frau im Wald eine Transformation. Vincent Paronnauds Survivalthriller will Geschlechterrollen und Erzählkonventionen hinterfragen, denkt viele Ideen aber nicht zu Ende. 

Hunted - Waldsterben (2020)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Es war einmal Ève

Der Wald als Ort dunkler Mächte ist nicht nur ein klassisches Horrormotiv. Schon in Volkssagen und Märchen lauern eben dort große Gefahren. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Geschichte von Rotkäppchen, die der mit dem Zeichentrickfilm „Persepolis“ international bekannt gewordene Filmemacher und Comickünstler Vincent Paronnaud in seiner neuen Regiearbeit „Hunted – Waldsterben“ zitiert und variiert. Was dank des eigenwilligen deutschen Zusatztitels nach einem dokumentarischen Werk über den Raubbau an der Natur klingt, entpuppt sich als Survival-Thriller mit besonderem Augenmerk für toxische Männlichkeit, Geschlechterrollen und die Dynamiken des sogenannten Rape-and-Revenge-Subgenres.

Paronnaud beginnt den Film mit einer ominösen Szene, die eine Frau (Simone Milsdochter) und ihren kleinen Sohn (Vladimir Ryelandt) in einem Wald an einem Lagerfeuer zeigt. Die Mutter erzählt dem Jungen von einem Mädchen, das einst genau an diesem Ort von einem Priester und seinem Gefolge geopfert werden sollte, dann aber unerwartete Hilfe von riesigen Wölfen erhielt. Die als Animation visualisierte Schilderung legt eines der zentralen Themen – den Zusammenbruch brutaler patriarchaler Strukturen – frei und dient als Vorschau auf das, was in den folgenden 80 Minuten passieren wird. 

Nach diesem betont unheilvollen Einstieg lernen wir die eigentliche Hauptfigur kennen: Ève (Lucie Debay) ist Französin und hält sich in einem nicht näher spezifizierten Land auf, um den Bau einer Wohnsiedlung für Familien zu beaufsichtigen. Ein Job, den sie in den Augen ihres Chefs offenbar nicht entschlossen genug anpackt. „Du musst dich einfach mal durchsetzen“, bekommt sie von ihm zu hören, verbunden mit dem Hinweis, dass ein männlicher Kollege als Ersatz bereitsteht. Ein besonders ausgeprägtes Gespür braucht es nicht, um zu erahnen, dass sich die Protagonistin die klare Ansage unter ganz anderen – nämlich lebensbedrohlichen – Umständen zu Herzen nehmen wird.

Gefrustet über die Kritik an ihrer Person und genervt von den ständigen Anrufen und Nachrichten ihres Partners, für den sie offenbar nicht mehr allzu viel empfindet, sucht Ève am Abend eine Bar auf. Zunächst scheint ihr das Pech auch dort hold zu sein. Denn am Tresen wird sie von einem schmierigen Typen (Mikaël Sladden) angemacht, der erst dann das Weite sucht, als sich ein anderer Gast (Arieh Worthalter) schützend vor sie stellt. Mit ihm versteht sich Ève prächtig. Und ein paar Getränke und wilde Tanzeinlagen später ziehen sie sich auf die Rückbank seines Autos zurück, um sich weiter zu vergnügen. Wie aus dem Nichts taucht allerdings der Begleiter (Ciarán O’Brien) des Bartträgers auf und startet ungefragt den Wagen. Ève begreift, dass sie an zwei Soziopathen geraten ist, und findet sich nach einem kurzen Zwischenspiel an einer Tankstelle gefesselt und geknebelt im Kofferraum wieder. Erst ein Unfall auf einer Forststraße versetzt sie in die Lage, zu fliehen.

Mit ihrer knallroten Jacke erinnert die junge Frau nicht zufällig an Rotkäppchen. Anders als im altbekannten Märchen ist der Wald, der Verbündete der Unschuldigen, wie es an einer Stelle heißt, jedoch ihr Freund und der große böse Wolf ein Mann, dessen edle Rettungstat in der Bar bloß ein Vorwand war, um selbst über Ève herfallen zu können. Ohne Umschweife gibt sich das Alphatier des Duos als misogyner Sadist zu erkennen, während sein Handlager einen unsicheren, irgendwie beschränkten Eindruck macht. Mehr als einmal fragt man sich, was die beiden zusammengeführt haben könnte. Viel verrät das von Paronnaud mit Léa Pernollet verfasste Drehbuch aber nicht. Die Beziehung der Kidnapper hat etwas hochgradig Irritierendes an sich – denn auch mit seinem Gehilfen treibt der von Arieh Worthalter mit irrer Mimik ausgestattete Rädelsführer perverse Spielchen. 

Gerade angesichts der feministischen Grundhaltung stößt während der unvermeidlichen, leidlich spannend aufgezogenen Hetzjagd übel auf, wie Hunted – Waldsterben die Perspektiven gewichtet. Statt sein Hauptaugenmerk auf Ève und ihren Überlebenskampf zu legen, schwenkt der Film erstaunlich oft zu ihren Verfolgern. Ständig wohnen wir Diskussionen bei. Wiederholt erhaschen wir einen Blick auf die mitgeführte Kamera, die Bilder eines früheren Opfers preisgibt. Und in der zweiten Hälfte erwartet uns eine Rückblende, die sich ohne Probleme deutlich einkürzen ließe. Womöglich will uns Paronnaud so fortlaufend die männliche Zerstörungswut und Niedertracht vor Augen halten. Dumm nur, dass er darüber teilweise seine Heldin vergisst. Wenig verwunderlich fühlt sich genau aus diesem Grund ihre furiose Wandlung im Finale ein Stück weit erzwungen an. 

Die gleich zu Anfang heraufbeschworene magisch-mystische Atmosphäre – ein durchaus interessanter Gedanke – kommt im weiteren Verlauf leider nur sporadisch zum Tragen. Zwar eilen die Kräfte des Waldes Ève in Gestalt unterschiedlicher Tiere zu Hilfe. Paronnaud verpasst es aber lange Zeit, eine knisternd-surreale Stimmung zu erzeugen. Erst gegen Ende dreht der Thriller ordentlich auf, erreicht halluzinatorische Qualitäten und teilt einige schwarzhumorige Spitzen aus. Manches davon wirkt jedoch arg willkürlich. Vergleicht man Hunted – Waldsterben mit Coralie Fargeats ähnlich gelagertem Vergeltungsreißer Revenge, der in einer stylisch-poppigen Ästhetik lustvoll und gewitzt mit Klischees und Konventionen spielt, fällt auf, was Ersterem fehlt: eine klare, konsequent durchgezogene Vision.

Hunted - Waldsterben (2020)

Eine Frau lernt einen Mann kennen, der verhält sich übergriffig, woraufhin sie flieht und er die Verfolgung aufnimmt.. Eine moderne Version von „Rotkäppchen“.

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