Corpus Christi (2019)

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Ein entlassener Straftäter versucht, seine im Knast erfahrene spirituelle Erweckung in die Tat umzusetzen. Doch aufgrund seiner Vorstrafe ist ihm dieser Weg verwehrt – zumindest auf normale Weise.

Corpus Christi (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der Sinnsucher

Es bleiben den ganzen Film über lediglich Andeutungen, was Daniel (Bartosz Bielena) wirklich auf dem Kerbholz hat, doch immerhin haben ihn seine früheren Taten in den Jugendknast gebracht. Dort aber erfuhr sein Leben eine entscheidende Wende – und die ist im streng katholisch geprägten Polen gar nicht mal so unwahrscheinlich wie anderswo: Weil er dem Gefängnispriester als Messdiener assistierte, träumt er fortan davon, künftig als Priester zu arbeiten. Gleichwohl besteht kein Zweifel daran, dass ihm dieser Weg verwehrt bleiben wird, denn wie sein Pfarrer ihm erklärt, wird jemand mit Daniels Vorleben niemals Aufnahme in ein Priesterseminar finden. Stattdessen, so will es die Gefängnisverwaltung, soll er nach seiner Entlassung eine Arbeit bei einem Sägewerk antreten. Doch Daniel hat seinen eigenen Kopf.

Bartosz Bielena spielt den juvenile delinquent mit brennender Intensität. Das schmale Gesicht mit den fast schon stechenden Augen lässt etwas von den dunklen Seiten ahnen, die in ihm schlummern. Zugleich aber weiß man ganz genau, dass bei aller negativer Energie, die zu Daniel dazugehört, er zugleich ein Herz aus Gold hat und womöglich mehr Talent zur Seelsorge als mancher Absolvent eines Priesterseminars. Ein höchst ambivalenter Charakter also – und genau diese verschiedenen Pole bringt Bielena sehenswert auf die Leinwand. Eine Leistung, die ihm eine Auszeichnung als European Shooting Star einbrachte.

Anfangs ist es nur ein Spiel, eine Laune, dass sich Daniel in einem nahegelegenen Dorf als Priester ausgibt, doch die Bereitwilligkeit der Bewohner, ihm diese Rolle abzukaufen und ihre offensichtliche Bedürftigkeit nach Seelsorge sowie der Plan des örtlichen Priesters, wegen gesundheitlicher Probleme den Dienst zu quittieren, sorgen dafür, dass er sich schnell als Pfarrer bewähren muss. Natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen der Schwindel aufzufliegen droht, doch Daniel versteht es ein ums andere Mal, sich der Enttarnung zu entziehen – und meist geschieht dies mit der Durchtriebenheit eines gewieften Gauners, der er dann eben doch auch (noch) ist. Seine unkonventionelle Art kommt nicht nur bei den Jugendlichen des Ortes gut an, gleichwohl er mit seinen doch recht radikalen Ansichten vor allem den Bürgermeister (zugleich Besitzer jenes Sägewerkes, in dem er eigentlich seinen Dienst antreten sollte) ordentlich vor den Kopf stößt und gegen sich aufbringt. Und weil er sich ungeachtet der Person und des Ansehens auch jenen im Dorf annimmt, die einen schlechten Ruf haben, verfliegt die anfängliche Begeisterung über den jungen Priester mit der Zeit zumindest in einem Gutteil der Bevölkerung, was Daniel immer mehr in Gefahr bringt. Denn hinter der Fassade der Wohlanständigkeit der Gemeinde verbergen sich Abgründe.

Manches in Corpus Christi deutet auf einiges komödiantische Potenzial und auch auf einige Klischees hin, die sich als Fallstricke in der Geschichte verbergen, doch Regisseur Jan Komasa interessiert sich recht wenig für das humoristische Potenzial der Grundkonstellation und nur gelegentlich — wenn er etwa bei der Beichte aufs iPhone schaut, um die passenden Segensworte zu finden — ringt sich dem Zuschauer ein Schmunzeln ab. Denn vor allem ist sein Film ein treffsicheres Gesellschaftsporträt und ein wuchtiges Drama über Berufung und die Hindernisse auf dem Weg dorthin; über Schuld und Vergebung und letzten Endes über die Suche nach Sinn und Heimat und die Unbehaustheit des Menschen.

Kompromisslos ist auch das Ende, das Komasa seinem gefallenen, wiederauferstanden und dann abermals strauchelnden Helden und dem Publikum verabreicht. Konfrontiert mit seinem früheren Leben, fällt Daniel in die Muster von Gewalt und Zügellosigkeit zurück. Die Erlösung, die er anderen vermitteln wollte, bleibt ihm selbst verwehrt. Und vielleicht liegt darin die eigentliche Schonungslosigkeit von Jan Komasas Film: Dass so etwas wie Erlösung und die Gnade Gottes dann eben doch vor allem eine Illusion ist, auf die man nicht bauen sollte. In Zeiten wie diesen und in einem Land wie Polen ist das schon fast ein Affront. Und dass jemand wie Daniel den Menschen in dem Dorf auf ganz andere Weise — auf Augenhöhe nämlich — begegnet und sie damit für sich einnimmt sowie ihnen einen Weg zeigt aus Hass, Wut und Trauer, darf man durchaus als Kritik an den Ritualen und Floskeln der traditionellen Kirche — nicht aber am Glauben selbst — verstehen.

Corpus Christi (2019)

„Corpus Christi“ erzählt die Geschichte des 20-jährigen Daniel, der in der Jugendstrafanstalt eine spirituelle Wandlung durchmacht. Danach will er Priester werden, doch wegen seiner Strafakte ist das nicht mehr möglich. Als er für einen Job als Zimmermann in eine Kleinstadt geschickt wird, verkleidet er sich als Pfarrer und übernimmt dort eher zufällig die vakante Stelle des Priesters. Für die Gemeinde, die nach einem traumatischen Ereignis unter Schock steht, ist die Ankunft des vermeintlichen neuen Pfarrers eine Chance, endlich die Tragödie hinter sich zu lassen.

 

 

 

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