Bombay Rose (2019)

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Kann die Liebe Berge versetzen, wie es Bollywoodfilme gerne behaupten? Der Animationsfilm von Gitanjali Rao interessiert sich für die Wirklichkeit auf den Straßen Mumbais. Materielle Not und soziale Schranken machen es zwei jungen Menschen schier unmöglich, an das gemeinsame Glück zu glauben.

Bombay Rose (2019)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Wo Liebesträume selten wahr werden

Was gäben Kamala und Salim doch für ein schönes Bollywoodpaar ab! Salim träumt sich ja auch gerne in die Rolle des großen Filmhelden hinein, den er im Kino für die Liebe und gegen einen bösen Widersacher kämpfen sieht. Und Kamala verwandelt sich mit ein paar fantasierten Schmuckstücken und schönen Gewändern mühelos in eine Märchenprinzessin aus alter Zeit, die der Prinz auf sein Schloss entführt. Aber die Realität lässt die beiden verliebten Königskinder nicht zueinander kommen: Kamala und Salim sind beide arm und daher nicht frei, der Stimme ihres Herzens zu folgen.

Die indische Regisseurin und Drehbuchautorin Gitanjali Rao befreit in ihrem animierten Debütspielfilm Bombay Rose das Konzept der romantischen Liebe aus den Klischees des Bollywoodfilms. In der Filmstadt Mumbai findet sie nach eigener Aussage die wahren Helden auf den Straßen, wo sie ums tägliche Überleben kämpfen und ihnen kein glorreicher Erfolg vergönnt ist. Ihre Charaktere verzichten aber trotz materieller Nöte und der fehlenden Aussicht auf ein Happy End nicht auf ihre Träume.  

Romantik und Poesie gehen eine spannende, kontrastierende Verbindung mit fast dokumentarisch anmutendem Realismus ein. Das trifft sowohl auf den Inhalt zu als auch auf die stilistische Gestaltung der handgemalten Animationen. Eine rote Rose, das Symbol der Liebe, verbindet neben anderen Elementen die Geschichte von Kamala und Salim mit derjenigen der alten Shirley D‘Souza, die Kamalas jüngerer Schwester Tara Englisch-Unterricht erteilt. Kamala und Tara haben eine abenteuerliche Vergangenheit hinter sich, ihr Großvater, bei dem sie jetzt leben, floh mit ihnen aus dem heimatlichen Dorf. Denn Kamala war an einen Ehemann verkauft worden und todunglücklich. Der Großvater arbeitet nun als Uhrmacher in einer Straßenbude und Kamala flicht Blumenketten und tanzt abends in einem Nachtclub. Die kleine Tara besucht eine gute Schule, die viel kostet.

Salim, der vor den kriegerischen Unruhen in Kaschmir geflohen war, findet in Mumbai keine Arbeit und versucht als Blumenverkäufer über den Tag zu kommen.  Er weiß, dass er nicht um Kamalas Hand anhalten kann, weil er keine Arbeit hat und dass auch die Religion – er ist Moslem, sie Hindufrau – eine Verbindung sozial erschwert. Und da kennt er noch gar nicht die anderen Fesseln, die sie von ihm fernhalten und die auch mit dem unseligen Einfluss des Zuhälters Mike zu tun haben.

Miss Shirley D‘Souza wiederum trauert untröstlich ihrer großen Liebe nach, die auf dem Friedhof ruht. Sie nimmt Tara oft dorthin mit und stellt eine rote Rose in die Vase auf dem Grab. Ihre Erinnerungen führen ans Set eines Filmdrehs, wo sie sich als Schauspielerin in ihr Gegenüber verliebte. Erst gegen Schluss lüftet der Film das Geheimnis, das auch diese Liebe zu einer unmöglichen machte. Schonungslos führt Gitanjali Rao dem Publikum vor, wie vielfältig die Faktoren sind, die die Menschen an der freien Entfaltung hindern. Eine Nebenhandlung erzählt von Taras kleinem Freund Tipu, einem Straßenkind, das seine Arbeit als Tellerwäscher verliert. Der Gastwirt hatte wie viele Angst vor Ärger mit der Kinderschutzpolizei und ihren Razzien. Aber der Film verhehlt nicht, dass das Verbot von Kinderarbeit weder richtig greift, noch das Elend der Straßenkinder zu lindern vermag.

Die Realität wäre in dieser Geschichte schier unerträglich, würden sich die Charaktere nicht hin und wieder in ihre Märchen- und Bollywoodfantasien flüchten. Auf der Ebene der Gestaltung erscheint dann beispielsweise im grünen Märchenland das Böse in Gestalt eines Raubvogels. Wenn er sich in Mike verwandelt, hat die Wirklichkeit den Traum niedergerungen. Statt einfacher Schnitte gibt es wiederholt elegante Übergänge von einer Szene zur nächsten. So verwandeln sich schwebende Vogelfedern in die Blüten, die auf einem Markt in großen Säcken verkauft werden. Oder Miss D‘Souzas Katze verlässt ihre Wohnung und läuft über den nächtlichen Friedhof, auf dem sich merkwürdige Dinge abspielen, bevor der nächste Tag anbricht.

Auffallend ist die Lebhaftigkeit der Straßenszenen, die detailreich geschildert sind. Man meint, förmlich in den Strom der Ereignisse einzutauchen. Die Hausfassaden, die Menschen, der Trubel wirken so echt, mit den hingetupften Flecken des Sonnenlichts, den Geräuschen. Selbst im ruhigen Rosengarten von Miss D‘Souza verhindern fliegende Bienen den Eindruck einer stehengebliebenen Zeit. Die Figuren selbst mit ihren weichen, an Pastellmalerei erinnernden Konturen, könnten aufgrund der zuweilen harten Schatten auf ihren Gesichtern und Gewändern auch einem Comic entsprungen sein.

Die Liebe, auch die zwischen Familienmitgliedern, sowie Akte der Solidarität und des Zusammenhalts stoßen Veränderungen in diesem Viertel der Metropole an. Eine gewisse Kiezheimeligkeit, die manchen Straßenszenen von Anfang an zu eigen war, deutet auf das Potenzial eines sozialen Miteinanders hin, das überall spontan entstehen und sich festigen kann. Dafür braucht der Film kein Happy End aus Bollywood.

Bombay Rose (2019)

Bollywood in 24 Gemälden pro Sekunde: Liebe, Leid und Musik in einem Wirbel von Farben. Salim sieht das Blumenmädchen Kamala auf den Straßen von Bombay – und schon ist es um ihn geschehen. Mit einem Lächeln, einem kleinen Tanz und einer Blume will er ihr Herz gewinnen, so, wie er es aus seinen geliebten Bollywood-Filmen kennt. Aber das echte Leben ist kein Kinofilm und so erzählt Bombay Rose keine Märchen von der Liebe, sondern von deren Beschwerlichkeiten, Hindernissen und Unmöglichkeiten.  

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