Wo die wilden Menschen jagen

Wo die wilden Menschen jagen

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Die glorreiche Flucht des Outlaws Ricky Baker

Eine Heldensage in zehn Kapiteln: Der Junge Ricky Baker (Julian Dennison) findet nach zahlreichen Pflegefamilien endlich ein Zuhause. Am Rande der Wildnis bei Bella und Hector Faulkner (Rima Te Wiata und Sam Neill), die abseits von der Zivilisation ein ruhiges Leben führen. Unerwartet stirbt Bella und das Jugendamt kommt, um Ricky zu holen. Aber Ricky gibt sich nicht geschlagen! Er begibt sich auf die Flucht und widersetzt sich mit „Onkel Hec“ und seinem treuen Hund Tupac der staatlichen Gewalt. Ricky wird ein Held, der in Freiheit lebt oder für die Freiheit stirbt!
Nach seiner skurrilen Mockumentary über eine Vampir-WG, What We Do in the Shadows / 5 Zimmer Küche Sarg (2014), zeigt der neuseeländische Regisseur Taika Waititi nun eine nicht weniger skurrile Verfilmung des Romans Wild Pork and Watercress (1986) von Barry Crump. Wo die wilden Menschen jagen beginnt über der grünen Weite der neuseeländischen Wildnis, über Seen, Hügeln und Wäldern, die zum Ort des größten Abenteuers werden: der Verteidigung der Kindheit und der Flucht vor dem Erwachsenwerden. Ricky ist ein Junge, der zum Überleben im Wald ungeeigneter nicht sein könnte, in seinen übergroßen Kapuzenpullovern, seinen weißen Turnschuhen und einer Fitness, die ihn gerade einmal zweihundert Meter hinter dem Haus erschöpft zusammenbrechen lässt. Aber er hat etwas, für das er kämpft und für das zu kämpfen sich lohnt: die Freiheit des Kindes, das noch nicht ganz, noch nicht jetzt, zum Teenager und zum Erwachsenen werden kann.

Selbst Onkel Hectors Trauer über den Tod seiner Frau, sein Wunsch nach Abgeschiedenheit und Ruhe, können dem Drängen Rickys und seiner Energie nicht widerstehen. Gemeinsam verteidigen sie sich gegen Kopfgeldjäger und immer schwerer bewaffnete Polizei-Einheiten, vor allem aber gegen die Vertreterin des Jugendamts (Rachel House). Der bewaffnete Kampf der beiden Gesetzlosen steigert sich zunehmend zum heroischen Mythos, die Wildnis verdichtet Flucht und Abenteuerspiel zur erbitterten Verteidigung der Freiheit, an deren Grenzen die Erwachsenen mit ihren Regeln lauern, mit Konventionen, Bedeutung und Ordnung. Konsequent steuert auch der Film selbst gegen diese Grenzen, er bedient sich einer strengen Form, nur um sie im nächsten Augenblick zu verwerfen, er zitiert sich durch die Popkultur, nur um zwischen den Versatzstücken immer wieder etwas Neues zu entdecken, er bricht sein Pathos mit einem Augenzwinkern, um dahinter schließlich doch berühren zu können. Und im Herzen all dessen: der Held Ricky Baker. Seine Fantasie, sein leidenschaftlicher Kampf darum, Kind bleiben zu dürfen.

Ricky sehnt sich nach einem Ort, der ihm diese Kindheit einräumt, nach einer Familie, nach Spielgefährten. Über die Liste seiner Vergehen eingeführt, bleibt ihm gar kein anderer Ausweg als die Rolle zu ergreifen, die ihm immer schon zugewiesen ist, und sie zu seiner eigenen zu machen, zum Held seiner eigenen Geschichte zu werden. Unter den Verweisen, die Wo die wilden Menschen jagen aufspannt, denen der Film mit einer ehrenvollen Verneigung oder einem verspielten Neuverknüpfen begegnet, ist vor allem Wes Andersons wunderschöner Moonrise Kingdom (2012). Waititis herrlich erfrischender Film funktioniert aber gerade deshalb so gut, weil er keinen Augenblick Gefahr läuft, dabei seine ganz eigene Erzählung und seine eigenen Bilder zu verlieren. Jeder Moment des Films flirrt in fantasievoller Energie. Wo die wilden Menschen jagen lässt sich nicht einfangen, ebenso wenig wie sein Held Ricky Baker. Gemeinsam flüchten sie sich in eine Fantasie, die aus der Welt noch für einen kleinen Augenblick einen wunderschönen und magischen Ort machen kann. Erwachsen wird man früh genug.

Wo die wilden Menschen jagen

Eine Heldensage in zehn Kapiteln: Der Junge Ricky Baker (Julian Dennison) findet nach zahlreichen Pflegefamilien endlich ein Zuhause. Am Rande der Wildnis bei Bella und Hector Faulkner (Rima Te Wiata und Sam Neill), die abseits von der Zivilisation ein ruhiges Leben führen. Unerwartet stirbt Bella und das Jugendamt kommt, um Ricky zu holen. Aber Ricky gibt sich nicht geschlagen!
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Meinungen
Martin Zopick · 30.09.2020

Das ist eine groteske Abenteuer Komödie aus Neuseeland. Obwohl der Plot auf einer realistischen Basis ruht, läuft er aus dem Ruder und bewegt sich zeitweise in abstrusen Gefilden. Viele Figuren sind neben der Spur und die Dialoge sind voll von absonderlichen Pointen. All das stammt von Taika Waititi, der Down Under ein ganz Großer hier. Hier oben bei uns aber nur unter Insidern bekannt ist.
Der straffällig gewordene Jugendliche Ricky Baker (12) (Julian Dennison, ein echter Maori-Bub), der für sein Gewicht zu klein geraten ist – wie seine neue Pflegemutter Bella (Rima Te Wiata) meint, wird vom Jugendamt seinen Pflegeeltern übergeben. Ihr Mann Hector (Sam Neill), lehnt den Buben ab, muss aber mit ihm in den Bush fliehen als Bella stirbt.
Es beginnt eine aberwitzige Treibjagd (manhunt), auf der sich Hec und Rick näherkommen und beide lernen sich im Outback zu behaupten. Sie müssen sich mit Jägern herumschlagen, dem verrückten Sam und Bellas Asche im Fluss verstreuen. Das sonderbare Pärchen: der Alte und der kleine Dicke sind allein für sich genommen schon eine Wucht. Regisseur Taika Waititi hat ihnen skurrile Dialoge in den Mund gelegt. Überraschend kommt im Score Leonard Cohens The Partisan vor, bevor alles im Chaos untergeht. Zwischendrin gibt es aber auch mal besinnliche Momente: z.B. ist Hector Analphabet und Ricky bringt ihm das Lesen bei. Dabei kommt es zu ungeahnten Neuschöpfungen von Wörtern. Und noch ein Roter Faden zieht sich durch den Film und ist Wegbereiter für den Abgang der beiden sonderbaren Gesellen: die Suche nach dem als ausgestorbenen geltenden Huia Vogel.
Die Handlung, die Komik und die Typen sind seltene Exemplare. Liebenswert schrullig.

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