The Nightingale (2018)

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Mit ihrem Debütfilm „Babadook“ hat Jennifer Kent uns alle hervorragend geängstigt, vielleicht sogar ein bisschen traumatisiert. Ihr neuer Film „The Nightingale“ nimmt wieder Genreelemente, um mit ihnen metaphorisch von Unterdrückung und Terror zu sprechen. Auch dieser Film hat es in sich.

The Nightingale (2018)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Freiwild

Australien im Jahr 1825, das heißt Strafkolonie, Krankheiten, Gesetzlosigkeit und Unmenschlichkeit. Genau hier, in dieser Welt, die eher einer Vorhölle gleicht als der Gründung eines neues Landes, setzt Jennifer Kents The Nightingale an.

Mit Gründungsmythen ist das ja immer so eine Sache. Oft sind sie Geschichten großer Abenteuer einiger weniger Männer, die mit vielen Entbehrungen etwas Neues geschaffen haben. Die Gründungsmythen der USA und Australiens fallen hier auch in diese Kategorie, die gern über die vielen Unmenschlichkeiten, die Genozide und andere Gräueltaten, die im Verlauf dieser Gründung geschehen sind, hinwegsehen. Überhaupt schon das Wort „Gründung“ – ein Wort, das gern schönmalerisch eingesetzt wird, weil Okkupation, Massenmord und Kolonialismus nicht so gut klingen – zeigt schon, mit welcher Selbstherrlichkeit hier gehandelt wurde.

Während Hollywood sich für die eigene Mythenbildung gleich ein ganzes Genre, den Western, ausgedacht hat, ist es für die Australier etwas schwerer. Sie haben zusätzlich noch zu überspielen, dass ihre Gesellschaft einer Strafkolonie entsprungen ist und damit nicht gerade von der Crème de la Crème der europäischen Gesellschaft abstammt. Und genau daran arbeiten sich nun langsam australische FilmemacherInnen ab. Es ist mehr Aufarbeitung als Mystifizierung und könnte zeitlich besser nicht sein, korrespondieren doch bestimmte Muster und Prinzipien unserer jetzigen Gesellschaft perfekt mit diesen furchtbaren Anfängen.

Clare (Aisling Franciosi) ist besagte Nachtigall, eine junge Strafgefangene aus Irland, die wegen eines kleinen Diebstahldelikts nach Australien verschifft wurde. Hier ist sie nun eine Art Leibeigene des Leutnants Hawkins (Sam Claflin), bei dem sie ihre restliche Strafe abarbeiten muss. Clare putzt und wäscht und kocht und für besondere Ereignisse singt sie mit ihrer klaren Stimme Lieder für Hawkins und seine Männer. Zur Schau gestellt wird sie für genau diesen Zweck, als Hawkins, der sich auf einen höheren Posten beworben hat, einen Kontrollbesuch von oberster Stelle bekommt. Auf einer Kiste stehend, singt die junge Frau von Liebe und Sehnsucht, während alle Männer im Raum sexuelle Bemerkungen und Zeichen machen.

Clare ist Freiwild. Ein Stück Fleisch, ein Loch – kein Mensch. So wie alle Frauen auf dieser Insel. Sie sind in der Unterzahl und haben kaum Möglichkeit, sich zu erwehren. Clare hat ein Baby und einen Mann, Aidan (Michael Sheasby), ebenfalls leibeigen, der ihr auch nicht helfen kann. Im Gegenteil, vor ihm muss sie sogar verstecken, dass Hawkins sie vergewaltigt, seine Rage würde sie alle nur noch mehr in Bedrängnis und Lebensgefahr bringen. Und so kommt es auch, denn Hawkins wird der neue Posten versagt und so lässt er seinen Hass, zusammen mit zwei seiner Soldaten, an Clare und ihrer Familie aus.

In einer erschütternden, perfekt inszenierten Szene stehen sich diese sechs Menschen in einer kleinen Hütte gegenüber. Drei Soldaten, ein Mann, eine Frau, ein Baby. Es ist wie ein Schachspiel um Leben und Tod, nur dass Clare und ihre Familie nur Bauern auf dem Feld stehen haben und Hawkins hat 3 Königinnen. Kent inszeniert diesen fatalen Moment als schlaues, herzzerreißendes Massaker, das vor allem durch seine Präzision und Realitätsnähe besticht und entsetzt. Kent fasst hier alle großen Ängste und Hürden von Frauen zusammen, die sich auch bis heute nicht geändert haben. Es ist die Angst, unfrei zu sein, körperlich, psychisch und sexuell missbraucht zu werden, die Familie, das eigene Kind zu verlieren, fremdbestimmt zu sein und niemals gesehen oder ernst genommen zu werden. All dies passiert Clare, die in einem Moment alles verliert, was sie noch hatte. Und genau hier beginnt The Nightingale mit dem, was Kents Vorgänger The Babadook schon tat: Er nutzt das Gerüst des Genrekinos, um dieses Thema weiter zu verhandeln.

Statt Horror ist es dieses Mal das rape-revenge-Genre. Clare hat ein wenig Geld, eine Flinte und ein Pferd und sie will Rache. Währenddessen läuft Hawkins mit den beiden anderen Männern und zwei Sträflingen, einer davon ein keiner Junge, durch den Busch, geführt von Charlie, einem indigenen Fährtenleser, um sich doch noch den Posten zu holen, der ihm seiner Meinung nach zusteht. Clare engagiert hingegen ihren eigenen indigenen Fährtenleser, Billy (Baykali Ganambarr). Auf der Suche nach den Männern müssen beide zuerst viele Vorurteile gegen den jeweils anderen revidieren, bis sie alsbald feststellen, dass sie unter der gleichen horrenden Herrschaft der „weißen Männer“ leiden. Billy hat ebenfalls seine gesamte Familie verloren.

Nun könnte The Nightingale sich, ganz den Genrekonventionen entsprechend, in Ruhe durch diese schuldhaften Männer mähen, bis keiner von ihnen übrig ist. Doch hier bricht Kent die Konventionen auf, denn Rache allein ist sinnlos, wenn ein ganzes System gegen dich ist. Vielmehr gießt sie in diese Genrekost eine großzügige Portion langsames Arthouse-Kino, das kontempliert, sich Zeit lässt für all die Details, die soziopolitischen Zusammenhänge und Schnittstellen zwischen dem Leiden der Frauen und Kinder, seien es die indigenen oder die, die vom britischen Empire auf diese Insel verschleppt wurden.

So liefert Kent hier nicht nur einen durchweg klug inszenierten und gleichsam spannenden Film, sie hält auch den Finger ganz genau in die pulsierenden Wunden der Zeit. Da mag man ihr auch das bisschen Abgleiten in Kitsch verzeihen, dem sie sich hier und da nicht verwehren kann. Schade aber, dass sie mit der Figur des Billy hier doch wieder in eine uralte, kolonialistische Falle tritt. So gut es ist, dass Kent der unfassbaren Leidensgeschichte der Aborigines hier Raum und Sprache bietet, ist Billys Figur doch Vertreter der Trope des magical negro, also einer Person of Color, die der weißen Protagonistin hilft und dabei über spezielle Fähigkeiten, oft spiritueller Art, verfügt, die der weißen Person helfen. Zum Teil spielt Kent mit dieser Trope und dekonstruiert sie. So vermögen Billys Zeremonien nie wirklich zu helfen. Doch sie ist nicht konsequent und fällt im Verlauf des Filmes doch immer öfter in das klassische Klischee.

Trotzdem ist The Nightingale ein spannender Versuch der Aufarbeitung alter und kontemporärer Wunden, der manchmal in seiner Wucht und seinen Traumata und Leiden schon fast übertrieben erscheint. Vor allem die Figur des Hawkins, der sich entfesselt durch das Land mordet und vergewaltigt, möchte man in die Fiktion verbannen und abtun als rein erfundene Figur. Doch Kents Werk basiert auf wahren, recherchierten und historisch fundierten Geschichten.

Und hier ist noch eine Geschichte, ebenfalls wahr. Bei der Uraufführung des Filmes in Venedig, wo er der einzige Film einer Frau im Wettbewerb war, rief beim Abspann ein Mann aus dem Publikum „Schäm dich, du Hure, du bist Scheiße“ als Jennifer Kents Name auf der Leinwand auftauchte.

The Nightingale (2018)

Australien im Jahre 1825: In der Strafkolonie Van Diemen’s Land, dem heutigen Tasmanien, heftet sich die junge Straftäterin Clare an die Fersen eines britischen Offiziers, um sich für ein Verbrechern zu rächen, das er ihr und ihrer Familie zugefügt hat. Auf ihrem Weg sichert sie sich die Dienste des Aborigine-Spurenlesers Billy, der ebenfalls von einer gewalttätigen Vergangenheit traumatisiert ist.

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