Sorry We Missed You (2019)

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Ken Loach kehrt zurück nach Cannes und nimmt diesmal die Schwierigkeiten eines Paketfahrers und einer Pflegerin in den Blick, der im System der „Null-Stunden“-Verträge versuchen ihre Familie zu versorgen.

Sorry We Missed You (2019)

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Mit Zero-Hour-Vertrag in den Ruin

Ricky (Kris Hitchen) hat in seinem Leben jeden erdenklichen Job gemacht. Er hat auf dem Bau gearbeitet, Straßen gepflastert, sogar Gräber ausgehoben auf dem Friedhof. Nun versucht er, sich als Paketfahrer „selbständig zu machen“. Das Wort an sich ist der reinste Euphemismus und davon gibt es im ersten Dialog in „Sorry We Missed You“ viele. Mallony, der muskelbepackte Leiter der Fahrzentrale, erklärt Ricky das Konzept der „Zero Hour“-Verträge, mit denen das Unternehmen arbeitet: Die Fahrer werden Teil des Franchise, sie haben keine festen Arbeitszeiten, sondern werden nach Schnelligkeit der Lieferung und Schwierigkeit der Lieferroute bezahlt.

Schnell muss Ricky jedoch feststellen, dass der Traum, durch diese Freiheiten sein eigener Chef zu werden, neoliberale Augenwischerei ist. Denn in der Praxis heißt es für ihn ab jetzt, sechs Tage die Woche 14 Stunden unterwegs zu sein, um das Geld zu machen, mit dem seine Familie überleben kann. Jede Verspätung, jeder Ausfall wird mit einer Strafgebühr geahndet. Der Eingangsdialog mit den vielen Euphemismen des Unternehmers ist über schwarzem Bild zu hören, auf dem nach und nach die Anfangscredits laufen. Jeder, der schon einmal Arbeit gesucht hat, kennt die Phrasen. Sie sind nicht spezifisch für den Protagonisten. Doch was genau hinter ihnen steckt, wird dann an Rickys Geschichte erzählt, die sich mehr und mehr zuspitzt.

Wie schon bei I, Daniel Blake (mit dem Loach 2016 in Cannes die Goldene Palme gewann), siedelt der britische Regisseur seine Geschichte wieder im nordenglischen New Castle an. Und wie im letzten Film richtet er auch in Sorry We Missed You den Blick auf die Arbeiter, die durch  neoliberale Wirtschaftspolitik und den Abbau von Sozialgesetzen jeden Tag aufs Neue um die reine Existenz kämpfen müssen. „Lange wurde uns erzählt, wenn du hart arbeitest und darum kämpfst, dann hast du ein gutes Leben, kannst deine Familie versorgen und bist sicher. Aber das hat sich geändert — und das ist kein Scheitern des Kapitalismus, das ist einfach purer Kapitalismus, wie er funktioniert“, sagte Loach auf der Pressekonferenz zu seinem Film in Cannes.

Exemplarisch erzählt er das an Ricky und seiner Familie. Seine Frau Abbie (Debbie Honeywood) ist Altenpflegerin. Auch sie hat einen „Null-Stunden“-Vertrag (wie statistisch 1,4 Millionen Menschen in Großbritannien), wird nur nach der Anzahl ihrer „Klienten“ bezahlt, wie ihre Chefin die Pflegebedürftigen nennt. Um den Transporter ihres Mannes zu finanzieren, hat sie ihr Auto verkauft, verbringt nun noch mehr Zeit auf dem Weg von einem Patienten zum nächsten, telefoniert nebenbei mit ihren Kindern, um ihnen zu sagen, wo das Mittagessen steht und wer sie für Schwimmunterricht oder den Chor abholt. Und bei all dem mag sie ihre Arbeit, mag die alten Menschen, will für sie sorgen und zerreißt dabei fast an der schieren Unmöglichkeit, all das mit der kurzen Zeit zu vereinbaren, die sie nur investieren dürfte, um für sich selbst „wirtschaftlich“ zu arbeiten.

Loachs Protagonisten sind extrem angespannt, mit jedem Tag erhöht sich der finanzielle Druck und ab dem Moment, als Ricky das erste Mal übermüdet in den Transporter steigt, hält man unweigerlich den Atem an und hofft nur, dass er weder einen Bus streift, noch aus Versehen ein Kind umfährt. Bei Debbie entlädt sich diese Spannung am Ende im Krankenhaus, wo sie am Telefon fluchend Mallony anschreit — und danach weinend zusammenbricht, weil sie eine Person ist, die nicht flucht und keine harten Worte benutzt. Der Ausbruch ist ihr peinlich, was sie unter Tränen ein ums andere Mal wiederholt.

Die Szene ist so hart wie jene in der Essensausgabe in I, Daniel Blake, wo die Protagonistin über eine Dose weißer Bohnen herfällt und sie schamerfüllt und unter Tränen mit bloßen Händen isst, weil sie vor Hunger nicht mehr weiterweiß. Dass die Schauspieler auch in diesem Film so weit gehen und dabei so gut sind, liegt zum einen am Casting. Rhys Stone und Katie Proctor, die die Kinder spielen, wurden vom Schulhof beziehungsweise aus dem Spanischunterricht heraus direkt zum Vorsprechen eingeladen. Und Debbie Honeywood, die zwanzig Jahre als Lehrerin in Nordengland gearbeitet hat, war ursprünglich als Film-Extra bei einer Agentur gemeldet. Nach einem Drink mit Loach stand fest, dass sie die weibliche Hauptrolle spielen würde. Loach dreht  seine Filme chronologisch, gibt den Schauspielern immer nur ein paar Seiten des Skripts. Zum Teil wissen sie nicht, was das Gegenüber als nächstes tun wird. So kitzelt er aus den Laien Emotionen, die manche Stars auch nach Jahren auf Filmschulen nicht hinbekommen.

Es entsteht so ein Sozialdrama, bei dem man bis zum Ende den Atem anhält — und danach beschließt, bei Amazon so schnell nichts mehr zu bestellen.

Sorry We Missed You (2019)

Der neue Film von Regiealtmeister Ken Loach erzählt die Geschichte einer Familie, die mit den Folgen der Finanzkrise des Jahres 2008 zu kämpfen hat. Als der Vater einen neuen van bekommt, bietet sich ihnen endlich die Chance, die Misere zu beenden und ein Franchise als selbstständiger Fahrer eines Lieferservices zu starten. Doch die Bedingungen in der schönen neuen Arbeitswelt sind gnadenlos.

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