Nashville

Nashville

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

It‘s Nashville!

Der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert sagte über Robert Altmans Film Nashville, dass er sich nach dem Film anders fühlte, "I felt I understood more about people, I felt somehow wiser. It's that good a movie." Tatsächlich findet man in dem episodenhaften Klassiker über die Countrymusikszene in Nashville nahezu die gesamte Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen und erfährt viel über die USA in der Mitte der 1970er Jahre.
Eigentlich sollte Robert Altman ein anderes Drehbuch über Nashville verfilmen, das ihm aber nicht zusagte. Deshalb schickte er Joan Tewkesbury in die Stadt und bat sie, dort ein Tagebuch über alltägliche Erlebnisse zu führen. Auf dieser Basis entstand das Drehbuch für seinen Film Nashville. Es ist ein Film über Alltäglichkeiten, über die Sehnsucht nach Ruhm und eine politische Kampagne, gespiegelt in der zur damaligen Zeit ungemein populären Countrymusik. Zu seinen schillernden Charakteren gehört Heven Hamilton (Henry Gibson), ein alternder Countrymusikstar, der dem Ende seiner Karriere immer näher kommt und sich an Traditionen klammert. Während seine Begleiterin Lady Pearl (Barbara Baxley) immer noch John und Bobby Kennedy hinterher trauert, hofft Hamilton auf eine eigene politische Karriere und lässt sich deshalb zu einem Auftritt für den derzeit erfolgreichen Politiker Hal Phillip Walker überreden. Niemand hat Walker bisher gesehen – und das wird sich auch in dem Film nicht ändern. Vielmehr organisiert John Triplette (Michael Murphy) mit Hilfe des bestens vernetzten Del Reese (Ned Beatty) die Veranstaltung, außerdem fährt ein Kampagnenbus durch Nashville, der Sätze verkündet, die kein Politiker sagen würde. Mit diesem Stil ist Walker erfolgreich: Er konnte mit seiner "Replacement Party" bereits vier Präsidentschaftsvorwahlen gewinnen. Zugleich entlarvt Robert Altman damit die Mechanismen des Wahlkampfes.

Zu Beginn des Films erscheint Nashville noch als Hort der Konservativen. Hier wird die zurückkehrende Sängerin Barbara Jean (Roonee Blakely) von Cheerleaderinnen begrüßt, die Gewehre in ihrer Choreografie verwenden. Aber auch für die Countryszene brechen neue Zeiten an: Es gibt einen populären afroamerikanischen Musiker Tommy Brown (Timothy Brown), außerdem trifft das Trio Bill (Allan F. Nicholls), Mary (Cristina Raines) und Frank (Keith Carradine) ein. Während Frank lieber eine Solokarriere machen würde und in die mit Del Reese verheiratete Gospelsängerin Linnea (Lily Tomlin) verliebt ist, fungiert das Trio als deutliche Anspielung auf die Folkgruppe Bill, Mary and Tom, die damals zu den bekanntesten musikalischen Vertretern der Bürgerrechtsbewegung gehörte. Ebenso wie die rebellische Martha (Shelley Duvall), die ihren Namen in L.A. Joan geändert hat und in Nashville eigentlich ihre kranke Tante besuchen sollte, verweisen sie auf Veränderungen, die auch Nashville erreichen werden.

Von dem Leben dieser Figuren – und noch vieler mehr – erzählt Robert Altman in seinem großartigen Film so beiläufig, dass man ihm ewig zusehen könnte. Dabei läuft die Handlung fast unmerklich auf den Auftritt bei der Kampagne zu. Zwischenzeitlich kreuzen sich die Wege einiger Charaktere, andere begegnen sich niemals. Mit einer von Jeff Goldblum gespielten Figur, die mit dem Motorrad umherfährt und an unterschiedlichsten Orten auftaucht, gibt es ein Verbindungsglied zwischen den Episoden. Außerdem ermöglicht die von Geraldine Chaplin gespielte BBC-Reporterin Opal eine Außenperspektive auf die Handlung und liefert mit ihren Fragen wichtige Hintergrundinformationen zu den Charakteren und dem Leben in Nashville.

Neben dem Zeitkolorit beweist Nashville aus heutiger Sicht mitunter erstaunliche Aktualität. So verweist Haven die BBC-Journalistin mit ihrem Aufnahmegerät mit dem Hinweis aus dem Studio, wenn sie seine Platte hören wolle, müsse sie sie kaufen. Der charismatische Tom sagt zu einem sehr dünnen Mädchen, das ihn anhimmelt, sie solle ihre Diät stoppen, da sie sonst verhungere. Als Erklärung für politische Attentate wird die Waffenregelung angeführt, da Attentäter stimuliert werden, wenn jeder eine Waffe tragen könnte. Vor allem aber ist es der Wunsch nach Ruhm und "Star-Sein", der ungebrochene Aktualität besitzt. Damals standen – wie Robert Altman in dem interessanten Interview in den Extras der DVD erzählt – an jeder Bushaltestelle in Nashville junge Leute mit ihren Gitarrenkoffern, die glaubten, sie seien für Countrymusik geboren. Damit sei Nashville wie Hollywood – nur für Country. Und es ist diese Sehnsucht nach Ruhm und Aufmerksamkeit, die die menschlichen Verhaltensweisen so unverstellt hervorbringt: die Selbstaufgabe der untalentierten, aber hübschen Kellnerin Sueleen (Gwen Welles), die Unkenntnis des kommenden Stars am Countryhimmel Connie White (Karen Black), die Abhängigkeit Ronee Blakelys von ihrem Manager und Ehemann Barnett (Allen Garfield), der unbeirrbare Willen von Winifred (Barbara Harris), für die das Musikgeschäft ein Geschäft ist, und der Beschützerwunsch des Vietnamveteranen Glenn (Scott Glenn) sind einige Beispiele dafür. Dazu erzählt der Film von Liebe, Hoffnung und Politik. Nashville ist ein großartiger Film, der nun endlich auf DVD erscheint.

Nashville

Der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert sagte über Robert Altmans Film "Nashville", dass er sich nach dem Film anders fühlte, "I felt I understood more about people, I felt somehow wiser. It's that good a movie." Tatsächlich findet man in dem episodenhaften Klassiker über die Countrymusikszene in Nashville nahezu die gesamte Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen und erfährt viel über die USA in der Mitte der 1970er Jahre.
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