Haftbefehl

Haftbefehl

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Schuldlos hinter Gittern – die wahre Geschichte eines Justizskandals

Es ist ein Albtraum, der mitten in der Nacht kommt. Doch anders als bei „gewöhnlichen“ nächtlichen Heimsuchungen vergehen die Schrecken, denen sich der Gerichtsvollzieher Alain Marceaux und seine Familie gegenüber sieht, nicht vorbei. Vielmehr dauern sie an und stürzen alle Beteiligten ins Unglück. Nun könnte man sich angesichts dieses Martyriums, das Vincent Garenq in seinem Film Haftbefehl / Présumé coupable auffächert, wohlig zurücklehnen und sich dessen versichern, dass es sich dabei ja nur um einen Film handelt – wäre da nicht das Wissen, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht, die rund um das Jahr 2005 die französische Öffentlichkeit in Atem hielten und erschütterten. Insgesamt 18 Verdächtige waren aufgrund der höchst widersprüchlichen Aussagen einer Frau und deren Sohnes hinter Gitter gekommen und hatten teilweise einige Jahre in Haft verbracht, bis sich herausstellte, dass die Frau zur Vertuschung des eigenen Missbrauchs ihrer Kinder vollkommen Unbeteiligte angeschwärzt hatte. Der Skandal, der als „Outreau-Fall“ in die Geschichte einging, sorgte im Nachklang aufgrund der schlampigen Ermittlungen für ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber der Polizei und den Justizbehörden.
Der Film basiert auf den Memoiren des wahren Alain Marécaux, der hier mit viel Engagement und vollem Körpereinsatz von Philippe Torreton gespielt wird. Er ist es, der den Film trägt, dem die Kamera durch die Torturen der Verhöre, die lange U-Haft, die suggestiv geführten Verhöre und durch die Qualen des Hungerstreiks folgt, den der Beschuldigte schließlich übernimmt, um zu erreichen, dass man seine Unschuldsbeteuerungen endlich einmal ernst nimmt. Bis auf wenige Einschübe, die kurze Ausflüge ins Surreale unternehmen, beschränkt sich die Kamera aufs schnörkellose Beobachten, das besonders am Anfang fast schon im dokumentarischen Reportagestil mit viel Handkamera-Einsatz geschieht. Auf diese Weise ist der Zuschauer hautnah dabei, die Nervosität und Anspannung, die Ungewissheit der Situation überträgt sich förmlich auf ihn, so dass Torreton angenehm zurückhaltend, aber dennoch mit schmerzhafter Intensität agieren kann. Am Ende, wenn er aufgrund des Hungerstreiks bis auf die Knochen abgemagert ist, fühlt man sich natürlich an Michael Fassbender in Steve McQueens Geniestreich Hunger erinnert, auch wenn Haftbefehl wesentlich dezenter, aber dennoch annähernd genauso emotional aufwühlend gestrickt ist.

Ganz nebenbei zeigt der Film nicht nur die Unfähigkeit bis Willkür der Justiz und die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber eines einmal in die Welt gesetzten Verdachts, sondern verweist auch auf die tiefsitzenden Traumata, die die Enthüllungen über Pädophilie im Falle Dutroux im benachbarten Belgien in der Region hinterlassen haben. Denn die (Falsch)Aussagen der Zeugin, dass der Missbrauch auch im Nachbarland stattgefunden habe, wirken wie ein Katalysator auf die Ermittlungen der Justizbehörden, die sich ganz sicher sind, einem großen Missbrauchsskandal auf der Spur zu sein. Ein klein wenig fühlt man sich fast an Thomas Vinterbergs Die Jagd erinnert – ist der Verdacht einmal in der Welt, gewinnen die Dinge eine Eigendynamik, die die verschiedenen Ordnungssysteme (Familie, Justiz, Gesellschaft) ins Chaos stürzen und aufzulösen drohen.

Haftbefehl, dessen Originaltitel Présumé coupable den Kern der Geschichte präziser trifft, ist ein Glücksfall und ein Film, den man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Haftbefehl

Es ist ein Albtraum, der mitten in der Nacht kommt. Doch anders als bei „gewöhnlichen“ nächtlichen Heimsuchungen vergehen die Schrecken, denen sich der Gerichtsvollzieher Alain Marécaux und seine Familie gegenüber sieht, nicht vorbei. Vielmehr dauern sie an und stürzen alle Beteiligten ins Unglück.
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