Five Minutes of Heaven

Five Minutes of Heaven

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Welcome back, Mr. Hirschbiegel!

Mit Das Experiment und Der Untergang hat sich Oliver Hirschbiegel einen Namen gemacht und sich nachdrücklich für das internationale Filmgeschäft empfohlen, so dass man bereit war, jede Wette einzugehen, dass sein Weg nun schnurstracks nach Hollywood führen und er dort seine Karriere fortsetzen würde. Und tatsächlich legte der Regisseur mit Invasion (2007) zunächst ein in den USA realisiertes Projekt vor, das allerdings sowohl bei der Kritik wie auch beim Publikum hinter den hohen Erwartungen zurückblieb. Mit seinem neuen Film Five Minutes of Heaven kehrt Hirschbiegel nun nach Europa zurück und zeigt eindrucksvoll, dass er trotz des Flops nichts verlernt hat und dass er nach wie vor sein Handwerk meisterhaft beherrscht. Zugleich markiert der Film eine Rückkehr zu seinen alten Stärken – es ist vor allem die Schauspielerführung und sein untrügliches Gespür für die Tiefen der menschlichen Seele, die sein neues Werk zu einem Kinoerlebnis der besonderen Art machen.
Nordirland im Jahre 1975: Lurgan ist ein kleines Kaff irgendwo in Ulster. Doch auch hier sind die Auswirkungen des Bürgerkrieges zwischen der irisch-katholischen IRA und der protestantisch-unionistischen UVF (Ulster Volunteer Force) deutlich zu spüren. Der 17-jährige Alistair Little (Mark Davidson) ist ein ganz normaler Heranwachsender, doch wie viele seiner Freunde kann auch er sich der alltäglichen Gewalt und dem Hass nicht entziehen. Der Jugendliche giert nach Anerkennung und erklärt sich deshalb bereit, gemeinsam mit Freunden seinen ersten „Abschuss“ zu machen. Was zunächst harmlos, beinahe spielerisch klingt, ist nichts anderes als ein feiger politischer Mord an einem katholischen Jugendlichen, der zuvor Drohungen gegen die UVF ausgestoßen hatte. Zwar gelingt das Attentat, doch Alistair wird dabei von Joe Griffin (Kevin O’Neill), dem kleinen Bruder des Ermordeten beobachtet, der fassungslos mit ansehen muss, wie James von drei Kugeln getroffen stirbt.

30 Jahre später begegnen sich Joe und Alistair erneut. Inzwischen hat sich vieles verändert: Alistair war für seinen Mord an James für 12 Jahre im Gefängnis und hat anschließend der Gewalt abgeschworen, der Bürgerkrieg in Nordirland ist offiziell beendet, es ist Ruhe eingekehrt in Ulster. Dennoch sind die seelischen Verwundungen nach wie vor vorhanden, die unvorstellbaren gegenseitigen Grausamkeiten haben die Atmosphäre vergiftet. Im Rahmen einer Fernsehsendung sollen sich Alistair, der geläuterte Mörder, und Joe, der Bruder des Opfers, symbolisch die Hände reichen und sich miteinander aussöhnen. Obwohl Joe einwilligt, kann er die ganze Angelegenheit nicht so einfach vergessen. Und das liegt neben der Trauer um seinen Bruder vor allem an zwei Faktoren: Denn zum einen lässt ihn das Gefühl nicht los, dass Alistair es trotz seiner Tat besser erwischt hat als er selbst. Als reuiger Sünder und mittlerweile aktiver Pazifist ist der nämlich längst eine Art Medienstar, während Joe nach wie vor ein miserables Dasein fristet. Hinzu kommt, dass Joe seit dem Mord Schuldgefühle von seiner Mutter eingetrichtert bekommen hat, er habe als damals 11-jähriger den Mord an seinem Bruder irgendwie verhindern können. Und so ist es kein Wunder, dass Joe auf dem Weg zu der inszenierten Versöhnung ein Messer bei sich trägt, das er Alistair ins Herz jagen will. Doch es kommt alles anders als geplant…

Five Minutes of Heaven überzeugt sowohl als eindringliche Studie über Hass, Gewalt und Versöhnung wie auch als furioses Duell zweier Männer, die auch heute noch von der Vergangenheit umgetrieben werden, obwohl sie doch nichts anderes wollen als ihren (Seelen)Frieden. Dennoch ist Five Minutes of Heaven weitaus mehr als ein schnödes Rachedrama mit klar definierten Rollenzuschreibungen. Obwohl der Film kenntnisreich und authentisch Bezug nimmt auf den Nordirland-Konflikt, ließe sich das Geschehen mühelos auf andere Orte übertragen, auf das frühere Jugoslawien, auf das Baskenland, Ruanda und all die anderen Ländern, in denen die Bevölkerung in einen verheerenden Bürgerkrieg verstrickt war.

Dass Hirschbiegels zum großen Teil fiktive Geschichte zur gleichen Zeit als atmosphärisch stimmige Schilderung des Nordirland-Konflikts und als Parabel auf die globalen Fragen von Schuld und Sühne, Verbrechen und Versöhnung funktioniert, gehört zu den vielen Stärken dieses eindringlichen Films. Darüber hinaus sind es vor allem die beiden Hauptpersonen, die den Film tragen – und zwar sowohl in Gestalt der beiden jugendlichen Darsteller Mark Davidson und Kevin O’Neill als auch in ihren „erwachsenen“ Pendants Liam Neeson und James Nesbitt.

Mit Five Minutes of Heaven stellt Oliver Hirschbiegel ein weiteres Mal sein außerordentliches Gespür für die differenzierten psychologischen Mechanismen unter Beweis und offenbart sein feines Händchen für Schauspielerführung und leinwandgerechte Bilder, die aus einer eigentlich kleinen Geschichte großes Kino machen. Der vollkommen verdiente Regiepreis beim Sundance Film Festival war der Lohn für diesen außerordentlichen Film. Welcome back, Mr. Hirschbiegel!

Five Minutes of Heaven

Mit „Das Experiment“ und „Der Untergang“ hat sich Oliver Hirschbiegel einen Namen gemacht und sich nachdrücklich für das internationale Filmgeschäft empfohlen, so dass man bereit war, jede Wette einzugehen, dass sein Weg nun schnurstracks nach Hollywood führen und er dort seine Karriere fortsetzen würde.
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Meinungen
Martin Zopick · 22.09.2019

Genauso lange will Joe (James Nesbitt), der Bruder des von Alistair Little (Liam Neeson) erschossenen seine Rache auskosten. Er hat als einziger vor über 30 Jahren als kleiner Bub den Mord mit ansehen müssen. Jetzt ist von einem TV Sender ein Treffen der verfeindeten Männer arrangiert. Wir sind in Irland! Alistair Little hat für seine Tat im Gefängnis gesessen und hat seine jugendliche Verblendung verarbeitet, sein Unrecht eingesehen. Er wird aber weiterhin von traumatischen Bildern verfolgt. Joe hingegen will nur Rache mit einem Messer in der Tasche.
Regisseur Hirschbiegel konzentriert sich auf die Hintergründe der Tat. Er seziert die Stimmungslage der Jugendlichen. Erwähnt menschliche Probleme im Entwicklungsstadium und bietet einen spannenden Plot. Die Gegner Alistair und Joe bereiten sich auf die Aussprache vor. Hier treten eine Taube und ein Falke gegen einander an. Versöhnung ausgeschlossen.
Als Katalysator sieht das Drehbuch die russische Assistentin Vika (Annamaria Marinca) vor. Während sich die Kontrahenten vorbereiten, gibt sie Joe wichtige Infos über den Menschen Alistair. Den Kampf, der in seinem Inneren tobt, beendet er, indem der Vater von zwei Kindern abreist. Retros zeigen die Vorwürfe seiner Familie, besonders die seiner Mutter, die ihn für den Tod des Bruders verantwortlich macht. Für beide ist der Kreis noch nicht geschlossen. Alistair verabredet sich mit Joe in dessen verfallenem Elternhaus. Voller Hass prügeln sie sich bis zur Bewusstlosigkeit. Mit letzter Kraft erläutern sie ihre Beweggründe. Alistair wollte anerkannt werden, zieht jetzt aus der Gegend weg und bittet Joe ihn für tot zu halten. Der geht in eine Selbsthilfegruppe und erkennt, dass nun seine wichtigste Aufgabe ist, ein guter Vater für seine Töchter zu sein.
Ein spannend gemachter Film, der gut geeignet ist, in Schulen gezeigt zu werden, weil er das demnächst wieder aktuelle Thema Irland – Nordirland (Backstop) von der menschlichen Seite her beleuchtet und Lösungen aufzeigt. Wertvoll!

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