Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung

Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Künstlerischer Mittelwert

Mehr Konsens als in The Family Fang kann man im amerikanischen Indie-Film gar nicht finden. Nein, wirklich, Jason Batemans Film ist quasi der arithmetische Mittelwert, wenn man von Little Miss Sunshine über Frances Ha zu Tangerine L.A. alle Filme, die heutzutage in die Genreschublade "amerikanischer Indiefilm" gepackt werden, zusammennimmt. Das Ergebnis ist also nicht schlecht. Aber es ist auch absolut nichts Neues.
Die Titel gebende Fang-Familie ist eine Hippie-Künstlerfamilie bestehend aus dem äußerst charismatischen, aber dominanten Vater Caleb (gewohnt leicht entrückt: Christopher Walken), seiner milden Frau Camille (Maryann Plunkett) und den Kindern Annie (Nicole Kidman) und Baxter (Jason Bateman), kurz auch Kind A und Kind B genannt. Diese wachsen in einer Welt auf, die direkt aus Wes Andersons Fantasie stammen könnte: Die Eltern sehen sich als Performance-Künstler und sie nehmen ihre Kinder mit in ihre Welt aus konstanten Auftritten, deren Ziel es ist, die gesellschaftlich etablierte Ordnung ein wenig durcheinander zu bringen. Ready-Made-Kunst mit Dadaismus und einer ordentlichen Portion Wahnsinn eben. Und so wachsen Annie und Baxter alsbald im künstlerischen Rampenlicht auf. Doch mit der Pubertät setzen auch die Wünsche ein, eigene Menschen zu sein und die Gruppe/Familie zu verlassen. All dies erfährt man erst im Verlauf des Films, der da beginnt, wo Leben und Performance so stark ineinander fallen, dass niemand mehr weiß, was echt ist. Die Eltern sind nämlich plötzlich verschwunden. Ihr Auto ist voller Blut, die Polizei mutmaßt ein Verbrechen. Annie, inzwischen angeschlagene Schauspielerin und Alkoholikerin, und Baxter, Autor mit Schreibblockade, sind da anderer Meinung. Sie vermuten, dahinter verbirgt sich wieder nur eine Performance und gleichsam eine Strafe für die beiden, weil sie aufgehört haben mitzumachen. Oder? Und so machen sich die Geschwister auf, die Wahrheit zu ergründen.

The Family Fang beginnt in typischer Indie-Manier irgendwo zwischen lustig, verrückt und völlig depressiv. Eine verrückte Familie und traumatisierte Kinder, die auf der Suche sind nach sich selbst, dem Sinn des Lebens und ein bisschen Liebe. Diese finden Annie und Baxter nicht bei ihren Eltern und auch nicht bei sich selbst, dazu sind sie zu gestört und kaputt. Allerdings gibt es da noch eine Geschwisterliebe, die bei der Suche nach Mutter und Vater wieder aufblüht. Kidman und Bateman geben sich viele Mühe mit ihren Figuren und suchen nach feinfühligem Spiel. Dies gelingt ihnen auch zusehends, dadurch bekommt der Film die nötige emotionale Grundlage, auf der das Trauma von Familienverbänden und Verlusten kleinerer und größerer Art souverän ausgespielt wird. Sicher arbeitet sich The Family Fang durch sein Thema, vermag zur richtigen Zeit die richtigen emotionalen Knöpfe zu drücken und einen aus dem Kino kathartisch zu entlassen. Doch dann, nach einer Weile erst, stellt sich ein eigenartiges Gefühl ein.

Es ist das Gefühl, alles zu kennen und schon gesehen zu haben. Jede Figur, jede Idee, jede Verhandlung, Wertvorstellung, jeden Kniff und Twist – alles, absolut alles kennt man aus den anderen Filmen dieses Genrekonglomerats. Ist The Family Fang der eine Film zu viel? Nein, er ist einfach nur der Mittelwert aller anderen. Er geht keinerlei Risiken ein oder wagt Neuerungen. Vielmehr verwendet er perfekt ein Feel-Good-But-Stay-Sarcastic-Strickmuster, das funktioniert, aber ebenso formelhaft geworden ist wie das Blockbuster-Kino, dessen Gegenentwurf es einmal sein sollte.

Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführung

Mehr Konsens als in "The Family Fang" kann man im amerikanischen Indie-Film gar nicht finden. Nein, wirklich, Jason Batemans Film ist quasi der arithmetische Mittelwert, wenn man von "Little Miss Sunshine" über "Frances Ha" zu "Tangerine L.A." alle Filme, die heutzutage in die Genreschublade "amerikanischer Indiefilm" gepackt werden, zusammennimmt. Das Ergebnis ist also nicht schlecht. Aber es ist auch absolut nichts Neues.
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