Die Frau des Anarchisten

Die Frau des Anarchisten

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Vom zähen Überdauern der Liebe

In Zeiten von Krieg und Exil, zwei Themen, die das Europa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beherrschten und nachhaltig prägten, sind auch unzählige persönliche Geschichten zu verzeichnen, die die Ereignisse der großen Historie gelenkt haben. Der Spielfilm Die Frau des Anarchisten / The Anarchist´s Wife erzählt das tragische Schicksal einer Familie vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkrieges, aus dem die langjährige Diktatur Francisco Francos als Sieger hervorging, des Zweiten Weltkriegs und der sozial wie politisch bewegten Nachkriegsjahre.
Madrid im Winter 1937: Der ideologische wie blutige Kampf der Putschisten unter General Franco gegen das republikanische Spanien tobt in der von den Angreifern eingekesselten Hauptstadt. Der Rechtsanwalt Justo Alvarez Calderón (Juan Diego Botto), ein glühender Verfechter politischer Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, hat seine gesamte Existenz mit vollem Einsatz dem Widerstand gegen die Faschisten verschrieben. Im Radio repräsentiert er die "Stimme der Revolution", und inmitten der Schlachtfelder riskiert er tagtäglich sein Leben, was seine Frau Manuela (María Valverde), die mit der kleinen Tochter Paloma (Alba Barragán, später Ainoa Ruiz, als Jugendliche Ivana Baquero und als Erwachsene Irene Visedo) auf sich gestellt ist, in permanente Angst um Justo versetzt, zumal sie ein weiteres Kind erwartet und erst recht, als das Haus der Familie zerbombt wird und diese von nun an gemeinsam mit anderen Obdachlosen in der Kanzlei Unterschlupf findet. Doch trotz seiner innigen Liebe für Frau und Kind ist Justo nicht der Mann, der sich auf Grund persönlicher Präferenzen, und sei es auch der Schutz der Familie und des eigenen Lebens, aus dem Kampf für seine Ideale zurückzieht, und schließlich reißt abrupt der Kontakt zwischen Manuela und ihrem Mann ab – ein quälender Zustand der Ungewissheit, der viele Jahre lang andauern wird.

Manuela bringt derweil ihren Sohn Rafael zur Welt, der allerdings kurz nach der Geburt verstirbt, während Franco sich die Macht erobert hat und der Zweite Weltkrieg ausbricht, der es nunmehr unmöglich macht, Justos Spur ins benachbarte Frankreich zu verfolgen. Dessen Bruder Francisco (Adrià Collado), der sowohl ein Auge auf seine Schwägerin als auch auf eine einflussreiche Position als Pressechefs innerhalb der spanischen Diktatur geworfen hat, beschreitet in Spanien den Weg der Konformität, für den er auch Manuela gewinnen will, doch die verzweifelte Frau kennt nur die eine Hoffnung, dass Justo eines Tages heimkehren wird, und ihre Tochter wächst mit dem Bild des heldenhaften, abwesenden Vaters auf, den sie hefitg verehrt. Als dann Justo nach zehn unendlich lang erscheinenden Jahren in Frankreich ausfindig gemacht werden kann, reist Manuela mit der mittlerweile jugendlichen Paloma in die Provence, um ihren Mann endlich wiederzusehen, der gemeinsam mit der deutschen Kommunistin Lenin (Nina Hoss) insgeheim weiterhin seine politische Richtung verfolgt. Doch der Umgang mit dem im Krieg schwer verwundeten Justo und das Leben im französischen Exil erweisen sich besonders für Paloma als äußerst schwierig, doch manchmal – so die Botschaft dieses trotz aller Schwere positiven Films – vermag es die Unerschütterlichkeit der Liebe, auch tiefe Wunden letztlich doch heilen zu lassen.

Selbst bei einer Länge von knapp über zwei Stunden ist es kein leichtes Vorhaben, einen historisch und emotional so komplexen Film wie Die Frau des Anarchisten / The Anarchist´s Wife, der 2008 mit dem Bernhard-Wicki-Filmpreis – Die Brücke – Der Friedenspreis des Deutschen Films ausgezeichnet wurde, zu realisieren. Das Filmemacher-Paar Marie Noelle, die auf der Grundlage ihrer eigenen Familiengeschichte das Drehbuch verfasste, und Peter Sehr haben den ergreifenden Stoff gemeinsam inszeniert und auch produziert, und es ist dem Drama um Liebe, Krieg und Exil anzumerken, wie viel Herzblut in der aufwändigen Gestaltung steckt, die allerdings bisweilen den pathetischen und sentimentalisierenden Elementen allzu viel Raum überlässt. Das zentrale Thema des politischen Engagements im Spannungsfeld mit dem persönlichen Leben, das allgegenwärtig über den mitunter zu hektisch präsentierten Ereignissen schwebt, wird dennoch überwiegend von der Vielfalt der einzelnen Konflikte erdrückt, so dass die Konzentration der Geschichte sich ein wenig in den Gabelungen der Dramaturgie verliert. Dennoch stellt Die Frau des Anarchisten / The Anarchist´s Wife einen sehenswerten fiktiven Beitrag zur ganz individuell empfundenen Historie jener Zeiten dar, dessen Perspektive auch Aspekte des spanischen Hintergrundes transportiert, der bisher innerhalb der filmischen Beschäftigungen mit diesen Gegenständen kaum Berücksichtigung fand, und letztendlich ist der Film weniger eine präzise Geschichtsstunde als vielmehr in erster Linie eine rührende Liebesgeschichte.

Die Frau des Anarchisten

In Zeiten von Krieg und Exil, zwei Themen, die das Europa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beherrschten und nachhaltig prägten, sind auch unzählige persönliche Geschichten zu verzeichnen, die die Ereignisse der großen Historie gelenkt haben.
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