Winterreise (2019)

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Auf Basis eines Interview-Buchs fängt Anders Østergaard in „Winterreise“ die Rekonstruktion einer Biografie ein – mit Bruno Ganz in seinem letzten Leinwandauftritt.

Winterreise (2019)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Ein Leben in der Rückschau

Eltern, die unbekannten Wesen. Vielleicht kommt im Leben eines jeden (erwachsenen) Kindes irgendwann der Moment, in dem es sich fragt, welche Geschichte eigentlich die eigenen Eltern haben. Weil die Geschichte der Eltern natürlich auch ein Teil der persönlichen Biografie ist. In seinem 2002 veröffentlichten Interview-Buch „Die unauslöschliche Symphonie: Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches – eine deutsch-jüdische Geschichte“ hat sich der US-Radiomoderator Martin Goldsmith mit seinem Vater und dessen Vergangenheit befasst; seine Mutter war zu diesem Zeitpunkt schon verstorben. Anders Østergaard hat das Werk in Form eines filmischen Essays für die Leinwand adaptiert.

Die dänisch-deutsche Co-Produktion Winterreise nutzt unter anderem Archivaufnahmen und historische Fotografien, die mit heutigen Bildern kontrastiert werden. Obendrein gibt es Spielszenen in Schwarz-Weiß, in denen der Nachwuchsstar Leonard Scheicher (Das schweigende Klassenzimmer) den Part des jungen Günther Goldschmidt verkörpert. Dabei kommt es zu originellen Kombinationen – etwa wenn die Spielenden in historische Aufnahmen hineinmontiert werden. Herzstück des Films sind jedoch ganz zweifellos die nachgestellten Interviewpassagen mit Bruno Ganz (1941-2019) in seiner letzten Rolle als Vater des Buchautors.

Nach einem gemeinsamen Ausflug in die Wüste von Arizona fängt Martin (der stets aus dem Off zu hören ist) an, seinem Vater Günther alias George Fragen zu stellen. Es ist der zuweilen durchaus aufdringliche Versuch einer Annäherung, um den Vater ein bisschen besser verstehen zu können. Dieser beginnt – mal recht widerwillig, mal melancholisch-versunken –, aus seiner Kindheit und Jugend im Oldenburg der späten 1920er und frühen 1930er Jahre zu erzählen. Später studierte Günther Flöte in Karlsruhe, erwies sich als großes Talent – musste die Hochschule im Jahre 1935 aber ohne Diplom verlassen, weil er Jude ist. Als seine Ausreise nach Schweden schon geplant war, erhielt er eine überraschende Einladung des Kulturbundes Deutscher Juden. Bei einem Orchesterauftritt lernte er seine spätere Ehefrau, eine Bratschistin, kennen – und entschloss sich, in Deutschland zu bleiben. Bald musste das junge Paar allerdings erkennen, dass es sich in höchster Gefahr befand. 1941 gelang den beiden die Flucht in die USA. Ihre Familien wurden hingegen zu Opfern des deutschen Nazi-Terrors.

In seiner Mischung aus dokumentarischem Material und gespielten Szenen ist Winterreise ein interessanter, spannungsreicher Ansatz, sich mit Historie auseinanderzusetzen. Es wird deutlich, wie sehr das historische Geschehen den Werdegang eines Menschen beeinflussen und dessen Wesen prägen kann. Bruno Ganz brilliert dabei mit seiner introvertierten Interpretation eines Mannes, der viele Erinnerungen tief vergraben hat, um weiterleben zu können.

Winterreise (2019)

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“ Martin rekonstruiert die Geschichte seiner jüdischen Eltern, die 1941 nach Amerika flohen. Beide waren begnadete Musiker und Teil des jüdischen Kulturbundes, der von den Nazis aus Propagandazwecken geduldet war. Mithilfe von außergewöhnlich verwendetem Archivmaterial und inszenierten Interviews, die auf Gesprächen zwischen Martin und seinem Vater (gespielt von Bruno Ganz) basieren, gelingt eine Filmerzählung über Identität, Musik, Liebe in und nach dunklen Zeiten.

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