Die Einkreisung (Staffel 1)

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New York im 19. Jahrhundert. Eine Mordserie an sich prostituierenden Jungs. Ein Psychologe als geheimer Ermittler. Ein Polizeichef im Kampf gegen Korruption. Eine Stadt voller Armut und Unterdrückung. Eine Gesellschaft am Rande der Veränderung. Gelingt dem neuen Netflix-Thriller diese Mischung?

Die Einkreisung (Staffel 1)

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Mord und Fortschritt

Die Versatzstücke, die in "Die Einkreisung" ("The Alienist") das düstere New York des späten 19. Jahrhunderts zum Schauplatz einer grausamen Mordserie werden lassen, sind nicht neu: die verdreckten Straßen im historischen Setting, der private Ermittler, der zwar ein Meister seines Fachs, sozial aber inkompetent ist, umgeben von einem Spannungsfeld politischer Intrigen – und im Zentrum die brutalen Morde an Jungs, die sich wie Mädchen kleiden, um ihren reichen Freiern alle Träume zu erfüllen. Doch gelingt es der Serie, mehr als nur die Summe dieser Teile zu sein? Oder bleibt sie hinter ihren Vorbildern im Genre stylischer Noir-Thriller zurück?

Der noch junge New Yorker Polizeichef Theodore Roosevelt (Brian Geraghty) steht vor einer großen Herausforderung: Auf der einen Seite ringt er mit den korrupten Beamten seiner Behörde – allen voran dem gewalttätigen Captain Connor (David Wilmot) –, auf der anderen Seite stocken die Ermittlungen in einer grausamen Mordserie an minderjährigen Prostituierten. Der angesehene Psychologe Dr. Laszlo Kreizler (Daniel Brühl) nimmt sich abseits der offiziellen Ermittlung des Falles an und versucht, sich in den Geist des Täters zu versetzen, um seine Motive zu verstehen. Gemeinsam mit dem Illustrator John Moore (Luke Evans) und Roosevelts Sekretärin Sara Howard (Dakota Fanning) ist er ihm immer enger auf den Fersen.

Die ersten fünf Episoden, die als Preview zugänglich waren, bevor die Serie in Deutschland am 19. April bei Netflix startet, entwerfen ein New York, das vor Veränderungen steht: Schon das Intro der Serie zeigt skizzierte Ansichten moderner Wolkenkratzer, die sich zurückbauen, dicht befahrene Straßen verwandeln sich in schmutziges Kopfsteinpflaster und unter der Haut einer der größten Metropolen der Welt schält sich die historische Stadt heraus. Das größte Spannungsfeld in Die Einkreisung liegt in diesem Spalt zwischen einer alten und einer neuen, gerade entstehenden Welt. 

Entlang verschiedener Linien entwirft die Serie das Bild einer Stadt im Umbruch: Noch ist New York nicht zusammengewachsen, noch gibt es in Manhattan Einwanderer-Viertel voller Armut, Kriminalität und Krankheit. Ganz wie Theodore Roosevelt gegen Korruption antritt und die Polizei zu einer funktionierenden Behörde mit fortschrittlichen Ermittlungsmethoden ausbauen will, so vertritt auch Dr. Kreizler die moderne Auffassung, dass sich selbst das furchtbarste Verbrechen auf erlittene Traumata, auf die Tiefenstruktur menschlicher Psyche zurückführen lässt.

Neben diese Linien des städtischen, politischen und wissenschaftlichen Fortschritts treten zwei Felder sozialer Veränderungen: unterdrückte Immigranten, die in Armut leben und deren Rechte nichts gelten, solange Geld und Korruption regieren, sowie die gesellschaftlichen Erwartungen an junge Frauen, denen sich Roosevelts Sekretärin Sara, herausragend gespielt von Dakota Fanning, mit Entschlossenheit widersetzt.

Dass es dabei um einen hochspannenden Mordfall geht, der sich bereits in den ersten 5 Episoden von einer packenden Ermittlung zu einem nicht weniger packenden Versteckspiel zwischen Täter und Verfolgern wandelt, dessen Erzählung wechselnd beiden Seiten folgt, tritt dabei schnell in den Hintergrund. Die Handlung allein ließe sich als wenig wendungsreich beschreiben und ist aus anderen, ähnlichen Thrillern hinlänglich bekannt – doch so verhält es sich mit allen Versatzstücken der Serie. Für sich genommen ist das Setting einer Mordserie in den dreckigen Schluchten einer Großstadt des späten 19. Jahrhunderts nicht neu – Grüße an Jack the Ripper –, ebenso wenig die an Sherlock Holmes erinnernde Dynamik zwischen dem genialen, aber unausstehlichen Privatermittler und seinem gleichermaßen genervten wie faszinierten Team. Die politischen Intrigen, die den aufrichtigen Polizisten daran hindern, gute Arbeit zu machen, sind bekannt und bewährt. Auch die Dialoge mögen bisweilen etwas gestelzt klingen und eine große Überraschung, das Nie-Gesehene, blieb in der ersten Hälfte der Serie aus.

Doch dass Die Einkreisung keine völlig neue Mischung entwickelt, ist aber auch gar nicht nötig, denn ihr gelingt, was jedem Krimi zunächst gelingen muss: sie fesselt. Im packenden Sog ziehen die Episoden vorbei und zunehmend, spätestens wenn die Identität des Täters bekannt ist, wird New York selbst mit seinen unterschiedlichen Kräften zur Hauptfigur der Serie. Jetzt müssen die letzten 5 Episoden diese abwechslungsreiche Dynamik nur aufrechterhalten und sie gemeinsam mit der Erzählung, auf deren Basis sie steht, zu einem zufriedenstellenden Ende bringen.

 

Mord und Fortschritt – Teil 2

Die zweite Hälfte der Staffel beginnt mit einer zu erwartenden unerwarteten Wendung – der Serie gelingt es, die überraschende Enthüllung zu Beginn der letzten fünf Episoden zuvor kaum anzukündigen, und doch stellt sie das Genre nicht auf den Kopf. Genau dies bleibt aber die Stärke von Die Einkreisung: Ein genaues Verständnis des Genres und seiner Konventionen führt hier nicht zum Bruch oder zum Neuen – sehr wohl aber zu einer ausgeklügelten Inszenierung, die umso mehr ihre Stärken ausspielen kann, als sie sich nicht in dunkle Gewässer wagt.

Nach eben jener Wendung, die aus Rücksicht auf die Spoiler-Empfindlichen hier im Dunkel bleiben soll, stehen die Ermittler vor einem Problem. Neue Fährten führen die Gruppe um Dr. Kreizler aus den dunstig-schwarzen Schluchten New Yorks hinaus, in die Vergangenheit des Mörders – aber auch in die eigenen Abgründe. Gleichzeitig zieht der politische Druck auf Polizeichef Roosevelt engere Bahnen und seine mächtigen Gegner schrecken vor keinem Mittel zurück, um Kreizlers Ermittlungen und Roosevelts Erfolg zu verhindern.

Dabei fehlt der Serie zum Auftakt ihrer zweiten Hälfte allerdings zu sehr die Luft. Die New Yorker Welt politischer Intrigen wird ausgebaut, während die Protagonisten weitere Hinweise suchen, um dem Mörder endlich näher zu kommen – doch die Ermittlungen scheinen im entscheidenden Moment allzu leicht auf die richtige Fährte zu gelangen, während dem Hintergrund der Machtkämpfe um Roosevelt zwar mehr Platz, nicht aber genug Tiefe eingeräumt wird.

Erst zum Ende kehrt Die Einkreisung dann zurück zu ihrer größten Fähigkeit: Alle Fäden binden sich in den Gassen New Yorks zusammen. Kaum noch scheint es um die Klärung eines Mordfalls zu gehen, sondern um die Geschichte und Zukunft einer jungen Nation an der Schwelle eines neuen Jahrhunderts. Die Betonung des Fortschritts in allen Lebensbereichen verbindet sich auch mit der belasteten Geschichte der USA. Nicht immer ist diese Verbindung so organisch wie die Erkundung von Armut, Unterdrückung und Korruption in der ersten Hälfte der Serie – aber es gelingt, sie in einer gemeinsamen Fluchtlinie zu verbinden. 

Dass dabei die persönliche Lebensgeschichte des Mörders ebenso wie die Enthüllungen über Kreizlers und Sara Howards Vergangenheit, die schließlich eher gezwungen heruntererzählt werden, weniger ausgereift wirken als der politische und gesellschaftliche Horizont, mag enttäuschen, stört aber letztlich kaum. Denn zu jedem Zeitpunkt behält die Serie ihr eigentliches Anliegen im Auge: Anhand der Ermittlung einer Mordserie, deren Inszenierung die Ästhetik des Genres gekonnt abschreitet, zeichnet Die Einkreisung das Bild einer Gesellschaft, sie entwirft ein Panorama der Vereinigten Staaten am Abend der Jahrhundertwende – es ist ein dunkles Panorama, aber eines, an dessen Rand Hoffnungen und Träume auf eine bessere Zukunft scheinen. Und es ist die gelungene Entfaltung genau dieser Dynamik im Wechselspiel mit der Erzählung eines fesselnden Thrillers, die Die Einkreisung zu einer sehenswerten Serie macht.

Die Einkreisung (Staffel 1)

Die für TNT produzierte Serie „The Alienist“ beruht auf dem gleichnamigen Kriminalroman von Caleb Carr (dt. Titel „Die Einkreisung“) und erzählt von einer Mordserie an Strichern im Jahre 1896. Der gerade erst ernannte New Yorker Polizeichef Teddy Roosevelt, der später zum 26. Präsidenten der USA gewählt werden wird, zieht für die Ermittlungen den an den Methoden eines gewissen Sigmund Freud geschulten Dr. Laszlo Kreizler und den Zeitungsillustrator John Moore heran, zu denen bald die willensstarke Polizeisekretärin Sara Howard hinzustößt.

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