Der menschliche Faktor

Der menschliche Faktor

Eine Filmkritik von Falk Straub

Liebe in Zeiten des Kalten Krieges

Otto Premingers letzter Film hätte ein großer Spionage-Thriller werden können, doch dem Streifen ging mitten im Dreh das Geld und der Handlung auf halber Strecke die Puste aus. Dass Der menschliche Faktor dennoch einen Abend vor der Flimmerkiste lohnt, ist den hervorragenden Schauspielern zu verdanken.
Für Filmhistoriker ist Der menschliche Faktor eine wahre Fundgrube. Der Thriller um den britischen Doppelagenten Maurice Castle (Nicol Williamson) ist nicht nur die letzte Arbeit von Regie-Legende Otto Preminger, auch die Schauspielerinnen Ann Todd und Adrienne Corri waren danach nicht mehr auf der großen Leinwand zu sehen. Und während Model Iman als Maurice‘ südafrikanische Frau Sarah ihr Filmdebüt gab, kehrte Richard Attenborough (Colonel John Daintry) erst 14 Jahre später in Steven Spielbergs Jurassic Park ins Kino zurück.

Dass Der menschliche Faktor überhaupt existiert, grenzt an ein Wunder. Von Beginn an hatte der Thriller mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Schauspieler wurden nicht bezahlt. Der Kameramann machte sich mit dem Negativ aus dem Staub. Am Ende schoss Preminger eigenes Geld zu, um den Film fertigzustellen.

Das knappe Budget grüßt an allen Ecken und Enden. Statt an aufwendigen Sets wurde fast ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht. Die Ausleuchtung ist stellenweise miserabel. Szenen aus dem Studio fügen sich ins restliche Setting nicht recht ein, wirken wie Fremdköper. Auf oft viel zu engem Raum ist Kameramann Mike Molloy um Schadensbegrenzung bemüht. Seine agile Handkamera verleiht der trägen Handlung zumindest etwas Dynamik.

Dass Der menschliche Faktor nicht vollkommen scheitert, liegt zum einen an den Schauspielern; allen voran Nicol Williamson, der Maurice Castle als pflichtbewussten Durchschnittsbürokraten gibt, als Doppelagenten wider Willen, der nicht aus Liebe zum Kommunismus, sondern aus Dankbarkeit für eine vergangene Rettungsaktion mit den Russen zusammenarbeitet. Ein Highlight, da wunderbar überdreht, irgendwo zwischen Diabolik und Ironie oszillierend, ist Robert Morleys Darbietung des Doktor Percival.

Zum anderen zieht Premingers Film seine Stärke aus der Beiläufigkeit, mit der er seine Themen verhandelt. Die Kritik an der Apartheid, am Wettstreit der Systeme und an deren Bonzen fällt nie direkt, schwingt aber in jeder Einstellung mit, indem Preminger die ganze Banalität des Apparates entlarvt. Letztendlich bricht die Banalität dem Film aber auch das Genick. Denn auf diese Weise wird dem Zuschauer schmerzlich bewusst, dass Geheimdienstarbeit weniger mit James Bond als vielmehr mit pflichtbewussten Durchschnittsbürokraten zu tun hat.

Der menschliche Faktor

Otto Premingers letzter Film hätte ein großer Spionage-Thriller werden können, doch dem Streifen ging mitten im Dreh das Geld und der Handlung auf halber Strecke die Puste aus. Dass „Der menschliche Faktor“ dennoch einen Abend vor der Flimmerkiste lohnt, ist den hervorragenden Schauspielern zu verdanken.
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