Deutschland 83 (Serie)

Deutschland 83 (Serie)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Im Angesicht des Atomschlags

Die Vorschusslorbeeren waren enorm, die Quoten blieben hinter den Erwartungen zurück. Am 26. November 2015 startete Deutschland 83 beim Fernsehsender RTL. Wer das Finale der Serie um einen ostdeutschen Spion in der Bonner Republik nicht abwarten will, kann jetzt ins DVD-Regal greifen.

Einen berühmten Fan hat die Serie bereits. Als Tom Hanks für Bridge of Spies in Deutschland die Werbetrommel rührte, schwärmte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung von einer anderen Spionagegeschichte aus dem Kalten Krieg. Im Gegensatz zum heimischen Publikum hatte das amerikanische Deutschland 83 da bereits gesehen. Nachdem die ersten beiden Episoden bei den Filmfestspielen in Berlin gelaufen waren und auf ein überwiegend positives Presseecho stießen, verkauften die Macher die Serie ins Ausland. In den USA ging sie im Sommer beim kleinen, 1996 von Robert Redford gegründeten Sender Sundance TV im Original mit Untertiteln über den Äther und wurde von manchen Kritikern gar zur besten Neuerscheinung des Sommers erhoben. Viel Vorablob also, doch was kann Deutschland 83 wirklich?

Die Geschichte ist fix erzählt. Im Herbst 1983 wird der Kalte Krieg brandheiß. Als die NATO eine Übung vorbereitet, fürchten Moskau und Ostberlin einen nuklearen Erstschlag. Zur Aufklärungen schleusen sie den Grenzsoldaten Martin Rauch (Jonas Nay) in den Westen. Seine schwangere Freundin Annett (Sonja Gerhardt) und seine schwerkranke Mutter Ingrid (Carina Wiese) lässt er in der DDR zurück. Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs schlüpft er in die Identität des Oberleutnants Moritz Stamm und tritt eine Stelle als Ordonnanzoffizier bei Generalmajor Wolfgang Edel (Ulrich Noethen) an. Zwischen hochrangigen Militärs, DDR-Spionen in prominenten Positionen (Alexander Beyer, Godehard Giese), emotional verwirrten Generalskindern (Ludwig Trepte, Lisa Tomaschewsky) und einer sexuell frustrierten Sekretärin (Nikola Kastner) gerät Martin alias Moritz zusehends in politische, moralische und emotionale Verstrickungen.

Von wenigen Ausnahmen, wie etwa Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens, einmal abgesehen, hinkt das deutsche Fernsehen, was Stoffe und Erzählkonventionen betrifft, den ausländischen Vorreitern gewaltig hinterher. Zwischen all den Polizisten, Juristen und Ärzten hat die Republik wenig Abwechslung zu bieten. Taucht eine Serie in die Vergangenheit ein, dann möglichst historisch korrekt und mit fantasieloser Faktenhuberei. Eine horizontal erzählte Geschichte, also eine, die sich und ihre Charaktere episodenübergreifend entwickelt, sucht man meist vergebens. Deutschland 83 ist ein Gegenentwurf. In einem ausführlichen Making-of auf dem Bonusmaterial der DVD verrät Drehbuchautorin Anna Winger, dass die Serie trotz ihres historischen Kontexts in erster Linie ein Abenteuer sei, das Spannung, Unterhaltung und Spaß bieten solle. Das gelingt an vielen Stellen, scheitert an anderen hingegen grandios und ist dadurch ein umso größerer Genuss.

Zunächst sind da Ausstattung, Kostüme und Musik, die der Geschichte den perfekten Look und Sound der 1980er verpassen. Wenn Maria Schrader als Führungsoffizierin Lenora Rauch in der ersten Szene zwischen den Schulterpolstern ihres Kostüms versinkt, nervös an ihrer Zigarette zieht und gebannt auf Ronald Reagan starrt, der aus dem Fernseher ins biedere Furnier ihres Büros spricht, dann ist der Zuschauer mittendrin in der deutsch-deutschen Befindlichkeit. Dann ist da der Cast, in dem neben Jonas Nay und Maria Schrader Alexander Beyer, Sylvester Groth und Luwig Trepte brillieren, Letzterer oft herrlich affektiert, und der bis in die kleinsten Nebenrollen wunderbar besetzt ist. Wie beispielsweise Lena Lauzemis, die bereits in Das Zimmermädchen Lynn als kühle Domina glänzte, hier die eiskalte Killerin gibt, ist für das deutsche Fernsehen einfach herausragend.

Und nicht zuletzt ist da der Mut, eine Geschichte, die nur mit einem Bein in der Realität steht, in der Fiktion leichtfüßig den entscheidenden Schritt weiter zu gehen. Pershing-Raketen und Friedensbewegung dienen lediglich als Folie, vor der Anna Winger ihren irren Ideenreichtum mit viel Humor entfaltet. Wer sich daran stört, dass hier ein Einzelner im Alleingang den Dritten Weltkrieg verhindert, hat das Konzept dieser Serie nicht begriffen. (Und dürfte sich auch an manch hanebüchener Entwicklung in US-Serien wie etwa der der Hauptfigur in Breaking Bad stoßen.) Deutschland 83 ist vor allem der ambitionierte Versuch, das serielle Erzählen im deutschen Fernsehen auf ein neues Level zu heben. Dafür nimmt die Serie auch den Verlust ihrer Plausibilität in Kauf. Nicht alle Entscheidungen und Charaktere wirken schlüssig zu Ende gedacht. Mit welcher Unverschämtheit das Drehbuch über solche Ungereimtheiten mit der nächsten fixen Idee einfach hinwegfegt, ist bewundernswert und trägt viel zum Drive der Geschichte bei. Es ist gerade diese Fabulierlust, die Deutschland 83 so sehenswert macht – und die der Serie trotz des schwachen Starts bei RTL vielleicht doch noch den einen oder anderen Fan einbringt.
 

Deutschland 83 (Serie)

Die Vorschusslorbeeren waren enorm, die Quoten blieben hinter den Erwartungen zurück. Am 26. November 2015 startete "Deutschland 83" beim Fernsehsender RTL. Wer das Finale der Serie um einen ostdeutschen Spion in der Bonner Republik nicht abwarten will, kann jetzt ins DVD-Regal greifen.

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