Der Funktionär (2018)

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Der Tod und der Junge: 1927 sah Klaus Gysi einen toten Arbeiter auf der Straße, einen Demonstranten, der von der Berliner Polizei erschossen wurde. Ausgehend von diesem Schlüsselerlebnis engagierte sich der eloquente Halbjude über Jahrzehnte in der SED. Wer war diese schillernde DDR-Persönlichkeit?

Der Funktionär (2018)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

In einem Land vor unserer Zeit oder: Nichts als Reden

„Hatten sie den glücklichen Aufbruch der Geschichte verpasst?“, tönt eine Stimme zur Mitte des phänomenalen Familienessays „Der Funktionär“ mahnend aus dem Off. Sie gehört Regisseur Andreas Goldstein, einem der Söhne von Klaus Gysi (1912-1999), dessen höchst wechselhafte Lebensgeschichte im Zentrum dieses hochklassigen Dokumentarfilms steht. Er weiß nicht nur eine Menge über den Porträtierten, sondern erzählt ebenso viel über den Filmemacher selbst und die wechselhafte DDR-Prägung beider Männer.

Dabei hätte alleine schon die schillernde Vita Klaus Gysis Stoff für mehrere Filmprojekte hergegeben: Als kleiner Junge erlebte der spätere Leiter des Aufbau-Verlags den Zusammenbruch des Kaiserreichs. In seiner Zeit als Jugendlicher in der Spätphase der Weimarer Republik sah er Putschversuche und Konterrevolutionen und taumelte als überzeugter KPD-Mann durch die Anarchie auf den Straßen Berlins, die sich partiell in bürgerkriegsähnlichen Szenarien entlud: Mit Toten, Intrigen und mentalen Grabenkämpfen auf allen Seiten.

Der Anblick eines niedergeschossenen Arbeiters vor dem Fenster der großbürgerlichen Wohnung seiner Eltern erweckte 1927 das politische Bewusstsein des überaus eloquenten wie gebildeten jungen Mannes mit der Brille und den eleganten Anzügen, der sich später den Idealen der SED-Führung anschließen sollte. Jahrzehntelang agierte der smarte Halbjude, der von der Parteiführung um Walter Ulbricht schnell für sein überbordendes rhetorisches Talent gelobt wurde, innerhalb des staatstragenden DDR-Parteiapparates gerade in dessen Kultur- und Kirchensphären als primus inter pares in entscheidenden Ämtern.

Manche davon, wie das Amt des Kulturministers, wurden ihm regelrecht angetragen, andere, wie seine Tätigkeit als DDR-Botschafter in Italien oder als Staatssekretär für Kirchenfragen, wurden ihm schlichtweg oktroyiert, wovon Andreas Goldstein anhand von durchaus wertend eingesetztem Archivmaterial überzeugend erzählt. Mitunter konfrontativ, mit auffälligen Schwarzblenden geschnitten (Montage: Chris Wright) und stets zwischen dem Image des „DDR-Strahlemanns“ – wie Klaus Gysi im Westen nicht ohne Zynismus genannt wurde – und des bekannten Karrieristen und Opportunisten mäandernd, entwirft Andreas Goldstein mit Der Funktionär ein überaus facettenreiches Zeitmosaik zwischen Ost und West. Mittendrin Klaus Gysi, der stets beides war: ein rhetorisch versierter Verführer der Massen genauso wie der zeitweilige Sündenbock der SED-Elite, die ihn sowohl als Spitzel (Deckname: „Kurt“) wie Minister einsetzte, mehrfach innerparteilich absägte oder gleich wegbeförderte. Und der trotzdem seltsam lange, bis 1988, sozusagen parteipolitisch die Stange hielt. Bis zum März 1990 saß der Geschasste als Abgeordneter und baldiges Neumitglied der PDS schließlich noch in der Volkskammer, bis auch diese sich – ähnlich wie das Gespenst des deutschen Sozialismus – endgültig in Schall und Rauch auflöste.

Dabei geht der Filmemacher und Gysi-Sohn Andreas Goldstein (Adam und Evelyn) in seinem biestig-bissigen Off-Kommentar hart mit seinem janusköpfigen Vater ins Gericht: Er habe oft genug vor den „Millionen Werktätigen“ und Fernsehzuschauern lediglich

„doziert“ und vor den konkreten Sorgen und Ängsten der DDR-Bevölkerung bewusst die Augen verschlossen. Außerdem sei im Zuge seiner hochambivalenten Karriere zwischen „Treue und Opportunismus“  bald nicht mehr zu unterscheiden gewesen. Auch Klaus Gysis berüchtigte Frauengeschichten („Er hatte sieben Kinder von drei Frauen.“) werden keineswegs ausgespart.

„Bilder meines Vaters“ lautete der ursprüngliche Arbeitstitel für Andreas Goldsteins herausragenden Essayfilm über seinen Vater und dessen ebenso strahlenden wie unrühmlichen Karriereweg in der sozialistischen DDR. Doch der Filmtitel hätte bei weitem nicht ausgereicht, um dieses erstklassige, offen politisch konnotierte Familienessay nur annähernd in Worte zu fassen. Schließlich erzählt es doch im Subtext mindestens genauso viel über die merkwürdigen Leerstellen, die sich auch heute noch auftun, wenn wieder eine neue Geschichte aus jenem „Land vor unserer Zeit“ im Kino zum Leben erweckt wird. Viele kennen die Deutsche Demokratische Republik inzwischen nur noch aus den Geschichtsbüchern oder vom sprichwörtlichen Hörensagen. Andererseits hat die DDR Millionen realer Menschen und Abermillionen von deren Erinnerungen zurückgelassen, die es wert sind, dass sie von Neuem (oder überhaupt erstmals) künstlerisch reflektiert werden.

So wie jene DDR „ein Land war, das nicht fertig“ wurde, so ist auch Andreas Goldsteins Der Funktionär als Dokumentarfilm keinesfalls rund oder in sich kohärent abgeschlossen. Genau das macht ihn so herausragend, weil er mit einer Vielzahl kreativer Möglichkeiten (beispielsweise durch das Zusammenspiel sowohl im Osten als auch im Westen tätiger Avantgardekomponisten wie Hanns Eisler und Arvo Pärt) das diffizile Verhältnis zwischen persönlichem Idealismus und purem Opportunismus vielschichtig fokussiert: Fragezeichen ausdrücklich inbegriffen.

Der Funktionär (2018)

Andreas Goldstein, Sohn des DDR-Kulturfunktionärs Klaus Gysi (1912–1999), hat mit „Der Funktionär“ einen essayistischen, subjektiven Dokumentarfilm gedreht, der sich mit den Bildern auseinandersetzt, die sein Vater von sich selbst entwarf, die andere von ihm zeichneten und zuletzt jenen, die im Sohn selbst verhaftet sind. Und in der Betrachtung des Vaters spiegelt sich zugleich die Betrachtung eines untergegangenen Landes.

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