A Young Man with High Potential (2018)

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Ein bitterböser Film über Mann und Frau. Also: Über Mann-Macht und Frau-Tod. Über Sextrieb und Todestrieb und so. So etwas jedenfalls will "A Young Man with High Potential" sein – Linus de Paolis Film ist dann doch eher unfreiwillig alberner Gore, aber auch das nicht richtig.

A Young Man with High Potential (2018)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Ein kleiner Film mit großem Potential

Piet ist so ein typischer Supernerd. Dicklich. Brille. Ernährung per Sushi-Lieferservice. Hockt immer vor seinen diversen Bildschirmen. Auf dem Tablet läuft der Sexchat. Hat seine Firma im Jahr zuvor verkauft und ist jetzt finanziell unabhängig. Brillanter Kopf am Informatik-Institut. Hatte natürlich noch nie Sex. Adam Ild Rohweder spielt Piet als so eine Art Sparform von Michael Shannon: Verkniffener Blick, angespannte Mundwinkel, Misstrauen, Gewaltfähigkeit.

Wir sehen seine funktional in grau gehaltene Bude. Wir sehen das unaufgeräumte Studentenwohnheimzimmer von Nachbar und Quasi-Kumpel Alex, gespielt von Pit Bukowski als deutscher Faktor an dieser internationalen Privatuni. Sie saufen und reden über Mädchen und Alex ist dabei voll der Checker. Piet spioniert Klara hinterher – Paulina Galazka als Love Object –, die dann, oh Wunder, ihn auch noch anspricht. Er blockt ab, flieht, sie klingelt dann, wie es halt so ist, an seiner Tür, als er gerade in der Badewanne wichsen wollte, und schwupps bereiten die beiden ein gemeinsames Paper für den Herrn Professor vor.

Muss das so detailliert geschildert werden? Ja. Denn in der ersten Hälfte des Films passiert nicht viel mehr, als dass diese Charaktere, die sich um Piet versammeln, vorgestellt werden. Klischeefiguren, denen jeweils eine bestimmte Eigenschaft zugeschrieben wird: Mädchenaufreißer. Mädchen-sich-nicht-aufzureißen-Trauer. Hübsches-sympathisches-Mädchen-das-vielleicht-aufgerissen-werden-will. Piet öffnet sich, er lacht sogar mal und geht in die Mensa, wo er sich recht doof anstellt. Wie er der Küchenfrau Komplimente macht für ihr Outfit: Kleiner comic relief, bevor's so richtig losgeht. Denn natürlich weist Klara ihn ab. Und aus unerfindlichen Gründen bestellt Piet sich K.O.-Tropfen, die er einnimmt. Als er zu sich kommt, ist Klara in seinem Zimmer. Trinkt die K.O.-Tropfen. Und Piet hat sie, wie er sie will: gefügig.

Dass in diesem Film was Schlimmes passiert, wissen wir vom Anfang: In der Rahmenhandlung befragt Amanda Plummer – Starfaktor des Films – Piet zu Klaras Verschwinden und zu ihrem Zustand, als sie wieder auftauchte. Jetzt erfahren wir in aller Deutlichkeit, was mit ihr passiert ist. Linus de Paoli ist nicht zimperlich: Da wird der Bauch ausgenommen, der Nacken zersägt, Arme und Beine werden abgetrennt. Weichteile im Mixer püriert und im Klo runtergespült. Der harte Rest verpackt und als angebliche Retoure-Sendung verschickt. 

Entschuldigung, falls Zartbesaitete hier etwas überfahren wurden. Aber das ist im Grunde die Qualität des Films: Der Gore-Faktor, eingebettet in ein pseudozynisches Gesellschaftsporträt der vereinsamten Nerd-Männlichkeit, die ihre Triebe ausbrechen lässt. Und eine sehr schöne Idee, der lange Weg zur Packstation mit einer Sackkarre voll Leichenteile-Päckchen, das muss man zugeben. Weniger gelungen: Die albernen Unterbrechungen der Tat. Der Lieferjunge natürlich muss klingeln, als sie gerade nackig vor Piet liegt und wahrscheinlich schon tot ist. Beim Zersägen platzt Kumpel Alex rein, und Piet kümmert sich um ihn, blutverschmiert. Zum Glück ist Alex so hackedicht, dass er nix merkt. Und zum Glück hat Alex eine Elektrosäge, die Piet stibitzt, da geht das Kopfabtrennen leichter.

Das sind so Momente, die schlicht auf den direkten und konkreten Thrill aus sind: Überraschungen, die zu Suspense führen sollen, aber leider das große Ganze unterlaufen: Denn natürlich ist Piet verdächtig. Und dass Alex das Blut nicht bemerkt? Dass auch die Privat-Sexchat-Dame nicht gegen Piet aussagt, der sie aus Not angechattet hat, weil er nicht recht wusste, was er mit der bewusstlosen Dame anfangen soll? Auch wieder so ein auf den Augenblick gerichtetes Element: Ihr erotisches Erdbeerschmatzen während der Vergewaltigung. Man will halt so richtig krass sein und unkorrekt! Aber dann lässt das Drehbuch Piet nach der Untat erstmal googeln, welche Haftstrafen auf Mord und Vergewaltigung stehen, und dann auch noch das Abtrennen der Körperteile: Nein, kein Superinformatiker kann im Nachhinein die Suchanfragen auf US-Suchmaschinenservern vernichten, selbst wenn er falsche Retouren herstellen kann! Und wie blöd ist Piet eigentlich, sich online so zu exponieren? Bzw. wie merkwürdig unbedarft ist der Film, dass das einfach so weggewischt wird?

Amanda Plummer, die Detektivin, befragt Piet, weil ihr in den Polizeiprotokollen die Emotion fehlt. Das ist nochmal so ein Schlusspunkt der subtilen Lächerlichkeit, der der Film immer mal wieder aufsitzt. Schade, schade – hat Linus de Paoli doch zuvor Till Kleinerts Der Samurai produziert und der vermeidet halt bei aller Krassheit derartige Fettnäpfchen …

A Young Man with High Potential (2018)

Informatikstudent Piet ist hochintelligent wie sexuell unerfahren. Als er bemerkt, dass seine Gefühle für die hübsche Kommilitonin Klara nur scheinbar erwidert werden, ist er tief verletzt. Nachdem er Schlafmittel an sich selbst ausprobiert, betäubt er Klara – mit unerwarteten Folgen… 

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