1000 Arten Regen zu beschreiben (2017)

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Wie geht man damit um, wenn ein Mensch, zumal der eigene Sohn und Bruder, plötzlich aus dem Leben verschwindet, indem er sich von der Welt zurückzieht? In ihrem Regiedebüt schaut Isabel Prahl vor allem auf die Auswirkungen, die dies auf die Familie hat.

1000 Arten Regen zu beschreiben (2017)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der schmerzhafte Abschied von einem Lebenden

In Japan ist es längst zu einem Phänomen geworden, das sogar eine eigene Bezeichnung bekommen hat. Hikikomori nennt man dort die zumeist jungen Leute, die sich weigern, das (elterliche) Haus zu verlassen und sich von der Gesellschaft mit ihren Erwartungen zurückziehen.

Zwar wird diese Form der selbstgewählten Isolation vor allem in Zusammenhang mit der japanischen Leistungsethik gesehen, doch auch in westlichen Gesellschaftsformen gibt es ähnliche Verhaltensweisen, die dann stark den psychischen Diagnosen einer Sozialphobie oder einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung ähneln. Abseits jener Zuschreibungen eines Defekts fragt man sich allerdings angesichts der alltäglichen Informationsflut schon manchmal, ob eine solche Form der Isolation nicht auch verständlich und (in einem wesentlich geringeren Maße natürlich) nicht auch wünschenswert ist.

In ihrem eindringlichen Drama 1000 Arten Regen zu beschreiben erzählen die Filmemacherin Isabel Prahl und die Drehbuchautorin Karin Kaci von solch einer familiären Konstellation: Seit seinem 18. Geburtstag hat sich Mike in seinem Zimmer verschanzt und verlässt dieses nur noch, wenn er heimlich auf die Toilette muss. Ansonsten vermeidet er jeden Kontakt mit seinen Eltern (Bibiana Beglau und Bjarne Mädel) sowie mit seiner Schwester Miriam (eindrucksvoll: Emma Bading) und kommuniziert lediglich mit handgeschriebenen Zetteln, die er unter der Tür durchschiebt. Auf ihnen hält er Beobachtungen von Regenformen fest, die er aus unbekannten Quellen sammelt. 

Die Familie ist mit dem Totalrückzug des jungen Mannes, den man tatsächlich kein einziges Mal sieht (außer vielleicht am Ende, doch das ist ungewiss), komplett überfordert und jede/r der Betroffenen reagiert auf seine oder ihre ganz eigene Weise: Mikes Vater Thomas, von Beruf Vertreter von Produkten für die Pflege von Schwer- und Schwerstkranken, versteigt sich in die fixe Idee, seinen Patienten mittels seiner Produkte ebenjene Wunder angedeihen zu lassen, auf die er zuhause vergebens hofft. Susanne hingegen klammert sich an die zufällige Begegnung mit einem früheren Freund Mikes aus der Grundschule (Louis Hoffmann) und überschüttet diesen so sehr mit Zuneigung, bis der sich im Taumel der Gefühle in die wesentlich ältere Frau verliebt. Und Miriam muss zwischen Angst, erwachenden Gefühlen und dem hilflosen Agieren ihrer Eltern ihren ganz eigenen Weg finden.

An Erklärungen für Mikes Verhalten ist der Film zu keinem Zeitpunkt jemals interessiert, vielmehr stellen Isabel Prahl und Karin Kaci die Reaktionen der Menschen aus Mikes engster Umgebung in den Mittelpunkt und weben so das eindrucksvolle Bild einer Familie, die sich mit dem Loslassen von einem Menschen konfrontieren muss, der der Welt abhandengekommen ist. 

Immer wieder betont die Kamera (geführt von Andreas Köhler) dabei die Enge und das Bedrückende einer ganz normalen Mittelschichtsfamilie, die sowieso schon kammerspielartige Herangehensweise wird noch durch zusätzliche Rahmungen und Bildkader verstärkt, die die ganze Familie – vor allem die Eltern in all ihrer Hilflosigkeit – als Gefangene einer ausweglosen Situation zeigen. Ohne es zu wollen, ähneln sie im Prinzip im Verlauf des Films immer mehr ihrem Sohn – freilich mit dem Unterschied, dass die Isolation Mikes selbst gewählt ist. 

Dank des klugen Drehbuchs, das die Dialoge verknappt und sich jeglicher Küchenpsychologie enthält, und der einfühlsamen Regie, die das Kunststück vollbringt, die Balance zwischen Melancholie, Trauer, Abschied, aber auch Aufbruch und Akzeptanz des Unabänderlichen zu halten, ist 1000 Arten Regen zu beschreibenein hypnotisches Debüt geworden, das vieles verspricht und noch mehr einhält. 
 

1000 Arten Regen zu beschreiben (2017)

Ohne jede ersichtlichen Grund hat ein Jugendlicher seine Zimmertür verrammelt und kommt seit Tagen nicht mehr heraus. Ein Phänomen, das man aus Japan kennt und das dort „Hikkimori“ genannt wird. Seine Eltern und eine Schwester sind ratlos, was denn mit ihm los sei. Doch was sie auch tun, der Jungen bleibt für sich und sie aus seiner Welt ausgeschlossen, was sie bald schon selbst auf ihr eigenes Leben zurückwirft.

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Meinungen
Rainer · 03.09.2020

Der Film ist bloße Parole, hüpft von Sensation zu Sensation. Er zeigt irreale Verhaltensweisen, die sich aus keiner internen Logik entwickeln. Die Gefühle werden gezeigt, aber nicht entwickelt. Der ganze Film ist plakativ bis zur Schmerzhaftigkeit. Hinzu kommt eine schlimmere Düsternis (technisch gesehen oder besser: nicht gesehen), die noch die berüchtigte GoT-Folge im wahrsten Sinne in den Schatten stellt sowie ein geradezu unverschämtes Genuschel der Schauspieler. Rund ein Drittel des Gesagten ist kaum verständlich - nicht, dass das dem Film noch groß schaden kann.

mtstar · 02.09.2020

Es lohnt sich...
...den Film bis zum Ende anzuschauen. Auch wenn nicht alle Bilder verständlich sind. Egal. Der Film zeigt zwischenmenschliches ist spannend und berührt.
Und sehr großes Lob an Joachim Kurz für seine wohlwollende und erklärende Rezession.

Kommentare

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