Vakuum (2017)

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Die Gästeliste steht, jetzt muss nur noch die passende Party-Location gefunden werden. Denn Meredith und André, beide in den besten Jahren, sind bald 35 Jahre zusammen. Und das soll gebührend gefeiert werden. Doch ein Anruf aus dem örtlichen Blutspendezentrum bringt plötzlich alles ins Wanken …

Vakuum (2017)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Eiszeit der Gefühle

„Warum können Sie mir das nicht am Telefon sagen?“. Meredith (Barbara Auer) ist in den ersten Minuten von Christine Reponds hochklassigem Beziehungsdrama Vakuum sichtlich verstört. Gerade hat sich die Blutspendezentrale bei ihr gemeldet, bei der sie erst vor wenigen Tagen war, damit mit ihrem Blut anderen Menschen geholfen werden kann. Und jetzt das. Handelt es sich bei diesem Anruf schlichtweg um eine Verwechslung? 

Und andererseits: was soll schon sein? Die gut situierte Meredith ist schließlich eine gleichfalls stolze wie finanziell abgesicherte Frau aus den besten Zürcher Kreisen. Die 60-Jährige ist schön, gesund, verheiratet und zweifache Mutter. Regelmäßig kommen die Enkelkinder zu Besuch und im Moment feilt sie gerade an den Einladungstexten zu ihrem 35. Hochzeitstag, der in Kürze ansteht und selbstverständlich in einem standesgemäßen Rahmen zelebriert werden soll: Abendgarderobe, Reden und Cocktails inklusive. 

Zusammen mit André (Robert Hunger-Bühler), der als renommierter Architekt arbeitet, bewohnt sie im Zürcher Umland eine repräsentative Designervilla in abgestuften Grautönen und viel Glas. Umgeben von ebenso schönen wie hochpreisigen Dingen besteht ihr Alltag vor allem aus Haus- und Gartenarbeit, etwas Smalltalk mit ihren Freundinnen sowie gelegentlichen Tennisspielen. Zugleich ist Meredith innerhalb der Familienbande so etwas wie das soziale Gewissen, das sich immer um jeden kümmert, damit es allen gut geht und die Gegebenheiten möglichst genau so bleiben, wie sie aktuell sind. 

Nichts weniger als ein Kometeneinschlag in diese anständige, vielleicht etwas zu saturierte Schweizer Wohlstandswelt ist die folgenschwere Diagnose, die Meredith kurz danach von einem Arzt aus dem Blutspendezentrum erhält: „Sie sind HIV-positiv“. Das haben unsere Tests ergeben, meint der betont sachliche Mediziner im kurzen Eins-zu-Eins-Gespräch wenige Tage nach dem ominösen Telefonanruf. 

Wer hilft ihr jetzt? Wie wird ihr konservativ-bürgerliches Umfeld mit diesem Schock umgehen? Und die wichtigste Frage: wie konnte sie sich überhaupt infizieren? Sex hatte sie in den vergangenen Jahrzehnten ausschließlich mit ihrem Mann. Und der ist doch treu – oder etwa nicht? Innerhalb weniger Momente wird eine nach außen hin tadellose Ehe in ihrem Mark erschüttert – und im selben Zug beginnt der gut 70-minütige Leidensweg von Meredith, die von Barbara Auer in all ihrer Verletzlichkeit und Sensibilität herausragend verkörpert wird. 

Gerade ihre imposante Schauspielperformance, die lange über das Ende von Vakuum hinaus im Gedächtnis haften bleibt, trägt diesen absolut sehenswerten Krisenfilm um zwei Menschen, die einander plötzlich nicht mehr vertrauen können und gleichzeitig durch den HI-Virus scheinbar ein zweites Mal nach dem Motto „bis dass der Tod euch scheidet“ unweigerlich miteinander verbunden sind, quasi wie von selbst. 

Denn weder Medikamente noch Selbsthilfegruppengespräche können Meredith anfangs aus diesem tiefen Kometenkrater holen, der mit diesem essentiellen Krisenmoment einhergegangen ist, wofür die Schweizer Regisseurin Christine Rapond (Freitags um 3) zusammen mit ihrer Kamerafrau Aline László emotional packende, niemals rührselige Einstellungen in weitgehend entsättigten Farben gefunden hat. 

Bereits der Filmtitel wie das gelungene Kinoplakat vermitteln sofort eine zwingende Einsamkeit, die von solch einer herben Diagnose und erst recht in jenem Gesellschaftsmilieu ausgeht, was sich in Vakuum nicht minder im jederzeit stimmigen Kostüm- und Szenenbild niederschlägt: Jeder Pullover und jedes Möbelstück strahlt von Beginn an eine betörende Eiseskälte aus und schnürt die beiden famosen Hauptdarsteller bis zum überraschenden Ende hin regelrecht ein. 

Christine Reponds zweiter Langspielfilm, der genretechnisch galant zwischen Liebesfilm, Drama, Psychogramm und Detektivfilm changiert, zieht seine gewaltige Zugkraft speziell in den famosen ersten 40 Minuten in erster Linie aus dem ausgesprochen reduzierten Regiestil der Schweizerin. Wie sie die nunmehr veränderten Blicke des ehemaligen Musterpaares oder das amouröse Doppelleben des Mannes, der mit Prostituierten ungeschützten Analverkehr praktiziert, in Szene setzt, unterstreicht die große Regiebegabung Reponds. 

Bereits 2011 hatte sie mit Silberwald positiv auf sich aufmerksam gemacht, in dem die Absolventin der Hochschule Macromedia München — University of Applied Sciences von der wachsenden Radikalisierung und den Gewalttaten einer Neonazigruppierung im Emmental erzählte. Im Zuge des Kinostarts von Vakuum wünscht man sich, dass für ihr nächstes Spielfilmprojekt nicht wieder so viele Jahre ins Land ziehen. Denn ihr sachlich-femininer Blickwinkel, der den Zuschauer in all seiner Konsequenz durchwegs aufrüttelt, gehört zu den aufregendsten innerhalb der Schweizer Filmszene. Bitte mehr davon. 

Vakuum (2017)

Inmitten der Vorbereitungen für ihren 35. Hochzeitstag erfährt Meredith, dass sie HIV-positiv ist. Überträger war ihr Mann André, der sie jahrelang mit Prostituierten betrogen hat. In ihrer Wut wirft sie ihn aus dem Haus, aber das Alleinsein ist kaum auszuhalten. Und so lässt sie seine Rückkehr zu …

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