Venom: Let There Be Carnage (2021)

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Das Leben mit einem Symbionten kann anstrengend sein – und brüllend komisch. Wenn da nur nicht diese Superschurken wären. Der Spagat zwischen Buddy-Komödie und Actionfeuerwerk lässt den Film im Mittelmaß versinken.

Venom: Let There Be Carnage (2021)

Eine Filmkritik von Sebastian Seidler

Wie leben mit Symbionten?

Bei der Kritik kam der Film nur mäßig an. An den Kinokassen war „Venom“ dennoch ein riesiger Erfolg. Mit „Let There Be Carnage“ wird nun die zweite Runde eingeläutet. Den Regiestuhl reicht Zombieland-Schöpfer Ruben Fleischer, der aus terminlichen Gründen absagen musste, an Andy Serkis weiter. Am Look des Films ändert das wenig. Der Tonfall aber ist ein anderer. Von der Last befreit, seine Hauptfigur langwierig einführen zu müssen, spielt Serkis die bereits im ersten Teils angeklungene Beziehungsdynamik zwischen Eddi Brock (Tom Hardy) und seinem parasitären Freund Venom genüsslich aus. Ja, es gibt noch mehr Humor.

Let There Be Carnage erinnert über weite Strecken an ein Buddy-Movie mit höchst unterhaltsamen Sitcom-Charakter. Der mitunter putzige Parasit aus dem All und der ruppige Reporter Eddi Brock (Tom Hardy) müssen nach ihrem kräftezehrenden Kampf erst mal den gemeinsamen Alltag in ihrer Körper-WG meistern. Wie ein altes Ehepaar streiten sich der Symbiont und sein Wirtskörper. Hauptsächlich geht es ums Essen. Venom hat keine Lust mehr, Hühner und Unmengen von Schokolade zu verspeisen. Langsam müssten wieder die Köpfe übler Zeitgenossen auf den Speiseplan gesetzt werden. Zumindest darauf haben sich die beiden geeinigt: Es dürfen nur Bösewichter verputzt werden. Dazwischen gibt es Beziehungstipps, lustige Kabbeleien mit der Kioskbesitzerin Mrs. Chen (Peggy Lu) und eine aberwitzige Szene auf einer Kostümparty, in der Venom eine Rede über Gleichberechtigung und Toleranz hält. 

All das ist ziemlich unterhaltsam. Das subversive Potenzial dieser eigentlich sehr düsteren Antiheldengeschichte jedoch vollkommen dahin: Venom/Brock sind die Guten in dieser Heldengeschichte, die es neben all dem lustigen Buddy-Schabernack leider auch noch zu erzählen gibt. Für die dunkeln Momente in Let There Be Carnage soll Woody Harrelson als wahnsinniger Serienkiller Cletus Kasady sorgen. Die unter Comic-Fans sehr beliebte Figur hatte sich bereits in der Post-Credit-Szene des ersten Teils angekündigt. Bis sich Kasady allerdings in den Symbionten Carnage verwandelt, stauben die abgedroschenen Plotlines aus dem Drehbuch.

Statt Kasady/Carnage als wildgewordene Killermaschine loszulassen, umschifft der Film das Blutbad der Comicvorlagen durch eine klassische Backstory, deren dramatisches Potenzial im CGI-Finale vollkommen untergeht. Kasady muss als Junge miterleben, wie seine große Liebe Frances (Naomie Harris) aufgrund ihrer starken Superkräfte von der Regierung verschleppt wird. Nach seinem Ausbruch aus dem Gefängnis folgt daher nicht der im Titel angekündigte Amoklauf, sondern ein sehr persönlicher und relativ unblutiger Rachefeldzug. Eine gehörige Dosis Anarchie hätte dem Film in dieser Hinsicht mehr als gutgetan.  

Bei einer Laufzeit von sehr knappen 97 Minuten kann sich zudem jeder ausrechnen, dass die gemeinsamen Szenen mit Venom und seinem roten Ableger Carnage eher spärlich ausfallen werden. Immerhin muss auch noch die zerbrochene Beziehung zwischen Eddie und Anne (Michelle Williams) aufgearbeitet werden. Williams bekommt zwar deutlich mehr Screentime. Wirkliche Tiefe darf sie ihrer Figur auch dieses Mal nicht geben. Eher im Gegenteil: Das Drehbuch benutzt sich an zentralen Stellen als bloßes dramaturgisches Mittel.  

Und schließlich kulminiert alles in der unvermeidlichen Actionschlacht, die in Ablauf und Choreografie dem finalen Kampf des ersten Teils ähnelt. Feuer und Hochfrequenzen spielen auch hier eine entscheidende Rolle. Die Specialeffekts sind makellos, rauben dem Treiben durch ihre glatte Ästhetik dennoch jegliche Form von körperlicher Wucht. Wenn Venom und Carnage aufeinanderprallen, geht zwar ordentlich was zu Bruch. In ihrer Austauschbarkeit sind diese Zerstörungsorgien aber doch eher ermüdend. 

Die nicht mehr überschaubare Anzahl von Comic-Abenteuern gleicht in ihrem Aufbau zunehmend einem Superhelden-Abzählreim; all die Explosionen, die zerschmetterten Wände und die von hohen Gebäuden stürzenden Körper hat man schon mehr als ein Dutzend Mal gesehen. Spannender wäre es gewesen, den Film stärker in die Sitcom-Richtung zu entwickeln und ihm einen menschlichen Gegenspieler entgegenzustellen.  

So bleibt Venom — Let There Be Carnage eine sehr zwiespältige Angelegenheit, die sich nicht recht zwischen Humor und Actionspektakel, Drastik und Familientauglichkeit entscheiden kann.  

Noch ein Hinweis zum Schluss: Es gibt eine Post-Credit-Szene, bei der ein ganz neuer Horizont aufgemacht wird. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. Ultra-Franchise volle Kraft voraus!

Venom: Let There Be Carnage (2021)

In der Fortsetzung von „Venom“ (2018) vertieft Eddie Brock seine Verbindung zu Venom und gleichzeitig erscheint ein neuer Gegenspieler auf der Bildfläche: der Serienkiller Cletus Kasady, der sich in den brutalen Carnage verwandelt

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