Schachnovelle (2021)

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Philipp Stölzls Adaption von Stefan Zweigs „Schachnovelle“ ist allem voran eine Gelegenheit für Oliver Masucci und Abrecht Schuch, ihr Können auszuspielen, beweist aber auch abseits dessen Qualitäten.

Schachnovelle (2021)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Bei Verstand bleiben

Einen Tag nach der Abgabe seines Manuskripts der Schachnovelle im Jahre 1942 wählten Stefan Zweig und seine Frau den Freitod. „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus“, endete sein Abschiedsbrief. Das Ende des Zweiten Weltkrieges und des Nazi-Regimes erlebte der „allzu Ungeduldige“ in seinem brasilianischen Exil nicht mehr – und so wird sein letztes und bekanntestes Werk bisweilen als resignierender Abgesang auf das alte Europa, seine Kultur und Werte gelesen.

Die bislang bekannteste Verfilmung der Schachnovelle erschien 1960 mit unter anderem Curd Jürgens, die jüngste folgt nun 2021. Muss man den Stoff nun, 76 Jahre nach Kriegsende und in einer Zeit, in der rechtes Gedankengut wieder offen in den deutschen Parlamenten zur Schau gestellt wird, womöglich neu anfassen? Regisseur Philipp Stölzl (Der Medicus, Ich war noch niemals in New York) und Drehbuchautor Eldar Grigorian (erstes Skript seit dem 2003er-Kurzfilm Tarkowskij und ich) beantworten diese Frage von Anfang an mit einem Ja. Allein schon dadurch, dass nicht der namenlose Erzähler der Vorlage, sondern die Figur des Dr. B. den zentralen narrativen Punkt bildet – mit allem, was daraus folgt.

Denn Dr. B., der nun mit Bartok einen vollständigen Namen und mit Oliver Masucci (Er ist wieder da) einen würdigen Darsteller erhält, ist nicht mehr bei vollem Verstand, hat mit den psychischen Spätfolgen seiner Folter zu kämpfen, die er unter den Nazis erlitt. Ein unzuverlässiger Erzähler also, für den Gegenwart und Vergangenheit, Realität, Traum und Wahn regelmäßig verschwimmen, was ihn wie auch das Publikum zuweilen in die Irre führt.

Vor allem aber nimmt sich Stölzls Adaption mehr Zeit für die (Vor-)Geschichte dieser Figur. Bartok, der edle Notar aus Wien, Mitglied der feinen Gesellschaft und Lebemann, genießt seinen Wohlstand mit Frau Anna (Birgit Minichmayr) in vollen Zügen und tut die Gefahr der Okkupation durch Nazi-Deutschland trotz deutlicher Vorzeichen spöttisch ab. Noch am Vorabend besucht er den Opernball – solange Wien noch tanze, heißt es da, sei alles gut. Lange tanzt Wien aber nicht mehr, und Bartok ist einer der ersten, die von der Gestapo gefangen genommen werden. In letzter Minute prägt er sich die Zugangscodes zu wichtigen Konten ein, verbrennt die Unterlagen und wird von den Besatzern über Monate in ein Hotelzimmer gesperrt, um ihn zur Herausgabe der Codes zu zwingen. Die Abwesenheit geistiger Nahrung bringt Bartok allmählich um den Verstand, bis er zwischen den Verhören ein Buch stehlen kann – eine Sammlung von 150 Schachmeisterpartien, die er in aller Heimlichkeit auswendig lernt.

Die neu erdachten Ereignisse vor der Gefangennahme sowie die weitestgehend vorlagengetreue Schilderung des Arrestes webt die Montage von Sven Budelmann als regelmäßige, lange Rückblicke in die Rahmenhandlung auf einem Ozeandampfer ein, auf dem Bartok Europa verlässt – und auf dem er dem Schachgroßmeister Czentovic begegnet, der Bartoks überwunden geglaubtes „Schachfieber“ neu entflammt. Was einst Bartoks Verstand rettete, führt ihn nun zurück in Richtung Wahnsinn. Denn mit dem Schachspielen keimen auch die alten Erinnerungen an seinen Foltermeister Franz-Josef Böhm (Albrecht Schuch) wieder auf.

Schuch brilliert in der Rolle des eiskalten, kultivierten und scheinbar zuvorkommenden Gestapo-Mannes, allem voran wenn er sich mit Masucci (und dessen feinstem Wienerisch) verbal duellieren darf. Beim Schach gehe es darum, das Ego seines Gegners zu zerstören, erklärt seine Figur bei der ersten Begegnung – eine Drohung und zugleich ein Versprechen, das Masucci darstellerisch völlig einlöst. Den geistigen wie körperlichen Verfall seiner Figur spielt er mit höchster Intensität aus, die Kamera von Thomas W. Kiennast (Cortex) fängt den Wahnsinn in klaustrophobischen, zum Teil (alb)traumhaften Bildern ein.

Inhaltlich wirkt diese Schachnovelle, vor allem durch die neuen Figuren und eingestreuten Verweise auf Die Odyssee, stellenweise überladen, lässt die schlanke Eleganz der Vorlage vermissen. Die Re-Interpretation, das Weiterdenken der Vorlage jedoch ist sehenswert: Wo Zweig resignierte, gerät Stölzls Adaption zur Mahnung. Vor der vergiftenden Wirkung menschenverachtenden Gedankenguts. Vor seiner Verharmlosung. Vor seiner neuen Gestalt, die sich bürgerlich und gesittet gibt. Wo einst simples Weiß gegen Schwarz, Gut gegen Böse, Humanismus gegen Faschismus galt, verschwimmen nun die Klarheit der Regeln, die Grenzen des Brettes und die zweifelsfreie Wahrnehmung der Realität im Angesicht einer neuen Bedrohung und Bedrohlichkeit, die unsere tiefsten Werte und einfachsten Wahrheiten attackiert. Bei klarem Verstand zu bleiben, ist deshalb das oberste Gebot – wie es auch so treffend im zum Abschluss eingeblendeten Zitat von Zweig heißt.

Schachnovelle (2021)

Wien, 1938: Österreich wird vom Nazi-Regime besetzt. Kurz bevor der Anwalt Bartok mit seiner Frau Anna in die USA fliehen kann, wird er verhaftet und in das Hotel Metropol, Hauptquartier der Gestapo, gebracht. Als Vermögensverwalter des Adels soll er dem dortigen Gestapo-Leiter Böhm Zugang zu Konten ermöglichen. Da Bartok sich weigert zu kooperieren, kommt er in Isolationshaft. Über Wochen und Monate bleibt Bartok standhaft, verzweifelt jedoch zusehends – bis er durch Zufall an ein Schachbuch gerät.

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Meinungen
Hi · 03.10.2021

Na servas des is cool

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