Kleine Feuer überall (Miniserie, 2020)

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Das Zusammentreffen zweier Mütter in Ohio in den 1990er Jahren erzählt die Serie Kleine Feuer Überall nach dem Buch von Celeste Ng. Kann Reese Witherspoon damit an den Erfolg von Big Little Lies anschließen?

Kleine Feuer überall (Miniserie, 2020)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Zwei Mütter

In Shaker Heights, Ohio scheint Ende der 1990er Jahre die Welt noch Ordnung: Saubere Häuser stehen nebeneinander, sogar die Mehrfamilienhäuser sehen aus wie ein Einfamilienhaus, damit niemand stigmatisiert wird. Die Höhe des Rasens im Vorgarten wird kontrolliert, die öffentliche High School bietet Privatschulniveau.

Nett, sauber und ordentlich – genauso würde Elena Richardson (Reese Witherspoon) nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Familie beschreiben: Ehemann Bill (Joshua Jackson) ist Anwalt, Sex haben sie mittwochs und samstags. Ihre ältesten Kinder Lexie (Jade Pettyjohn) und Trip (Jordan Elsass) sind tonangebend an der örtlichen Highschool, attraktiv und beliebt. Sohn Moody (Gavin Lewis) ist etwas einzelgängerisch veranlagt, ein Nerd, aber er funktioniert. Nur Tochter Izzy (Megan Stott) ist schwierig. Sie lehnt sich gegen diese Ordnung und ihre Mutter auf. Dennoch scheint in dieser Familie etwas nicht zu stimmen. Denn in den ersten Bildern der achteiligen Serie Kleine Feuer überall brennt ihr Haus. Die Richardsons stehen schockiert am Rand, Elena scheint wie betäubt. Das Feuer ist kein Unfall, es wurde gelegt. Mehrere kleine Brände sind zu einem großen geworden. Und sofort gibt es eine Hauptverdächtige: Izzy, die wieder einmal verschwunden ist. 

Nach diesen ersten Bildern beginnt ein langer Rückblick, der in acht Folgen die Vorgeschichte zu diesem Brand erzählt: Elena war auf dem Weg in die Redaktion, in der sie halbtags als Journalistin arbeitet, als sie ein Auto sah, in dem eine Afro-Amerikanerin geschlafen hat. Sie verständigte die Polizei, vorgeblich aus Sorge. Wenig später zeigt sie Mia Warren (Kerry Washington) und ihrer Teenagertochter Pearl (Lexi Underwood) die Wohnung, die sie vermietet und erkennt, dass es die Frau ist, die sie im Auto gesehen hat. Mia Warren ist alleinerziehende Mutter, eine Künstlerin und Schwarz, sie passt eigentlich gar nicht nach Shaker Heights. Aber Pearl sehnt sich nach etwas Beständigkeit, nach dieser Art Leben, die als so typisch amerikanisch angesehen wird. Und deshalb willigt Mia ein, es an diesem Ort zu versuchen. 

Mit Mia und Elena stehen sich zwei Mutterfiguren gegenüber, die gegensätzlicher kaum sein könnten: Mia ist ein Freigeist, sie erzieht ihre Tochter zur Selbständigkeit, ermuntert Individualität und Kreativität, sie will, dass Pearl für sich einsteht. Elena hingegen will, dass Kinder sich einfügen und anführen, sie sollen erfolgreich und beliebt sein – sie ist kontrollierend und bestimmend. Mia und Elena sind gleichermaßen voneinander fasziniert wie abgestoßen; sieht Elena in Mia den alten Traum eines anderen Lebens, weiß Mia genau, dass Elena der Typ Mutter ist, den die Gesellschaft erwartet. Dadurch entsteht sehr viel Reibung, die Kerry Washington und Reese Witherspoon mühelos entzünden. Sie verkörpern diese Figuren, sie passen perfekt in die jeweiligen Rollen. Schon bald wirkt sich diese Reibung auf immer mehr Menschen in ihrem Umfeld aus. Auf ihre Kinder: Pearl sieht in Elena etwas, was ihr bei ihrer Mutter fehlt, während es Izzy genau anders herum geht. Zudem ist Moody in Pearl verliebt, die wiederum ein Auge auf seinen Bruder Trip geworfen hat. Auswirkungen hat die Reibung auch auf Mias Kollegin Bebe Chow (Lu Huang): In einer psychischen Ausnahmesituation hat sie ihr Baby an einer Feuerwehr ausgesetzt. Mia findet heraus, dass das Kind von einer Freundin von Elena adoptiert wurde – und ermuntert Bebe, um ihre Tochter zu kämpfen. 

In dem narrativen Aufbau der Geschichte folgt die Serie Kleine Feuer überall dem gleichnamigen zugrundeliegenden Buch von Celeste Ng (in deutsch bei dtv erschienen): Auch dort steht das Feuer am Anfang, auf diesen Brand läuft alles hinaus. Der Weg dorthin sind die titelgebenden metaphorischen kleine Feuer, die überall im Umfeld der Warrens und Richardsons entstehen. In der Serie gibt es von Anfang an zwei deutliche Abweichungen vom Buch. Die Warrens sind der Serie Schwarz. Der die Gesellschaft durchziehende Rassismus spiegelt sich im Buch vor allem im Kampf um das Baby, deren Mutter die illegale chinesische Einwanderin Bebe Chow ist. Der Gegensatz zwischen den Warrens und Richardsons entsteht indes durch ihre jeweilige Klassenzugehörigkeit. Das ist ein Thema, das nur selten thematisiert wird – und es ist eine große Stärke des Buchs, diese Unterschiede und Gegensätze herauszustellen. In der Serie ist der zentrale Konflikt nun bestimmt durch race. Die 1990er Jahre sind die Zeit des „I don’t see color“ – und Elena Richardson glaubt das wirklich von sich, obwohl ihr Verhalten dagegenspricht. Sie ist eine typische weiße Retterin, die Dankbarkeit und Unterordnung für ihr Verhalten erwartet; sie will nicht sehen, dass sie sich rassistisch verhält. Dagegen versucht Mia ihrer Tochter zu erklären, dass sie niemals so wie die Kinder der Richardsons behandelt werden wird. Dass die Richardsons zudem ein Klassenprivileg haben, rückt etwas in den Hintergrund, obwohl die Klassenzugehörigkeit am Anfang durch das Sichten des Autos betont wird. Vorab gab es nur die ersten drei Folgen zu sehen, daher ist es spannend, wie sehr diese Konflikte und Diskriminierungen, die Intersektionalität im weiteren Verlauf verhandelt werden. 

Die zweite große Änderung gegenüber Celeste Ngs Roman betrifft Izzy. Im Buch lehnt sie sich gegen die Fürsorglichkeit ihrer Mutter auf, sie ist eine Außenseiterin. In der Serie nun bekommt sie gewissermaßen einen Grund dafür: sie ist lesbisch. Es gibt wenige lesbische Figuren in Serien, insbesondere wenige lesbische Teenagerinnen – und noch dazu spielt die Serie in den 1990er Jahren, Ellen DeGeneres hat sich gerade erst geoutet. Das ist eine spannende Konstellation, die aber viel mehr Serienzeit verdient hätte. Hier ist Izzy ein Strang unter vielen und es wirkt so, als brauche sie ein Grund – ihre Sexualität – um gegen die erstickende heteronormative weiße Wirklichkeit in Shaker Heights zu rebellieren. 

Wie Big Little Lies basiert also Kleine Feuer überall auf dem Bestseller einer Autorin, wurde von Reese Witherspoons Firma Hello Sunshine entwickelt und sie hat eine der Hauptrollen übernommen. Zudem erzählen beide Serien die Geschichten von Frauenfiguren, die weitaus widersprüchlicher sind als ihnen in vielen Serien und Filmen zugesprochen wird. Allerdings ist das Geheimnis in Big Little Lies weitaus größer und die Serie insgesamt weniger melodramatisch – und Kleine Feuer überalll entwickelt keinen vergleichbaren Sog. Stattdessen erzählt die Serie in den ersten drei Folgen vor allem einen spannenden Konflikt zweier Mutterfiguren und überzeugt in der Inszenierung von Mutterschaft. Es gibt wundervolle Sequenzen von Fürsorglichkeit: Mia, die ihrer Tochter die Haare macht, Elena, die ein Pflaster auf ein blutendes Knie klebt. Aber auch Momente voller Schmerz, wenn Mia erkennt, dass ihre Tochter sie belügt und Elena zugibt, dass sie glaubt, Izzy würde sie hassen. Diese Ambivalenzen, die Unsicherheiten und Eifersucht, fasst die Serie sehr gut ein. Allerdings bleibt hier abzuwarten, wie sich insbesondere Elena entwickelt. Nach den ersten drei Folgen ist zu befürchten, dass sie eindeutig zu der bösen Gegenspielerin wird – und das wäre schade.

Kleine Feuer überall (Miniserie, 2020)

basierend auf dem gleichnamigen Roman von Celeste Ng aus dem Jahre 2017 erzählt  „Little Fires Everywhere“  der vermeintlich perfekten Familie Richardson sowie von einer geheimnisvollen Mutter und ihrer Tochter, die ihr Leben komplett umkrempeln.

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