Kajillionaire (2020)

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Sich von den Eltern zu lösen und eigene Wege zu gehen, ist gar nicht so einfach. Erst recht nicht für die Heldin dieser Coming-of-Age-Geschichte von Miranda July. Denn die Eltern haben ihr als so entschlossene wie verschrobene Systemgegner 26 Jahre lang den Zugang zur Gesellschaft versperrt.

Kajillionaire (2020)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Im Hamsterrad der Systemverweigerer

Die 26-jährige Frau wirkt gehetzt und beunruhigt, als könne sie nicht begreifen, was eigentlich schiefläuft in ihrem Leben. Ihr Name Old Dolio (Evan Rachel Wood) ist da noch das geringste Problem, sie hat ihn schon von Geburt an. Aber dann steht sie einmal nach der Landung in New York auf einem Rasenstück in der Nähe des Flughafens und blickt auf die Wolkenkratzer am gegenüberliegenden Ufer. Die Stadt bleibt unerreichbar für sie.

Aus Sicht ihrer Eltern Robert (Richard Jenkins) und Theresa (Debra Winger) dient die Reise allein dem Ziel, die Versicherung zu betrügen, indem Gepäck als verloren gemeldet wird. Die Eltern verzehren noch in Ruhe die Reste des Bordessens anderer Passagiere bevor es zurück nach Los Angeles geht. 

Die amerikanische Regisseurin Miranda July (The Future, Ich und Du und alle, die wir kennen) erzählt in ihrem dritten Langfilm eine tragikomische Coming-of-Age-Geschichte. Old Dolio hat immer viel zu tun, ständig ist sie mit ihren Eltern unterwegs, um Postfächer auszurauben, einen Finderlohn einzustreichen, Unterschriften auf Schecks zu fälschen, gestohlene Gegenstände im Laden gegen Bargeld einzutauschen. Robert und Theresa sind nämlich immer im Rückstand mit der billigen Miete für die Wohnung, in der sie mit Old Dolio leben. Wobei Wohnung nicht das richtige Wort für den Lagerraum neben einer Seifenschaumfabrik ist. Jeden Tag muss die Familie zu bestimmten Zeiten mit Eimern den rosafarbenen Schaum wegschaufeln, der drinnen die Wand herabrinnt. 

Robert und Theresa haben dem Berufsleben, das sowieso nur dem Konsum dienen würde, schon vor langer Zeit und aus tiefster Überzeugung den Rücken gekehrt. Old Dolio kannte nie ein anderes Leben als dieses, in dem sie auf alles Angepasste wie schicke Kleidung, Vergnügungen, Freundschaften verzichtet. Ihr langes blondes Haar hängt schnurgerade herab, ein Bild des Jammers. Berührungen sind ihr so fremd, dass sie sie nicht erträgt. Die Eltern haben Old Dolio von klein auf wie eine Erwachsene behandelt, angeblich aus Respekt, und sie dabei um Kosenamen und Geburtstagsfeiern betrogen.

Erneut inspiziert July in einem Film, wie sich ein Mensch zwischen Freiheit und sozialer Rolle selbst begreift. Old Dolio ist eine im Paradoxen Gefangene, die um erlösende Erkenntnis ringt. Evan Rachel Wood spielt sie als Frau am Rande eines Nervenzusammenbruchs und verleiht ihr zugleich eine militante Aura. Kann man dem Kapitalismus entrinnen ohne Los Angeles, dem Stadtleben, überhaupt der westlichen Welt den Rücken zu kehren? Old Dolios Eltern glauben das, aber gerade weil sie nichts haben, dreht sich jede Minute ihrer anstrengenden Tage um das Raffen. Was könnte eine gestohlene Krawatte bringen, was gäbe es im Tausch gegen einen Massage-Gutschein? 

Ohne es zu merken, sind Robert und Theresa die ultimativen Vertreter der Wegwerfgesellschaft geworden. Sie wollen alles haben, was sie kriegen können, und wissen doch nichts zu schätzen. Zwischen ihnen und ihrem Feindbild, den Kajillionaires – ein humorvoller Ausdruck für Superreiche -, ist mental vielleicht doch kein so großer Unterschied. Richard Jenkins spielt Robert als verpeilten, aber unverdrossenen Rechthaber, Debra Winger stattet Theresa mit einer latent aggressiven Entschlossenheit aus. 

Und da erscheint plötzlich die gleichaltrige Melanie (Gina Rodriguez), modisch und körperbetont gekleidet, fröhlich und zu Abenteuern aufgelegt. Auf dem Rückflug nach Los Angeles schließt Melanie Bekanntschaft mit Robert und Theresa und darf nun mitmachen im Team – sehr zum Verdruss der eifersüchtigen Old Dolio. Aber diese junge Botschafterin der bürgerlichen Gesellschaft öffnet Old Dolio die Augen dafür, dass es ihr an Liebe mangelt und dass draußen eine ganze Welt auf sie wartet. Sie bietet ihr sogar eine Beziehung an. 

July, die auch Performancekünstlerin und Schriftstellerin ist, lädt oft zum freien Interpretieren ein. Allein schon dieses Szenario mit dem rosafarbenen Schaum, der weggewischt werden muss, regt die Fantasie ungeheuer an. Es bleibt wiederholt dem Publikum überlassen, gedankliche Verknüpfungen zwischen den skurrilen, an Comedysketche erinnernden Szenen herzustellen. July interessiert sich mehr für das Eigenleben der Fantasie, als dafür, sie einem erzählerischen Bogen unterzuordnen. 

Von vielen der ins Groteske überzogenen Szenarien geht eine Bitterkeit aus, die das Lachen im Keim erstickt. Als die Familie mit Melanie einen fremden alten Mann besucht, um ihn zu bestehlen, gelingt dem Film ein Blick ins Herz der modernen Gesellschaft, der frösteln lässt. Der Alte, der im Sterben liegt, ermutigt die Unbekannten in seinem Wohnzimmer, ihn akustisch am Leben einer Familie teilhaben zu lassen. Die Eindringlinge spielen mit, es gehört zum Geschäft. Im Umkehrschluss erklärt sich die Abwesenheit der Kinder des alten Mannes: Was sollte ihnen ein Besuch bringen?  

Julys Film erinnert gelegentlich an Shoplifters, aber auch an die Werke Wes Andersons. Old Dolio könnte mit ihrer kindlichen Verlorenheit, den steifen Bewegungen auch ein von Anderson erfundener Charakter sein. Und July, die anders als in ihren vorigen Filmen nicht selbst mitspielt, widmete sich nach eigener Aussage umso mehr einer Regie, die nichts dem Zufall überlässt. Wie Anderson legt sie zudem enormen Wert auf die Ausstattung und das Szenenbild. 

Kajillionaire ist ein Film, der aus dem Rahmen fällt. Prall gefüllt mit eigenwilligen Ideen und Gedankenbildern, beschäftigt er sein Publikum, mäandert zwischen tiefgründiger Betrachtung und Konsumprodukt. So viel Originalität sieht man im Kino nicht alle Tage.   

Kajillionaire (2020)

Das Leben einer Frau wird völlig auf den Kopf gestellt, als ihre kriminellen Eltern einen Fremden einladen, an ihrem geplanten nächsten Coup teilzunehmen.

 

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