In den Uffizien (2020)

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50 Säle für 2,5 Millionen Besucher: Die Florentiner Uffizien sind ein Kunsttempel der Extraklasse. Die weltberühmte Galerie der Medici zieht seit Jahrhunderten BesucherInnen in ihren Bann. Doch wie katapultiert man ein ehrwürdiges Renaissance-Haus in die Social-Media-Gegenwart des 21. Jahrhunderts? 

In den Uffizien (2020)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Von Musen und Mühen

„Ich habe fast alles gesehen, was Florenz an Kunstsachen enthält und man könnte wohl mit großem Nutzen einige Zeit hier verweilen; auch das Staatsgebäude naher zu betrachten würde zu manchen Gedancken Anlaß geben.“ Schon der ebenso kunstsinnige wie weitgereiste Johann Wolfang von Goethe war bei seinem ersten Besuch in den Florentiner Uffizien hellauf begeistert. „Die Medicäische Venus übertrifft alle Erwartung und übersteigt allen Glauben. Wie manche andre kostbare Antiken sind noch hier!“, notierte er voller Verve im Zuge seiner berühmten Italien-Reise Ende des 18. Jahrhunderts. „An Gemälden treffliche Sachen. Besonders habe ich mich an die älteren Meister gehalten“, blickte er später begeistert zurück. 

Und die Besucherströme haben seit der Grundsteinlegung im Jahr 1560 und mitten in der Hochphase der Herrschaft der Medici in Florenz kein Ende gefunden. Inzwischen pilgern bis zu 2,5 Millionen kunstinteressierte BesucherInnen in den ehrwürdigen Musentempel. Jährlich. Bis 1580 entstanden im Zentrum der Toskana und im Auftrag Cosimo I. de’ Medici sowie nach den Plänen Giorgio Vasaris, Bernardo Buontalentis und Alfonso Parigi des Jüngeren die schönsten „Bürogebäude“ der Welt, wie die „Galleria degli Uffizi“ bis heute gerne in Italien umgangssprachlich genannt werden. In Corinna Belz’ (Gerhard Richter Painting; Peter Handke — Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte.) und Enrique Sánchez Lansch’ (A Symphony of Noise; Rhythm is It!) abwechslungsreichem Dokumentarkunstfilm In den Uffzien werden sie geradezu erlebbar. 

Seit dem nicht unumstrittenen Amtsantritt Eike Schmidts im September 2015 ist spürbar frischer Esprit in diesen einzigartigen Museumskomplex eingezogen. Als Deutscher, Stichwort NS-Kunstraubzüge während des Zweiten Weltkriegs, die auch vor den Kunstschätzen der Medici keineswegs halt machten, und überhaupt erster nicht-toskanischer Leiter des Hauses wehte ihm anfangs durchaus Gegenwind ins meist smarte Gesicht. Inzwischen hat sich das Blatt aber signifikant gewendet: Der versierte Kunsthistoriker und glänzende Netzwerker ist durch seine schlagfertig-geistsprühenden Ideen sowohl in der arrivierten Kunstszene wie beim breiten Publikum zu einem echten Innovator Maximus avanciert: Fortsetzung folgt. Vielleicht bald in München, Wien oder Berlin? 
Direkt am Arno, zwischen der Ponte Vecchio und dem Palazzo Vecchio residiert der international bestens vernetzte und multilinguale Museumsmacher aus Freiburg. Als einer der zentralen Protagonisten führt er quasi jeden Zuschauer ebenso galant wie humorvoll durch die kunstgeschichtlichen Heiligtümer dieser solitären Kunstsammlung. Ob Boticellis „Die Geburt der Venus“ oder Gentileschis „Judith und Holofernes“, Hauptwerke Tizians, Raffaels, da Vincis, Giottos oder Michelangelos: Hier stockt selbst Jet-Set-Reisenden oder finanzstarken Sponsorengruppen regelrecht der Atem! Und trotzdem sind die Smartphones immer griffbereit. In den Uffizien fungiert in seinen gelungensten Sequenzen auch als dokumentarischer Meta-Film über die Lust des Sich-selbst-Betrachtens im Schatten der Geschichte wie der Turbotechnologisierung seit der Jahrtausendwende. 

Schließlich spiegelt sich die auf den Malereien und Skulpturen eingefangene Leidenschaft, die auch Eike Schmidts Führungsstil prägt, fast magisch in den Augen ihrer Betrachter wider. Beinahe automatisch schreit man da nach einer sofortigen Wiedereröffnung sämtlicher Kunstmuseen im Rahmen der aktuellen Corona-Pandemie-Bedingungen! Schließlich lebt der Mensch nicht nur vom Brot allein. Und zugleich erfährt er in der genauso facettenreichen wie unterhaltsamen Museumshommage von Corinna Belz und Enrique Sánchez Lansch im Subtext auch sehr viel über den komplexen Ausstellungsbetrieb der Gegenwart, was sich gerade im Disput um die passgenaue Präsentation zeitgenössischer Werke des britischen Künstlers Antony Gormley wunderbar direkt und überaus einprägsam vermittelt. 

In den Uffizien funktioniert en gros wie ein zwischen Freude und Faszination mäanderndes Kunstfilm-Essay, das souverän seine exklusive Zugangsperspektive ausspielt und glücklicherweise selbst nie in götzenhafte PR-Film-Arbeit abgleitet, sondern stattdessen durchwegs in luziden Einzelbetrachtungen schwelgt und im selben Zug makrokosmische Zusammenhänge aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts sehr erhellend mit den Gesetzen der Kunstmuseumswelt des 21. Jahrhunderts zusammenschweißt.

In den Uffizien (2020)

Die Uffizien in Florenz waren ursprünglich ein Bürogebäude der Medici. Schon 1581 stellten sie hier ihre legendäre Kunstsammlung aus, die zum Vorbild aller Museen wurde. Heute wird die weltweit bedeutendste Sammlung an Renaissancekunst, eine Ikone der italienischen Kultur, von einem deutschen Direktor geleitet. Eike Schmidt wirbt um Sponsoren, gestaltet Räume neu und hat, mit der ihm eigenen Mischung aus Autorität, Aufmerksamkeit und Humor ein eingeschworenes Team um sich geschart.

Der Film zeigt die ungebrochene Anziehungskraft des Museums und die Arbeit hinter den Kulissen als eine kollektive Anstrengung, eine nie endende, passionierte Sorge um die Erhaltung jahrhundertealter Meisterwerke bei gleichzeitiger Neuerung. Alles atmet in diesen Sälen und Fluren Geschichte, jede Handlung wird zum Ritual. Während des Aufbaus einer Ausstellung mit zeitgenössischen Skulpturen des Britischen Künstlers Antony Gormley erleben wir, wie sensibel und konfliktgeladen solche Versuche sind. Es geht um jeden Zentimeter – europäische Zusammenarbeit ‘en miniature’.

Und immer wieder löst sich die Kamera aus dem Alltagsgeschehen und taucht in die Bildwelten an den Wänden ein. Leonardo da Vincis “Anbetung der Könige”, Botticellis “Frühling”, Tizians „Venus von Urbino“, Artemisia Gentileschis “Judith und Holofernes”. Die fallenden Körper im “Engelssturz” von Andrea Commodi erinnern uns schmerzhaft an unsere eigene Hybris und Verletzlichkeit.

Wir begegnen einem ungeheuren Überfluss an Schönheit, der politische Machtwechsel, zwei Weltkriege und Seuchen überstand. Die Zeiten waren selten friedlich aber – und darin liegt die eigentliche Hoffnung des Films – am Ende hat nicht Mars, sondern Venus und mit ihr die Liebe zur Kunst das letzte Wort.

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