Dear Comrades! (2020)

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1962 streckt das sowjetische Militär in Nowotscherkassk einen Arbeiteraufstand blutig hin. Andrey Konchalovsky erzählt davon aus der Sicht einer linientreuen Parteifrau, deren Tochter zu den Vermissten zählt. Aber Mitgefühl ist nicht das Gebot der Stunde.

Dear Comrades! (2020)

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

Blut auf dem Asphalt

Das Blut lässt sich nicht von den Straßen waschen. Die Sommerhitze hat es wie im Asphalt festgebacken. Dabei sehen wir es gar nicht richtig. Wir sehen nur Soldaten, die die Straßen mit Wasser besprenkeln, aber in den Schwarzweißbildern verschwimmt alles zu einer sanften Graustufe: der feuchte Asphalt, das Wasser, das Blut. „Dann packt eine neue Schicht Asphalt darüber!“, bellt eine Stimme im Befehlston aus dem Telefon.

In seinem neuen Film Dear Comrades! nimmt sich der russische Altmeister Andrey Konchalovsky (Die weißen Nächte des Postboten) eines Ereignisses an, das eigentlich gar keine Zeugen haben sollte. Das, wäre es nach sowjetischen Generälen gegangen, längst im Schwarzweiß der wenigen Erinnerungen verblasst wäre. Im Sommer 1962 ereignete sich in der Stadt Nowotscherkassk ein Streik: Drastische Preiserhöhungen bei gleichzeitigen Lohnkürzungen waren dem vorausgegangen, bis schließlich die Arbeiter der örtlichen Lokomotivenfabrik protestierten. Der Aufruhr wurde vom Militär niedergeschossen. Um die Geschehnisse zu vertuschen, blockierte die Armee im Nachhinein alle Wege aus der Stadt, Beamte, Krankenschwestern, Soldaten unterzeichneten Verschwiegenheitsklauseln. Verhaftungen, Schauprozesse, Todesurteile folgten.

In Andrey Koncholvskys Film nimmt der Streik und der sich daraus entwickelnde Aufruhr nur wenige Minuten der insgesamt zwei Stunden Laufzeit ein. Panisch davonrennende Menschen sind aus den Fenstern eines angrenzenden Geschäfts heraus zu sehen, während eine Frau im Radio eine beschwingte Melodie singt. Dann nur noch der feuchte Asphalt, darauf ein paar verlorene Schuhe. Den Regisseur interessiert in erster Linie die Struktur der Tragödie, oder besser: das Versagen der Strukturen, das dazu erst führen konnte.

Wir begleiten Lyuda (Julia Vysotskaya), linientreues Mitglied der Partei und des Stadtkomitees, deren achtzehnjährige Tochter bei den Demonstrationen war und nun zu den Vermissten zählt. Lyuda ist trotzdem nicht unbedingt eine Frau, mit der man mitfühlt. Das Leben hat sie hart gemacht, gegen die Aufständischen fordert sie ein härteres Vorgehen als die meisten männlichen Genossen und selbst als sie ihre Tochter vermisst, verspricht sie dem KGB noch: „Wenn sie wieder auftaucht, dann bringe ich sie euch selbst. Der Staat wird sie schon zurecht rücken.“ Aber so hart Lyuda auch ist – Konchalovsky ist es nicht. Mithilfe kleiner Details vermag er es dieser schwierigen Figur Dimensionen zu verleihen. Im Gegensatz zu den anderen Frauen trägt sie stets klobige schwarze Halbschuhe zu ihrem Kostüm. Sie verleihen ihr einen schwerfälligen Gang und klackern laut, wenn sie rennt, scheinen sie regelrecht zu beschweren; Repräsentanten eines Systems, das so viel größer ist als sie selbst. Nur ganz am Schluss zieht sie sie aus und steht am Ufer des Don. Der einzige Moment, in dem wir sie in erster Linie als trauernde Mutter wahrnehmen.

Sonst spielt sich Dear Comrades! zu einem großen Teil in gesichtslosen Verwaltungsräumen ab, mit namenlosen Uniformierten, die eine leblose Beamtensprache sprechen. Weiter könnten diese abgeriegelten Räume kaum vom Leben draußen, der Angst und Wut der Leute entfernt sein und Konchalovsky lässt die Bilder in diesen Momenten regelrecht erstarren: steife Gestalten, manche von ihnen schwitzend, andere völlig ungerührt, während der Ranghöchste den Schießbefehl ausgibt. Es passt, dass sich Konchalovsky bei diesem historischen Stoff nicht nur für Schwarzweißbilder, sondern auch für das heute recht ungewöhnliche Bildformat 4:3 entschieden hat. Obwohl lange Zeit der Standard, scheint es aus heutiger Sicht, gewöhnt an das dem Blick schmeichelnde 16:9, die Figuren regelrecht einzuengen und es erhöht noch die Klaustrophobie, als sich die aufgebrachte Menge zu Beginn des Streiks auf dem Platz vor dem Verwaltungsgebäude drängt, während sich direkt davor die bewaffnete Armee aufbaut.

Vor allem diese Bilder sind es, die in Dear Comrades! eine direkte Verbindungslinie in unsere Gegenwart ziehen. Wir sehen sie unter dem noch frischen Eindruck des Sturms aufs Kapitol, aber auch der bis an die Zähne bewaffneten Polizei während der #BlackLivesMatter-Proteste im Sommer 2020. Die politischen Systeme mögen andere sein, aber systematische Unterdrückung funktioniert überall auf der Welt nach ähnlichen Prinzipien. Andrey Konchalovsky hat dazu einiges zu sagen.

Dear Comrades! (2020)

Nowotscherkassk, Sowjetunion, im Jahr 1962: Lyudmila ist linientreues Mitglied der Kommunistischen Partei. Während eines Arbeitsstreiks in der örtlichen Elektrolokomotivenfabrik wird sie ungewollt Zeugin eines Massakers – die von der Regierung entsandte Armee schießt auf die Demonstranten, um den Streik zu beenden. Dadurch wird Lyudmilas Weltbild für immer zerstört. Auch das Leben in Nowotscherkassk verändert sich in der Folge durch Unruhen, Verhaftungen, hastig vollstreckte Gerichtsurteile und verhängte Ausgangssperren drastisch. Menschen werden verletzt oder vermisst. Auch Lyudmilas Tochter verschwindet in dieser von Panik und Verwirrung geprägten Zeit spurlos. Daraufhin macht sie sich auf die gefährliche Suche nach ihrem vermissten Kind. Nowotscherkassk steht währenddessen unter einer Blockade und die Behörden versuchen, die Geschehnisse zu vertuschen. 

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