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Pietro Marcello kombiniert in „Das Purpursegel“ Momente der Magie mit einem historischen Setting und lässt Handwerk und Überlebenskampf auf musikalische Nummern und wilde Romantik treffen.

Das Purpursegel (2022)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Werden Träume wahr?

Magischer Realismus – wäre dies nicht bereits ein seit rund hundert Jahren etablierter Kunstbegriff, müssten wir ihn wohl für den Filmemacher Pietro Marcello („Martin Eden“) erfinden. Der 1976 in der italienischen Stadt Caserta geborene Regisseur bringt nicht nur kurzes dokumentarisches Archivmaterial mit einer fiktiven Geschichte zusammen, sondern lässt in seiner Inszenierung auch Fantastik und Wirklichkeitstreue ganz konfliktfrei miteinander verschmelzen.

Das Drehbuch zu seinem neuen, in der nordfranzösischen Provinz angesiedelten Werk Das Purpursegel, das er zusammen mit Maurizio Braucci und Maud Ameline geschrieben hat, ist eine lose Adaption des gleichnamigen, 1923 veröffentlichten Romans des russischen Schriftstellers Alexander Grin. Der Anfang ist noch weitgehend in Realitätsnähe verhaftet. Raphaël (Raphaël Thiéry) kehrt nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in sein Heimatdorf zurück und muss erfahren, dass seine Ehefrau Marie gestorben ist. Die resolute Madame Adeline (Noémie Lvovsky) überreicht ihm jedoch ein circa einjähriges Kind und behauptet, dies sei seine Tochter Juliette.

Obwohl rasch Zweifel aufkommen, dass Juliette tatsächlich sein eigenes Kind ist, kümmert sich der Kriegsveteran hingebungsvoll um sie. Zugleich entsteht zwischen ihm und Madame Adeline eine platonische Freundschaft. Er packt im Haus und Hof mit an; sie beschafft ihm mit ihrer entschlossenen Art eine handwerkliche Arbeit in der Gemeinde. Juliette wächst derweil zu einer aufgeweckten Zehnährigen (Asia Bréchat) heran, die es ablehnt, eine Schule in der Stadt zu besuchen, um bei ihrem Vater bleiben zu können. Dieser vollbringt kleine Wunder aus Holz und schnitzt Spielzeug, das die beiden zunächst erfolgreich an einen Händler verkaufen können – bis es in späteren Jahren plötzlich als zu altmodisch gilt.

Schon in der ersten Hälfte von Das Purpursegel sind Anflüge der Poesie und der Magie zu erkennen. Das beginnt bereits bei den 16mm-Aufnahmen, in denen das Geschehen eingefangen wird und dadurch unweigerlich eine gewisse Kinonostalgie erhält – und setzt sich fort in der besonderen Bedeutung, die der Musik im Leben von Raphaël zukommt. Am Grab seiner Frau spielt der Protagonist auf seinem Akkordeon; und auch Juliette erweist sich als musisch begabter Mensch. Im Wald begegnet das Mädchen wiederum einer alten Frau (Yolande Moreau), die angeblich mit der Krötenkönigin sprechen kann und Juliette die Zukunft vorhersagt.

Der ganze Zauber der Kinematografie entfaltet sich schließlich, als die Zehnjährige innerhalb einer Kamerabewegung zu einer jungen Frau (Juliette Jouan) wird. Fortan rückt Juliette ins Zentrum des Films, der sich immer mehr in märchenhafte Gefilde begibt, seinen finsteren Ausgangspunkt dabei aber nie vergisst und zuweilen auch wieder in die harte Wirklichkeit zurückkehrt. Ob Träume wahr werden oder nicht – über diese Frage wird hier mehrmals verhandelt, mit unterschiedlichem Ausgang. Juliette und ihr Vater bleiben im Dorf Außenstehende; an einer Stelle wird Juliette als „Irre vom Hof der Wunder“ bezeichnet. Die Position der Frau innerhalb der Gemeinde lässt nicht nur an klassische Märchenheldinnen denken (auch „Rotkäppchen“ lautet eine der dörflichen Titulierungen für Juliette); ebenso kommt hier ein moderner Stoff wie Der Gesang der Flusskrebse (2022) in den Sinn.

Mit dem (Bruch-)Piloten Jean (Louis Garrel) fällt dann sogar ein potenzieller Prinz vom Himmel. In einer Sequenz am Fluss verwandelt sich Das Purpursegel in ein emotionales Musical; die darauf folgende Liebe im Freien zwischen Juliette und Jean ist indes weniger Disney-tauglich, sondern mutet eher wie eine französische Filmversion von Emily Brontës Romanklassiker Sturmhöhe an. Diese Vielzahl von Assoziationen, die Marcellos Werk auslöst, ist einerseits sehr spannend, lässt sich andererseits aber auch als Schwäche auslegen: Der Film wirkt mit all seinen Nebenplots und den Verschiebungen der erzählerischen Aufmerksamkeit oft etwas zerfasert. Doch so wie die Protagonistin trotz aller Hindernisse für ihre Selbstbestimmung kämpft, gelingt es auch diesem Genre- und Stilmix insgesamt, seinen eigenen Weg zu finden und mit rustikaler Fein- und Freiheit zu überzeugen.

Das Purpursegel (2022)

Die Emanzipation einer Frau über zwanzig Jahre, zwischen 1919 und 1939, eine Zeit großer Erfindungen und großer Träume.

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