Unsere Seelen bei Nacht

Unsere Seelen bei Nacht

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Programm für einen trüben Herbstsonntag

Nachts ist Alleinsein am schlimmsten, findet Addie Moore (Jane Fonda). Sie war fast 50 Jahre mit ihrem Mann verheiratet und ist nun Witwe. Das Haus ist leer, der Sohn längst erwachsen und Addie möchte nachts einfach nicht mehr allein im Bett liegen. Also macht sie ihrem Nachbarn Louis Waters (Robert Redford) einen ungewöhnlichen Vorschlag: Lass uns miteinander schlafen! Nicht im sexuellen Sinn, schiebt sie gleich nach. Sie will einfach gemeinsam die Nacht herumbringen, miteinander reden bis die Augen zu fallen, die Einsamkeit mit Zweisamkeit bekämpfen. Louis ist erst sprachlos, findet die Idee aber nach kurzem Bedenken ganz ansprechend. Auch er verbringt seine Nächte mit offenen Augen, seit seine Frau gestorben ist. Also, warum nicht?
Dass sich die beiden Nachbarn eigentlich in all den Jahren überhaupt nicht richtig kennengelernt haben, macht nur das erste Treffen ein bisschen steif. Wie Teenager stehen sie da in der Küche, die Unterhaltung läuft etwas verkrampft an, aber dann ziehen sie das doch durch. Und irgendwie gefällt es beiden so gut, dass sie in der nächsten Nacht weitermachen. Natürlich beginnen sie vor dem Einschlafen miteinander zu reden. Und es mag an ihrem Alter liegen oder an der Tatsache, dass sie in dieser Beziehung sowieso nichts zu verlieren haben, sie sind brutal offen und ehrlich. Beichten die Seitensprünge, die Affären, wo sie in der Erziehung versagt haben und was ihnen im Leben am meisten Spaß gemacht hat. Und wie es nicht anders passieren kann, kommt mit der Intimität auch die Liebe.

Der indische Regisseur Ritesh Batra legt mit Unsere Seelen bei Nacht seinen zweiten Spielfilm vor. Die Netflix-Produktion läuft in Venedig im Wettbewerb außer Konkurrenz. Und eigentlich kann man mit einem solchen Film gar nichts verkehrt machen, zumal in der Besetzung. Robert Redford spielt Waters brillant. Redford müsste überhaupt nichts sagen und nur seine Mimik spielen lassen, um jeden Schauspielpreis zu rechtfertigen (in Venedig wird er gemeinsam mit Jane Fonda mit dem Goldenen Löwen für das Lebenswerk ausgezeichnet). In der Anfangsszene, wenn Addie ihren ungewöhnlichen Vorschlag vorbringt, sagt er tatsächlich nichts, nur ein Zucken der Augenbrauen spricht von seiner Überraschung. Und spätestens, wenn er sich liebevoll um Addies Enkel kümmert, ertappt man sich dabei, wie man wieder einmal ein bisschen in ihn verliebt ist. In Jane Fonda ja sowieso und das schon von der ersten Minute an, wenn sie ihren Vorschlag charmant-nervös unterbreitet.

Es tut auch gut wieder einmal ein älteres Paar in einem Film zu sehen, mit Falten und Körpern, denen nicht künstlich Jahre hinzu geschminkt werden mussten. Das ist vielleicht eine der besseren Entwicklungen, die man Netflix abgewinnen kann, es gibt mehr Filme für ein älteres Publikum, denn genau das ist eine der Zielgruppen des Bezahlsenders. Jane Fonda ist dort bereits in der Serie Grace und Frankie zu sehen.

Unsere Seelen bei Nacht ist aber eben doch eher ein Fernsehfilm, dessen Drehbuch im Dialog zwar gut ist, in der Handlung hingegen sehr vorhersehbar den Linien des Liebeskomödien-Genres folgt: Das Paar trifft sich, muss kleine Hindernisse überwinden, kommt zusammen, muss größere Hindernisse überwinden — Sie wissen wie es weitergeht. Dass man den Film trotzdem gern schaut, liegt an der guten Besetzung — es reicht daher, sich Unsere Seelen bei Nacht an einem trüben Herbstsonntag mit Chips auf der Couch anzuschauen.

Unsere Seelen bei Nacht

Nachts ist Alleinsein am schlimmsten, findet Addie Moore (Jane Fonda). Sie war fast 50 Jahre mit ihrem Mann verheiratet und ist nun Witwe. Das Haus ist leer, der Sohn längst erwachsen und Addie möchte nachts einfach nicht mehr allein im Bett liegen. Also macht sie ihrem Nachbarn Louis Waters (Robert Redford) einen ungewöhnlichen Vorschlag: Lass uns miteinander schlafen!
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Meinungen
Dr Karl H W G Hormann · 09.06.2019

Wo & wie kann ich diesen Film in deutscher Sprache als DVD bekommen? Ich möchte ihn verschenken..

Dor · 07.02.2019

Ergänzend zur obigen Einführung zeigt es aber noch eine Dimension einer Liebesbeziehung, die eine freundschaftliche Basis lebt, die Möglichkeit bietet, das bereits gelebte Leben neu zu ordnen im Gespräch und in Anteilnahme. Der Film zeigt auch die Behutsamkeit und Offenheit in der Kommunikation, sowie die gegenseitige Akzeptanz der Abgrenzung.Beeindruckend ist die Resonanzfähigkeit, das das Freundschaftspaar zum Ausdruck gibt. Schön wird auch gezeigt, wie das Wesentliche in einer Beziehung gelebt wird und wie an den Kindern, beziehungsweise am Enkel das nun weiter gegeben werden kann. Eben in der Anteilnahme und in der Resonanz.

Kommentare

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