Das Leuchten der Erinnerung (2017)

Das Leuchten der Erinnerung (2017)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Age-Movie

Das Kino liebt Coming-of-Age-Geschichten; in unzähligen Filmen können wir den dornigen Weg vom Jugend- zum Erwachsenenalter miterleben. Vergleichsweise rar sind in der Filmhistorie indes die Werke, die sich dem Altsein widmen. In jüngster Zeit zeichnet sich jedoch ein Trend zum Age-Movie ab. So befassten sich etwa die Romanze Hampstead Park mit Diane Keaton (*1946) und Brendan Gleeson (*1955) oder die Netflix-Produktion Unsere Seelen bei Nacht mit Jane Fonda (*1937) und Robert Redford (*1936) mit dem Leben und Lieben im Alter. Auch das tragikomische Roadmovie Das Leuchten der Erinnerung des Italieners Paolo Virzì mit Helen Mirren (*1945) und Donald Sutherland (*1935) gehört in diese Kategorie – und bietet solide Unterhaltung, die angesichts der Beteiligten vor und hinter der Kamera aber letztlich enttäuscht.

Im Zentrum der Handlung steht das Ehepaar Ella (Helen Mirren) und John (Donald Sutherland), das eines Tages den Entschluss fasst, seinen Heimatort Wellesley in Massachusetts zu verlassen, um sich mit einem alten Wohnmobil in den Bundesstaat Florida zu begeben und dort das Ernest-Hemingway-Haus in Key West zu besuchen. Die erwachsenen Kinder Will (Christian McKay) und Jane (Janel Moloney) sind entsetzt und in Sorge – nicht zuletzt deshalb, weil sich bei John eine zunehmende Demenz zeigt, die nur noch selten von lichten Momenten unterbrochen wird. Während ihres Trips machen Ella und John Rast auf Campingplätzen, wo Ella ihrem Mann Dias aus vergangenen Tagen vorführt. Immer wieder ereignen sich kleine Zwischenfälle, die die Reise der beiden verzögern – bis Ella einem Geheimnis von John auf die Spur kommt, welches nicht nur die gemeinsame Weiterfahrt, sondern gar das ganze Eheglück bedroht. Überdies verschlechtert sich auch Ellas gesundheitlicher Zustand.

Zusammen mit Stephen Amidon, Francesca Archibugi und Francesco Piccolo hat Virzì den gleichnamigen Roman von Michael Zadoorian adaptiert und dabei zum einen die Reiseroute des Paares (in der Vorlage von Detroit nach Disneyland über die Route 66) geändert und zum anderen die Geschichte ins Jahr 2016 verlegt, mitten in die Zeit des US-Wahlkampfes. Dass weder die neu gewählten Schauplätze für allzu reizvolle, originelle Bilder genutzt noch dieser politisch brisanten Zeit mehr als ein paar Streiflichter abgewonnen werden, demonstriert bereits, dass Das Leuchten der Erinnerung sein Potenzial kaum auszuschöpfen weiß – zumal mit Luca Bigazzi ein exzellenter Kameramann (verantwortlich etwa für die Aufnahmen zu La Grande Bellezza) zur Verfügung stand und Virzì in seinen bisherigen Arbeiten (zum Beispiel in der Kapitalismus-Satire Die süße Gier) deutlich mehr Biss bewiesen hat. Skript und Inszenierung lassen eine gewisse Kinoqualität vermissen; in den ersten circa 60 Minuten ließe sich der Film mit seinen kurzen Spannungsbögen ohne Weiteres in Sitcom-Episoden aufteilen – wenn John etwa ohne Ella davonfährt und diese bei einem Mann aufs Motorrad aufspringen muss, um John einzuholen, oder wenn die beiden von einem Polizisten angehalten werden und sich möglichst unauffällig zu verhalten versuchen. Erst später verdichtet sich der Stoff zu einem Drama, das über eine rasche Lösung kleiner Konflikte hinausgeht. Auch hier entfernt sich Das Leuchten der Erinnerung nicht von den bekannten Standardsituationen eines Roadmovies, erzeugt jedoch – wie schon zuvor gelegentlich – dank der guten Besetzung in den Hauptrollen einige einnehmende Passagen.

Die Britin Helen Mirren und der Kanadier Donald Sutherland, die bereits im Jahre 1990 für das Biopic Bethune – Ein Arzt wird zum Helden gemeinsam auf der Leinwand zu sehen waren, können in ihrer Interaktion zu jeder Zeit die Vertrautheit zwischen langjährigen Eheleuten beglaubigen. Als ehemaliger Professor, der sich auch in seiner jetzigen Verfassung noch häufig zu literarischen Exkursen über James Joyce oder Ernest Hemingway hinreißen lässt, liefert Sutherland eine würdevolle Leistung; ebenso überzeugt Mirren sowohl in den schlagfertig-witzigen Momenten ihrer Figur als auch in den Situationen, in denen Ellas Wehmut und Wut zum Vorschein kommen – etwa wenn John in Augenblicken der Klarheit zu seiner Frau "zurückkehrt" oder wenn diese die Vergangenheit plötzlich in einem ganz neuen, wenig vorteilhaften Licht betrachten muss. Die Melange aus Humor und Ernsthaftigkeit gelingt Virzì in Das Leuchten der Erinnerung insgesamt etwas besser als in seinem nicht allzu stimmig erzählten Vorgänger Die Überglücklichen, in welchem es ebenfalls um einen Road-Trip ging. Etwas mehr von dem audiovisuellen Einfallsreichtum, den er darin an den Tag legte, und etwas mehr Dringlichkeit im Verlauf des Plots wären hingegen vonnöten gewesen, um sein neues Werk über den Durchschnitt hinauszuheben.
 

Das Leuchten der Erinnerung (2017)

Das Kino liebt "Coming-of-Age"-Geschichten; in unzähligen Filmen können wir den dornigen Weg vom Jugend- zum Erwachsenenalter miterleben. Vergleichsweise rar sind in der Filmhistorie indes die Werke, die sich dem Altsein widmen. In jüngster Zeit zeichnet sich jedoch ein Trend zum "Age-Movie" ab.

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