This Is England – Ende einer Kindheit

This Is England – Ende einer Kindheit

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Donnerstag, 26. Juli 2012, 3sat, 22:25 Uhr

England im Jahre 1983: Ein Jahr nach dem Ende des Falkland-Krieges herrscht in England eine gedrückte Stimmung, die Eiserne Lady Margaret Thatcher regiert das Land mit starker Hand. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 3,5 Millionen und die rechtsradikale „National Front“ befindet sich in einem deutlichen Aufwärtstrend – die Verunsicherungen der anhaltenden Rezession sind deutlich spürbar und führen geradewegs in starke soziale Verwerfungen innerhalb der britischen Gesellschaft.

Der zwölfjährige Shaun (Thomas Turgoose), dessen Vater vor kurzem im Falkland-Krieg als Soldat gefallen ist, ist der geborene Außenseiter: Klein, dicklich, unreif, mit einem vorzeitig gealterten Gesicht und denkbar uncoolen Klamotten ist er inmitten von all den Mods, New Romantics und Rude Boys an der Schule eine beliebte Zielscheibe des Spotts. Als er eines Tages wieder einmal frustriert nach Hause läuft, begegnet er dem Skin Woody (Joseph Gilgun), der sich trotz seines martialischen Äußeren als netter Kerl entpuppt und den Kleinen in seine Gruppe aufnimmt. Hier findet Shaun etwas, das er seit dem Tod seines Vaters schmerzlich vermisst – eine männliche Identifikationsfigur, Zusammenhalt, Freundschaft und Solidarität. Außerdem sind die Jungs um Woody eher eine unpolitische Gruppierung der Skinheads, wie sie vor allem in den frühen Tagen der Bewegung durchaus üblich waren, noch ist keine Spur von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit zu spüren – im Gegenteil: Neben Gadget und Pukey gehört mit Milky (Andrew Shim) auch ein aus Jamaika stammender „Rude Boy“ zu der Gang, deren größtes Vergnügen darin besteht, verlassene Häuser zu verwüsten – ein für britische Verhältnisse eher harmloser Zeitvertreib. Beseelt von der Gemeinschaft, die für Shaun sogar eine Ahnung von erster Liebe in Gestalt der um einiges älteren Smell (Rosamund Hanson) bereit hält, wandelt sich der Junge mittels ultrakurzem Haarschnitt, Stiefeln, Jeans, Ben Sherman Hemd und Hosenträgern zu einem echten Skin. Sein Glück scheint perfekt – zumindest für kurze Zeit. Das ändert sich schnell, als der gewalttätige Combo (Stephen Graham) aus dem Knast entlassen wird und die Führungsrolle der Gruppe für sich beansprucht. Angewidert von Combos rassistischen Parolen und seiner Ausländerfeindlichkeit verlassen Woody und einige andere die Gang, Shaun aber bleibt – fasziniert vom martialischen Auftreten des starken Mannes und von diesem geschickt manipuliert – an der Seite seines Vorbildes und folgt ihm auf Veranstaltungen der rechtsradikalen „National Front“. Erst als sich bei einer Party der wahre Charakter Combos in einem eruptiven Gewaltausbruch deutlich zeigt, hat Shaun den Mut, sich aus dem Bannkreis der Nazi-Skins zu lösen…

Shane Meadows, der in der englischen Filmszene bis zu diesem Film eher als Außenseiter galt, erweist sich mit This Is England, der fürs deutsche Fernsehen den Untertitel „Ende einer Kindheit“ beigesellt bekam, als kritischer Chronist der achtziger Jahre und genauer Beobachter der Skinhead-Bewegung. Ohne überflüssige Mätzchen und mit feinen Details erzählt er von der schleichenden Verelendung der Arbeiter in jenen Jahren, von der Perspektivlosigkeit der Jugend, die zwischen blinder Rebellion und drakonischen Prügelstrafen an den Schulen ziellos agiert und vor allem vom Schicksal des kleinen Shaun, der exemplarisch für weite Teil der britischen Skinhead-Szene in den Dunstkreis der „National Front“ gerät, bis er sich wieder daraus befreien kann. Geschult an den Filmen von Regisseuren wie Ken Loach und Mike Leigh baut Meadows vor allem auf die Ausstrahlung seiner durchweg hervorragend agierenden jungen Schauspieler, von denen vor allem Thomas Turgoose mehr als überzeugen kann. Wer einmal diesen Blick des Jungen am Ende des Films gesehen hat, der wird ihn nie wieder vergessen können.

Was allerdings ein wenig irritiert an diesem Film, sind die einmontierten dokumentarischen Sequenzen. So wecken die wiederholten Bilder aus dem Falkland-Krieg den Eindruck, der Film würde während des Konfliktes vor der Küste Argentiniens spielen – in Wirklichkeit ist zu dem Zeitpunkt, der im Film angegeben wird, der Krieg bereits seit einem Jahr vorbei. Ebenso freimütig geht der Film mit der Skinheadszene und deren Entwicklung um: 1983 hatten sich auf der Insel die verschiedenen Subkulturen der Ska-Szene längst voneinander getrennt und oft konkurrierende Gruppen gebildet – ein „Rude Boy“ wie der Jamaikaner Milky entspricht also eher einer Verdichtung als der subkulturellen Realität der frühen Achtziger. Geschmacksache ist auch die Musikauswahl, die neben Skinhead-typischen Sounds eher elegische Pianostücke des italienischen Komponisten Ludovico Einaudi enthält, die in manchen Momenten ein wenig aufgesetzt wirken. All diese Kritikpunkte fallen aber vor dem Hintergrund einer schnörkellos erzählten Geschichte mit einem bemerkenswerten Thomas Turgoose in der Hauptrolle kaum ins Gewicht. Ob der Film nun wirklich – wie von der sonst eher zurückhaltenden Tageszeitung The Times gefeiert – „der beste britische Film seit Trainspotting“ ist, muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. In seiner Heimat war This is England jedenfalls einer der Überraschungserfolge des Jahres 2007 und räumte zahlreiche Auszeichnungen ab. In Deutschland muss man aber lange suchen, um ein Werk zu finden, das in ähnlicher Weise die Geschichte einer Jugendbewegung thematisiert. Schade, dass es dieser Film nicht in die deutschen Kinos geschafft hat – vielleicht wäre der Aha-Effekt dort deutlich größer gewesen, dass man mittels Subkulturen auch sehr viel über die Stimmungslage eines Landes ausdrücken kann.
 

This Is England – Ende einer Kindheit

Shane Meadows bitteres Portrait eines jugendlichen Skinheads spielt im England der Thatcher-Ära. This is England wurde 2006 als beste britische Independent-Produktion ausgezeichnet.

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Meinungen
Skinni · 27.04.2016

Natürlich nicht, Horst da unten, da hast du Recht! Vielmehr viel mehr! Ein richtig cooler und dazu kritischer Film, sehr beeindruckend!

Horst · 24.10.2009

Dieser Film ist nicht das Material wert, auf dem er erstellt wurde!

Kommentare

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